Viele Hüte – und ein Velohelm
10.07.2026 PolitikAndrea Heger, Gemeindepräsidentin und Landrätin EVP, Hölstein
Wer politisch tätig ist, trägt oft mehrere Hüte. Ich unter anderen den als Gemeindepräsidentin von Hölstein, Landrätin der EVP, Mitglied der Parteileitung der ...
Andrea Heger, Gemeindepräsidentin und Landrätin EVP, Hölstein
Wer politisch tätig ist, trägt oft mehrere Hüte. Ich unter anderen den als Gemeindepräsidentin von Hölstein, Landrätin der EVP, Mitglied der Parteileitung der EVP Baselland und des nationalen Parteivorstands. Dazu gehören Sitzungen, Vorlagen, Fraktionsgeschäfte, Parteitermine, Mails, Telefonate und Gespräche auf der Strasse. Manchmal frage ich mich, ob ich noch eine weitere Hutablage brauche – nicht für modische Hüte, sondern für all die unsichtbaren politischen Kopfbedeckungen.
Der Gemeinde-Hut hört genau hin, wenn jemand von einer defekten Strassenlampe, einer unklaren Verkehrssituation oder einem anderen Dorfanliegen erzählt. Der Landrats-Hut denkt in kantonalen Zusammenhängen. Der Partei-Hut fragt nach Werten und tragfähigen Kompromissen. Und der Fraktions-Hut erinnert daran, dass Politik selten allein gemacht wird, sondern im Gespräch mit Menschen, die nicht immer alles gleich sehen – was manchmal herausfordernd, oft aber sehr wertvoll ist.
Besonders deutlich wird die Hüte-Vielfalt jeweils vor den Ferien. Mein Mann und ich machen gerne Veloreisen, auch im Ausland. Eigentlich müsste ich gerade Velotaschen packen: Regenjacke, Ladekabel, Sonnencreme, Pass und sicherheitshalber etwas Geduld für die nächste Steigung. Gleichzeitig gilt es, diese «Carte blanche» zu schreiben. Wie so oft wird die Zeit knapp, beides ist aber wichtig. Die Velotour soll schliesslich nicht ohne Zahnbürste beginnen, die geschätzte Leserschaft nicht ohne Text bleiben.
In solchen Momenten lohnt es sich auch als Politikerin, mit der Zeit zu gehen. Wurde früher vielleicht der Fülli gezückt, greift man heute augenzwinkernd zu moderner Unterstützung durch KI. Nicht, um mir das Denken abzunehmen – das wäre in der Politik ohnehin gefährlich –, sondern eher als digitale Packhilfe für Gedanken. Welche Ideen müssen unbedingt mit? Was darf daheim bleiben? Und was passt noch in die vorgegebene Zeichenzahl?
Gäbe es fürs Velopacken eine ähnliche Funktion wie «Bitte optimiere zwei Velotaschen für wechselhaftes Wetter, politische Unterlagen, eine Notapotheke und ein möglichst friedliches Eheleben auf langen Etappen» – ich wäre dankbar. Als Antwort käme wohl: weniger Papier, mehr Pausen – und die Regenjacke griffbereit verstauen.
Ganz abschalten lässt sich Politik auf Reisen nicht immer. Während andere in einem Dorf vielleicht die Fassaden oder das nächste Café betrachten, beurteile ich Velowege, Gemeindetafeln oder Begegnungszonen. Mein Mann kennt das inzwischen. Wenn ich langsamer fahre, liegt es nicht immer an der Steigung. Nein, sondern weil Reisen den Blick weitet. Man sieht, wie andere Orte ähnliche Themen angehen: Wie bleibt ein Dorf lebendig? Wie gelingt Mobilität? Wie wirken Begegnungsräume einladend? Von einer Velotour nehme ich viel mehr als nur schöne Fotos und müde Beine mit nach Hause.
Und per Velo wie in der Politik gilt: Gegenwind gehört dazu, Pausen sind nötig und vorausschauend fährt es sich besser. Und falls unterwegs doch etwas vergessen geht, so hoffentlich höchstens der Regenschutz für den Velohelm – und nicht der Humor.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

