Vom Umgang mit Druck
25.06.2026 SportGiulia Steingruber spricht über Rückschläge und mentale Stärke
Olympia-Medaillengewinnerin Giulia Steingruber war am Dienstag in Muttenz zu Gast. Die ehemalige Kunstturnerin gewährte nicht nur Einblicke in ihre Karriere, sondern sprach offen über Druck, ...
Giulia Steingruber spricht über Rückschläge und mentale Stärke
Olympia-Medaillengewinnerin Giulia Steingruber war am Dienstag in Muttenz zu Gast. Die ehemalige Kunstturnerin gewährte nicht nur Einblicke in ihre Karriere, sondern sprach offen über Druck, mentale Blockaden und die Schattenseiten des Spitzensports.
Wendy Maltet
Wie geht man mit Druck um? Wie steht man nach Rückschlägen wieder auf? Und was braucht es, um auf höchstem Niveau erfolgreich zu sein? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der jüngste «Coach Tank» der Rennbahnklinik und des Fussballverbands Nordwestschweiz. Das Veranstaltungsformat richtet sich an Trainerinnen und Trainer, Vereinsverantwortliche sowie Interessierte aus dem Sport und bietet regelmässig Einblicke von Persönlichkeiten aus dem Spitzensport.
Mit Giulia Steingruber war eine der erfolgreichsten Schweizer Sportlerinnen der vergangenen Jahrzehnte zu Gast. Die Ostschweizerin gewann 2016 in Rio de Janeiro als erste Schweizer Kunstturnerin überhaupt eine olympische Medaille. Hinzu kommen mehrere Europameistertitel, Weltcup-Siege sowie die Auszeichnung als Schweizer Sportlerin des Jahres. 2021 führte sie die Schweizer Delegation als Fahnenträgerin an die Olympischen Spiele in Tokio.
Mit 14 aus dem Elternhaus
Der Weg an die Weltspitze begann früh. Mit 14 Jahren verliess Steingruber ihr Elternhaus in Gossau und zog zu einer Gastmutter nach Biel, um am nationalen Leistungszentrum in Magglingen trainieren zu können. «Mit 14 konnte ich gerade einmal eine Pizza in den Ofen schieben», erinnert sie sich lachend. Ernährung, Haushalt und Finanzen hätten damals noch nicht zu ihren Stärken gehört. Das Sackgeld sei meist schnell ausgegeben gewesen.
Auch sportlich verlief nicht alles nach Plan. Bei ihrer ersten Europameisterschaft 2011 hielt die damals 17-Jährige dem Druck nicht stand. «Ich bin beim ersten Sprung gestürzt», erzählt sie. Hinzu kamen Medienanfragen und die plötzlich grosse Aufmerksamkeit. Für die junge Athletin sei dies zunächst zu viel gewesen.
Ähnlich erging es ihr ein Jahr später an den Olympischen Spielen in London. Die Dimensionen des Grossanlasses hätten sie überwältigt. «Da sitzt plötzlich Usain Bolt neben dir beim Mittagessen.» Statt eines sportlichen Höhenflugs blieb vor allem Enttäuschung zurück. Doch Aufgeben war keine Option. Bereits 2012 gewann Steingruber ihre erste EM-Medaille am Sprung. Es folgte eine Karriere voller Erfolge mit den genannten Titeln und dem historischen Olympia-Bronzegewinn.
Dass sportlicher Erfolg weit mehr ist als körperliche Leistung, wurde im Verlauf des Abends deutlich. Immer wieder sprach Steingruber über mentale Herausforderungen und Blockaden. Knapp 20-jährig begann sie deshalb gezielt mit Mentaltraining. Sie arbeitete unter anderem mit Hypnose und Glaubenssätzen. «Hätte ich früher gewusst, wie hilfreich das ist, hätte ich viel früher damit angefangen», sagt sie rückblickend.
Bewusstes Krafttanken sei für sie ebenso wichtig gewesen wie das Training selbst. Sie zog sich gerne auf den Säntis oberhalb ihrer Heimatregion zurück und Ende 2016 entschied sie sich für eine längere Auszeit und reiste mit einer Freundin nach Australien. Rückblickend bezeichnet sie diese Pause als einen wichtigen Schritt zur Regeneration.
Erfolge und Verluste
2017 wurde für Steingruber zu einem Jahr der Extreme. Einerseits feierte sie sportliche Erfolge, andererseits musste sie den Tod ihrer Schwester verkraften. Diese war seit ihrer Geburt körperlich und geistig beeinträchtigt und starb im Alter von 26 Jahren an den Folgen einer Lungeninfektion. Die beiden verband eine enge Beziehung. Der Kontrast zwischen ihrer eigenen Spitzensportkarriere und dem Leben ihrer Schwester habe sie geprägt. «Dadurch lernte ich, die eigene Gesundheit wertzuschätzen.»
Anschliessend an ihre Erzählungen interessiert sich die «Volksstimme» dafür, ob sie ihre Karriere als Einzelsportlerin als einsamen Weg erlebt habe, oder ob Erfolge und Misserfolge ebenfalls als Teamleistung angesehen wurden. Gerade weil viele Gäste aus dem Fussballbereich anwesend waren, lag die Frage nahe. Steingrubers Antwort fiel differenziert aus. Natürlich brauche auch eine Einzelsportlerin ein starkes Team und Umfeld. Dennoch gebe es einen entscheidenden Unterschied: «Man kann sich hinter niemandem verstecken.» An den Geräten stehe man alleine.
Nach ihrem Rücktritt brauchte sie zunächst Abstand vom Sport. Zwei Jahre lang trainierte sie praktisch nicht mehr. Sie sei körperlich und mental erschöpft gewesen. Heute habe sie mit Thaiboxen eine neue Leidenschaft gefunden – ganz ohne Leistungsdruck. Beruflich arbeitet Steingruber mittlerweile im Marketing und engagiert sich als Mentaltrainerin.
Mit ihren offenen Schilderungen zeigte Giulia Steingruber an diesem Abend eine Seite des Spitzensports, die hinter Medaillen und Erfolgen oft verborgen bleibt. Wichtig sei nicht nur, wie man gewinnt, sondern wie man mit Niederlagen, Rückschlägen und Erwartungen umgeht, ohne daran zu zerbrechen.

