Von der Stube in die Fabrikhallen
02.07.2026 SissachSerie Themenweg (1.) Die Textilindustrie
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge aus ...
Serie Themenweg (1.) Die Textilindustrie
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge aus den Texten zu den acht Stationen des historischen Rundgangs. Heute: Textilindustrie.
Robert Bösiger
Die Seidenbandfabrikation prägte Sissach ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entscheidend. Was zunächst in Heimarbeit begann, verlagerte sich ab den 1860er-Jahren zunehmend in grosse Fabrikhallen, wie die Obere und Untere Fabrik. Dort arbeiteten vorwiegend Frauen an mechanischen Webstühlen, angetrieben zuerst durch Wasser und Dampf, später durch Elektrizität.
Viele Kinder – wie Pauline Wirz – brachten ihren Müttern oder Vätern das Essen in die Fabrik. Jahrzehnte später hielt Pauline ihre Bilder in Baselbieter Gedichten und Geschichten fest.
Ab Mitte des 20. Jahrhunderts geriet die lokale Textilproduktion durch günstigere Importware und den Wandel in der Mode zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Nach der Schliessung der Seidenbandproduktion stellte der Unternehmer Max Wernli in der Oberen Fabrik ab 1955 Tricotwäsche her und führte die Anlage als modernen Textilstandort weiter. Nachdem auch diese Produktion im Jahr 1984 eingestellt wurde, fanden die Gebäude neue Aufgaben im Dorf. So wie wir sie heute in Sissach kennen.
Pauline Wirz-Wirz, Primarlehrerin und Schriftstellerin
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Sissacher Primarlehrerin Pauline Wirz-Wirz (1894 – 1968) damit begonnen, ihre Jugenderinnerungen aufzuschreiben. So verfasste sie Gedichte und zahlreiche Geschichten – alles in Baselbieter Mundart, voller Gefühlswärme und Menschenliebe.
Im Januar 1947 taucht der Name Pauline Wirz-Wirz erstmals in der «Volksstimme» auf. In einem Inserat, unterzeichnet von sämtlichen Ortsparteien (Arbeiterunion, Bauernpartei, Demokratische Partei, Evangelische Volkspartei, FDP und SP), wird sie zusammen mit fünf Männern (mitunter Hans Nebiker, Paul Loewensberg und Ulrich Fausch-Bossert) zur Wahl in die Primarschulpflege empfohlen.
Pauline Wirz erblickt am 9. Oktober des Jahres 1894 in Sissach das Licht der Welt. Ihr Vater, Albert Wirz, ist Gemeindeförster und die Mutter, Elise, geborene Ehrsam, stammt aus Ramlinsburg. Pauline ist das jüngste von neun Kindern, von denen fünf bereits im Kindesalter sterben.
Sie besucht die Primar- und Sekundarschule in Sissach, danach absolviert sie die Töchterschule und das Lehrerinnenseminar in Basel, das sie im Frühjahr 1914 mit Diplom abschliesst. Anschliessend vikariiert sie auf dem Nusshof, wird aber schon Monate später nach Sissach berufen. Sie hat ein ausgesprochenes Talent, einen spannenden Schulunterricht zu gestalten. Die Freude, die sie dafür empfindet, spiegelt sich später in der Tatsache, dass sie noch Jahrzehnte später regelmässig von ehemaligen Schülerinnen und Schülern angesprochen und begrüsst wird.
1921 heiraten Pauline Wirz und der Postbeamte Paul Wirz (1892 – 1980) in Sissach. Der Ehe entspringen die beiden Söhne Paul und Jacques und die Tochter Hedwig. Wirz engagierte sich neben ihrer Rolle als Primarlehrerin und Mutter auch im öffentlichen Leben. So etwa als Präsidentin des Frauenchors Cäcilia und als Kassierin des Kirchenchors. Während zweier Perioden ist sie Mitglied der Primarschulpflege und einige Jahre betätigt sie sich im Vorstand der hauswirtschaftlichen Fortbildungsschule und der Arbeitsschule sowie in der Kommission für Kindergärten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt Wirz damit, ihre Jugenderinnerungen aufzuschreiben. Sie verfasst Mundart-Gedichte und Geschichten und bald erfreuen diese nicht nur die Leserschaft der «Volksstimme», sondern auch das Radiopublikum. Sie erinnert sich in einem Beitrag daran, wie sie als Mädchen Gelegenheit hatte, die Seidenbandfabrikation in der Oberen Fabrik zu besichtigen: «E bsunderi Freud han i albe gha, wenn mer in die lange, grosse Sääl ynecho sy. Dä Lärme, won is do entgege cho isch, wenn mer die höchi Türe ufgmacht häi! S eige Wort het me nümm verstande.» Es darf vermutet werden, dass sie zu jenen Kindern gehört hat, die den in der Fabrik arbeitenden Familienmitgliedern das «Zoobe» vorbeigebracht haben: «Zum Glück häi die Zoobeträger gwüsst, wo d Mueter, der Vater, d Schweschtere oder d Brüedere ihri Stüel gha häi.»
Das Können seiner Mutter als Autorin beschreibt Jacques Wirz folgendermassen: «Sie besass das Dichterische, diese geheimnisvolle Gabe, dem Gewöhnlichen so viel Reizvolles zu geben, und gerade nur so viel, dass man davon nicht mehr loskommt und davon nie genug haben kann, wie etwas Selbstverständliches.»
Nach einem längeren Spitalaufenthalt stirbt Pauline Wirz am 10. März des Jahres 1968.
Bim Wäbstuel
I gseh mi dinne gfätterle. I ghör der Wäbstuel tschättere. D Mueter zieht fescht an der Stange, isch froh, wenn d Syde nit tuet bhange. Jetz zündet si e Lampen a, zem Wäbe mues si heiter ha. Lue do dä Schatten an der Wand! I will en hebe mit der Hand. Doch är isch nit dört, won i will. Wenn d Mueter holtet, stoht er still. Los, d Mueter singt es oltis Lied: Vo Liebi, wo zweu zäme gönge Und wo doch nie, nie zäme chömme. D Flamme wirft e hälle Schyn Uf d Bändel mit de Farbe fyn. So wäbts und wäbts und wäbts alls zue, Bis d Mueter sait: «Für hüt ischs gnue!» Der Wäbstuel, dä stellsch mängischt ab, Doch s Läbe wäbt, rätätätsch, schabab. Bis einischt, do stohts ufsmool still, Und s frogt aim nit, öb mes so will.
Max Wernli, inovativer Fabrikant und Filmer
Der Unternehmer Max Wernli (1921 – 1994) erwirbt 1955 die Obere Fabrik in Sissach, um hier, wo vor Jahrzehnten noch Bänder gewoben wurden, Tricotwäsche herzustellen.
Am 17. September 1921 erblickt Max Wernli als erstes von sechs Kindern des Itinger Bauernpaars Emil und Bertha Wernli das Licht der Welt. Max wächst mit den zwei Brüdern Jacques und Alfred sowie mit Lotty auf. Emil und Bertha Wernli-Notz ziehen im August 1920 nach Itingen und bewirtschaften einen kleinen Bauernbetrieb.
Wernli absolviert in der Liestaler Hanro eine Lehre als Maschinenmechaniker. Er lernt Rosa (geb. Weisskopf) aus Pratteln kennen und lieben. Der Ehe entspringen vier Kinder: Peter, Kurt, Erich und Heidi.
Nach dem Zweiten Weltkrieg versucht der junge Textilkaufmann Max Wernli ohne einen Auftrag in der Tasche selbstständig zu werden. Zunächst beginnt er in einem Estrichzimmer mit der Herstellung von Oberkleidern (Wolljacken und Pullovern). Der Erfolg bleibt allerdings mässig. So stellt der mit einem eisernen Willen gesegnete junge Mann auf Unterwäsche um. Dies bringt die Wende, auch weil er seine Produkte dank seiner Hartnäckigkeit bei Warenhäusern ins Sortiment bringen kann.
Erfolg stellt sich ein
Der Grundstein war gelegt und Max Wernli und sein Team – immerhin nun schon zehn Beschäftigte – konnten auf ihren Handstrickmaschinen Damen-, Herren- und Kinderunterwäsche herstellen. Das junge Unternehmen Max Wernli & Cie. wächst rasch und so mietet er sich gegen Ende der 1950er-Jahre in die Untere Fabrik in Sissach und später in die Shed-Halle der Firma Ringwald in der Hinteren Fabrik (ehemaliges Gerberei-Areal) ein.
Um die Leistungsfähigkeit weiter zu steigern, erwirbt Unternehmer Max Wernli die ersten elektrischen Rundstrickmaschinen und dazu noch einige spezielle Schnelllauf-Nähmaschinen. Anno 1952 beschäftigt die Firma Max Wernli & Co. AG bereits rund 30 Personen. Später hat sich Wernli auch im Bereich Frottierweberei versucht; doch es bleibt beim Versuch.
Als die Florettspinnerei Ringwald AG in Sissach den Betrieb aufgibt, erwirbt Max Wernli im Jahr 1955 die Obere Fabrik. Erneut wird der Maschinenpark mit Strick-, Näh- und Zuschneidemaschinen ausgebaut. So kann der innovative, aber auch harte Geschäftsmann den Kundenkreis, der bisher nur aus namhaften Schweizer Warenhäusern besteht, weiter ausdehnen.
Das Unternehmen wird zu einem bedeutenden Fabrikationsbetrieb im Damen-, Herren- und Kinderunterwäsche-Bereich und auch für die Standortgemeinde Sissach. 1967 stehen gut 70 Beschäftigte auf der Lohnliste, dazu noch rund 20 Heimarbeiterinnen. Ein Jahrzehnt später gibt Patron Wernli der «Volksstimme» zu Protokoll, dass jährlich allein rund 180 000 Pyjamas produziert werden, daneben noch viele weitere Textilien wie Unterwäsche, T-Shirts und Hausdresses. Monatlich werden damals bis zu 7000 Meter Reissverschlüsse konfektioniert.
Leidenschaftlicher Filmer
Die zweite grosse Leidenschaft von Max Wernli war das Filmen und Fotografieren. In dieses Hobby hat er viel Geld investiert, damit aber auch abendfüllende Filme gedreht. Für den Film «Montreux du lac aux Rochers de Naye» wird er 1971 mit einem 3. Preis der «Amis Cinéastes Amateurs» gewürdigt.
Zu einem Publikumserfolg, zumindest in Sissach, wird auch sein Film «Sissech». So kamen zum Beispiel am 26. «Jänner» 1997 über 400 Besucher in die Sissacher Primarschulturnhalle, um diesen Film zu sehen. Drehbuchautor war Wernlis Freund Thomas «Höpp» Rieder. Wernli drehte zum Beispiel am Dorffest 1968, am Banntag, im Heimatmuseum und in Sissachs Beizen, führte das Publikum in den Schlosspark Ebenrain, an die Fasnacht und ans Maisingen und -tanzen.
Die Ehe von Rosa und Max Wernli-Weisskopf war nur von kurzer Dauer. Nach der Scheidung heiratete Wernli Georgette Hubleur (1914 – 1993). Nach der Schliessung der Fabrik im Jahr 1984 und nach dem Tod seiner zweiten Frau Georgette verbrachte Wernli viel Zeit in seinem Feriendomizil im Wallis. Dort starb er im Juni 1994 denn auch.




