Von Keimzellen und Bruchstellen
15.09.2026 SissachExperten sprechen bei einem Rundgang zur baulichen Entwicklung des Dorfes
In diesem Jahr war Sissach Schauplatz der Denkmaltage. Es konnte aus über einem Dutzend Programmpunkten ausgewählt werden. Einer der gut besuchten Rundgänge widmete sich dem Thema «Anatomie des ...
Experten sprechen bei einem Rundgang zur baulichen Entwicklung des Dorfes
In diesem Jahr war Sissach Schauplatz der Denkmaltage. Es konnte aus über einem Dutzend Programmpunkten ausgewählt werden. Einer der gut besuchten Rundgänge widmete sich dem Thema «Anatomie des Raums – qualitätsvolle Verdichtung».
Brigitte Keller
Der Startpunkt für den Rundgang lag bei der Linde beim Primarschulhaus – und damit bei den «Schauplätzen meiner Jugend», wie Markus Zentner, Präsident der Denkmal- und Heimatschutzkommission (DHK), zu Beginn seiner Begrüssung offenlegte. Er habe bei der Auseinandersetzung mit der Führung gemerkt, dass es aufgrund dessen nochmals anders sei, einen neutralen Blick auf gewisse Schauplätze und gewisse Eingriffe zu bekommen.
Neben Markus Zentner begleitete Kantonsplaner Thomas Waltert den Rundgang durchs Dorf. Sissach sei bekanntlich ausgezeichnet – als eine von rund 30 Gemeinden im Baselbiet – mit einem Ortsbild von nationaler Bedeutung. Wie umgehen mit so einem nationalen Erbe und den sich daraus ergebenden Fragen? Das seien Themen, mit denen er sich tagtäglich befasse, so Waltert.
Der geplante Rundgang mit dem etwas holprigen Titel «Anatomie des Raums – qualitätsvolle Verdichtung» führe entlang von ortsbaulichen Bruchstellen, also von Eingriffen, die passiert sind, wie Zentner weiter ausführte. Aber man solle sich auch ganz allgemein von der räumlichen Qualität von Sissach beeindrucken lassen. Am Schluss des Rundgangs nehme man gerne Voten und Eindrücke entgegen, was aufgefallen sei und was Sissach ausmache. Und, wie Waltert ergänzte, was daraus für die Zukunft gelernt werden könne.
Fundus von Wissen
Als Einstieg zum Rundgang zeigte Zentner einen «Meyer-Plan» von 1680, also einen Plan von Friedrich Georg Meyer, Geometer im 17. Jahrhundert, der im Auftrag der Basler Obrigkeit die Landschaft vermessen hat. «Das ist ein Fundus von Wissen, den Meyer uns da überliefert hat. Darauf ist die Urform von Sissach zu sehen.» Entlang dieser strukturellen Anfänge von Sissach bewege sich der Rundgang. «Was ganz wichtig für das Verständnis ist: Bereits damals ist in der Regel die Keimzelle von Sissach abgeschlossen gewesen.»
Erste Station des folgenden Rundgangs war das ehemalige Feuerwehrmagazin. «Das neue Sissacher Feuerwehrmagazin endlich bewilligt; zum dritten Mal innert Jahresfrist musste sich die Gemeindeversammlung von Sissach mit dem Neubau des Feuerwehrmagazins befassen»: Diese Worte stammen aus dem Protokoll der Gemeindeversammlung vom 28. Dezember 1963, das bei der Recherche zum Vorschein kam. Gemäss Überlieferung muss es sehr laut zugegangen sein, sogar von «Radaubrüdern» ist die Rede in dem Abschnitt, den Zentner zur Erheiterung der Zuhörenden vorlas. Eine anständige Lösung sei hier schliesslich gefunden worden, findet er. Oder, wie ein Teilnehmer meinte, man habe 60 Jahre Zeit gehabt, sich daran zu gewöhnen.
Nach vielen weiteren Stationen mit spannenden Ausführungen der beiden Fachpersonen sowie Fragen und Inputs von Teilnehmerinnen und Teilnehmern endete der gut eineinhalbstündige Rundgang vis-à-vis des Güterschuppens beim Bahnhof und damit in einem Gebiet, das aktuell sehr viel zu reden gibt. «Grossüberbauung wird zum Scherbenhaufen» lautete im August 2025 der Titel eines Artikels in der «Volksstimme» zum Sixmadun-Areal. Die Fragen, denen sich die Beteiligten dort stellen müssen, sind vielfältig und herausfordernd und werden wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen.
Es geht ums Ganze
«Es ist immer das gefügte Ganze. Dafür müssen wir einen Sinn entwickeln und nicht nur über einzelne Objekte diskutieren.» Es gehe ums Ganze, um die Verzahnung der Struktur und den Raum in der Gesamtbetrachtung, wie Zentner am Schluss des Spaziergangs festhielt. Wer soll, darf oder muss mitreden können? Schon bei der Beantwortung dieser Frage einen Konsens zu finden, ist schwierig.
Einig waren sich die Teilnehmenden, dass Führungen, wie die gerade miterlebte, Augen öffnen und Verständnis wecken können. Es wäre wünschenswert, wenn es öfters solche Angebote gäbe. Man bedauerte schon fast, dass der Rundgang an diesem Punkt endete, und viele diskutierten noch rege weiter. Gerade entlang der Sissacher Bahnhofstrasse markieren verschiedene Entwicklungsareale jene Orte, an denen sich die Themen Verdichtung, Neuordnung und ein möglicher Massstabssprung besonders deutlich zeigen.

