Vom Turner zum Dauerläufer
08.10.2026 Sport, LeichtathletikMichael Pletscher hat im Marathon ambitionierte Ziele
Michael Pletscher startet am Sonntag am Chicago-Marathon. Für den 42-jährigen Bubendörfer ist es der nächste Schritt eines ambitionierten Projekts. Dabei liegen seine Wurzeln in einer völlig anderen Sportart: ...
Michael Pletscher hat im Marathon ambitionierte Ziele
Michael Pletscher startet am Sonntag am Chicago-Marathon. Für den 42-jährigen Bubendörfer ist es der nächste Schritt eines ambitionierten Projekts. Dabei liegen seine Wurzeln in einer völlig anderen Sportart: dem Kunstturnen.
Thomas Ditzler
2:30 Stunden. Diese Zeit hat Michael Pletscher im Kopf, wenn er an die Metropole am Südwestufer des Michigansees denkt. Am Sonntag steht der 42-jährige Bubendörfer am Start des Marathons in Chicago. Auf einer der schnellsten Marathonstrecken der Welt will er ausloten, was für ihn über die 42,195 Kilometer möglich ist. «Ich habe mir eine Zeit von 2:30 Stunden als Ziel gesetzt», sagt der Bubendörfer. Dafür müsste er im Durchschnitt jeden Kilometer in rund dreieinhalb Minuten zurücklegen.
Dass er sich solche Zeiten überhaupt zum Ziel setzt, hätte vor Jahren wohl kaum jemand erwartet. Denn Pletschers sportliche Vergangenheit liegt nicht im Ausdauerbereich. Im Gegenteil: Einst war Pletscher Kunstturner. Explosivität, Kraft und Schnelligkeit waren dort gefragt. Heute absolviert er Trainingswochen mit weit mehr als 100 Laufkilometern.
Chicago ist für ihn mehr als einfach der nächste Marathon. Nach Läufen unter anderem in Paris, Hamburg, Berlin und Boston ist es ein weiterer Schritt in seiner noch jungen zweiten sportlichen Leidenschaft. Pletscher reist mit einer Referenzzeit in die Vereinigten Staaten, die sich durchaus sehen lassen kann: Seinen letzten grossen Marathon lief er in diesem April in Boston in 2:36 Stunden.
In Paris Blut geleckt
Den ersten Marathon bestritt Pletscher vor drei Jahren in Paris. Seine Schwester, selbst auch Marathonläuferin, hatte ihm dieses Rennen als Einstieg empfohlen. Pletscher wollte ausprobieren, ob ihm die 42,195 Kilometer liegen – und nahm sich gleich die Drei-Stunden-Marke vor. Nach 2:53 Stunden war er im Ziel.
Das Interesse an dieser Sportart war damit geweckt. Aus dem ersten Versuch wurde ein ambitioniertes Hobby. Inzwischen geht es längst nicht mehr nur darum, einen Marathon zu absolvieren. Pletscher will wissen, wie schnell er werden kann. Dabei liegt der Ausdauersport durchaus in der Familie. Sein Vater lief und fuhr Velo, seine Schwester absolvierte den Marathon ebenfalls bereits unter drei Stunden. Pletscher selbst konnte dem Laufen als Kind dagegen wenig abgewinnen. Seine Welt war das Kunstturnen.
Als Junior war er Teil des nationalen Kaders. Als Erwachsener schaffte er es bis ins nationale Sichtungs-Nationalkader und trainierte zeitweise im Kunstturnzentrum des Schweizerischen Turnverbands in Magglingen.
Dann wurde er von einem bakteriellen Infekt ausgebremst und fiel längere Zeit aus. Gleichzeitig machte sein Körper einen Wachstumsschub durch. Rund 20 Zentimeter kamen hinzu. Für einen Kunstturner eine einschneidende Veränderung. «Das, was mich ausgezeichnet hat als schnellen, agilen und explosiven Turner, war weg.»
Er erkannte, dass es für den ganz grossen Schritt im Kunstturnen nicht reichen würde. Dem Turnen blieb er trotzdem treu. 2006 half er bei den Schweizermeisterschaften im Vereinsturnen in Sissach beim TV Ziefen aus und landete so in dessen Schaukelring-Riege. Später war er während vieler Jahre Oberturner in Ziefen und stand mit dem Turnverein mehrfach auf dem Podest.
Der Ehrgeiz ist geblieben
Vom explosiven Kunstturner zum Marathonläufer – körperlich könnten die beiden Sportarten kaum gegensätzlicher sein. Pletscher merkt das heute selbst: «Die Spritzigkeit von früher ist nicht mehr vorhanden.» Dafür kann er 42 Kilometer in einem Tempo laufen, das für viele Freizeitsportler schon über kurze Distanzen kaum vorstellbar ist.
Was von seiner Zeit als Kunstturner geblieben ist, sei die Einstellung. «Ich kann nicht einfach ein bisschen etwas machen. Es muss immer mit einem Ziel verbunden sein», sagt er. Durchhaltewillen, Zielstrebigkeit und die Bereitschaft, für den Sport auf anderes zu verzichten, habe er schon im Kunstturnen gelernt. Das hilft ihm heute besonders in jenen Phasen eines Marathons, in denen Körper und Kopf an ihre Grenzen stossen. «Manchmal denkst du, jetzt könnte ich aufhören.» Dann gelte es, den Fokus zu behalten, die Situation anzunehmen und weiterzumachen. Gerade diese Fähigkeit, gewisse Schwellen zu überwinden, sieht Pletscher als etwas, das ihn aus seiner Zeit im Turnen begleitet. Seine Marathon-Ambitionen verlangen ihm auch im Training einiges ab. Einen Trainer hat er nicht: «Ich bin mein eigener Coach.» Pletscher beobachtet andere Läufer, holt sich Anregungen und hat mit der Zeit herausgefunden, welche Trainingsreize für ihn funktionieren.
Dehn- und Stabilisationsübungen aus seiner früheren Sportart gehören dabei weiterhin zum Programm. Sie sollen helfen, seinen Körper auf die Belastungen vorzubereiten. Denn neben dem Sport gilt es für den zweifachen Vater, die Arbeit als Anwalt und das Familienleben unter einen Hut zu bringen. Mehr als zwei Marathons im Jahr seien für ihn deshalb mit einer seriösen Vorbereitung nicht sinnvoll.
Nächster Meilenstein: Chicago
Sein unmittelbarer Fokus gilt nun dem Chicago-Marathon. Vor diesem Rennen baute er verschiedene Wettkämpfe in seine Vorbereitung ein. Der Liestaler Stadtlauf gehörte ebenso dazu wie ein Halbmarathon in Sarnen und der Greifenseelauf. Solche Rennen helfen ihm, im Hinblick auf den grossen Tag an die Belastungsgrenze zu gehen.
Erst danach will Pletscher definitiv entscheiden, mit welchem Tempo er in Chicago startet. Denn so ehrgeizig das Ziel von 2:30 Stunden ist: Erzwingen will er nichts. Merkt er, dass die Form dafür nicht reicht, wird er seine Erwartungen anpassen. «Mir ist es wichtiger, einen Marathon vernünftig zu Ende zu laufen, als einer unrealistischen Zwischenzeit hinterherzujagen», sagt er.
Chicago ist für ihn Teil eines grösseren Plans. Der Bubendörfer möchte die sechs traditionellen Marathon-Rennen von Tokio, Boston, London, Berlin, Chicago und New York absolvieren – und jedes davon unter drei Stunden. Boston und Berlin hat er bereits geschafft, am Sonntag soll der dritte Streich folgen. New York ist im kommenden Jahr geplant, auch Tokio und London stehen noch auf seiner Liste.
Zunächst zählt aber Chicago. Überquert Pletscher am Sonntag die Ziellinie, ist die Hälfte seines Marathon-Projekts geschafft: Drei der sechs grossen Marathons wären abgehakt. Gelingt ihm dabei auch noch die erhoffte schnelle Zeit, wäre es eine Halbzeit ganz nach seinem Geschmack.
Zur Person
td. Michael Pletscher (42) war in seiner Jugend Kunstturner und schaffte es bis ins Sichtungs-Nationalkader des Schweizerischen Turnverbands. Später wechselte er ins Vereinsgeräteturnen zum TV Ziefen und war während Jahren als Oberturner aktiv und ist nach wie vor Mitglied der Ziefner Schaukelring-Riege. Michael Pletscher ist in Bubendorf aufgewachsen und wohnt mittlerweile mit seiner Familie dort. Beruflich ist er als Anwalt tätig.


