«Viele haben Angst, etwas falsch zu machen»
09.10.2026 HölsteinAlbert Kamber aus Hölstein ist seit fast 20 Jahren blind und orientiert sich mit dem Langstock. Im Interview erzählt er von Hindernissen im öffentlichen Raum, hilfreichen Leitlinien und davon, weshalb mehr Rücksichtnahme angebracht ist.
Pascal ...
Albert Kamber aus Hölstein ist seit fast 20 Jahren blind und orientiert sich mit dem Langstock. Im Interview erzählt er von Hindernissen im öffentlichen Raum, hilfreichen Leitlinien und davon, weshalb mehr Rücksichtnahme angebracht ist.
Pascal Kamber
Herr Kamber, wie orientieren Sie sich im öffentlichen Raum?
Albert Kamber: Wenn ich unterwegs bin, benütze ich meinen Langstock. Damit erkenne ich taktile Leitlinien am Boden und Hindernisse wie Stufen. Zu Hause hingegen taste ich mich mit der Hand vorwärts oder gehe der Wand entlang. Dort möchte ich mit dem Stock nichts umstossen.
Mit welchen Schwierigkeiten sind Sie wegen des Langstocks konfrontiert?
Der Langstock zeigt mir keine Hindernisse in der Höhe an. Er schützt mich nicht vor Dingen auf Kopfhöhe, zum Beispiel Verkehrsschildern oder Abstimmungsplakaten an Strassenlampen. Davor habe ich am meisten Respekt. Besonders lästig ist auch, wenn Äste und Sträucher nicht zurückgeschnitten sind oder Gras über den Randstein wächst. Wenn es nass ist, legt sich das Gras über den Randstein, was die Orientierung enorm erschwert. Ungenügend abgesperrte Baustellen mit herumliegenden Kabeln und Schläuchen sind eine weitere Gefahr. Ein mulmiges Gefühl habe ich auch, wenn ich vor einem Fussgängerstreifen stehe.
Wieso kommt ein Blindenführhund für Sie nicht infrage?
Ich hatte früher einen Labrador, als ich noch Mitglied beim Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) war. Damals reiste ich oft nach Basel oder Bern und war froh um «Molly». Sie war eine treue Begleiterin, bis sie altersbedingt in den Ruhestand ging. Seit ich pensioniert bin, bin ich weniger oft unterwegs und verzichte deshalb auf einen Blindenführhund. Für meine Spaziergänge reicht der Langstock. Zudem ist die Warteliste lang, und es gibt viele junge Blinde, die im Alltag dringender auf einen Hund angewiesen sind.
ie gut funktionieren die taktilen Leitlinien aus Ihrer Erfahrung?
Sie sind ein sehr gutes Instrument. Im Winter kann Schnee allerdings zum Problem werden, weil ich die Linien mit dem Langstock nicht mehr finde. Ich brauchte eine gewisse Zeit, bis ich mir die Technik angeeignet hatte. Seither helfen mir die Leitlinien sehr, besonders am Bahnhof. Abgesehen von grossen Städten wie Zürich, Bern oder Basel, wo bereits viele vorhanden sind, dürfte es in der Schweiz gerne noch mehr Leitlinien geben.
Wie ärgerlich ist es, wenn ein Fahrzeug oder Blumentöpfe auf diesen Linien stehen?
Im ersten Moment ist es sehr frustrierend. Viele Menschen wissen leider nicht, wozu diese Linien dienen. Allerdings ist kein Tag gleich: In Basel bin ich schon mehrmals problemlos dieselbe Strecke gelaufen – und plötzlich versperrt wieder ein Lastwagen den Weg.
Welche Erfahrung haben Sie mit Menschen gemacht, wenn Sie auf Hilfe angewiesen waren?
Positive wie negative. Einmal wusste ich am Bahnhof Liestal nicht, wann der nächste Zug fährt. Ich merkte, dass Leute auf einer Bank sassen, und fragte in die Runde – doch niemand antwortete. Erst später kam eine Frau zu mir und fragte, ob sie helfen könne. Oft steckt keine Absicht dahinter: Viele – tendenziell eher ältere – Menschen haben Angst, etwas falsch zu machen, und sagen deshalb gar nichts. In der Stadt erlebe ich jedoch mehr Aufmerksamkeit als auf dem Land.
Wie sollten die Menschen Sie idealerweise ansprechen?
Sie sollten mich nicht direkt an der
Hand nehmen oder sich bei mir einhängen, das ist ein «No-Go». Am besten fragen sie mich, ob und wie sie helfen können – ich nehme diese Unterstützung dankend an. Beim gemeinsamen Gehen halte ich die Person am Oberarm fest. So können wir sicherer laufen.
Der Internationale Tag des Weissen Stocks ruft zu mehr Achtsamkeit auf. Was halten Sie davon?
Ich finde es gut, dass es diesen Tag gibt und regelmässig Themen aufgegriffen werden. Die Bevölkerung muss noch stärker sensibilisiert werden. Ich hoffe, dass die Menschen dadurch offener mit uns umgehen und eher bereit sind zu helfen.
Wo sehen Sie Behörden, Politik und Gesellschaft in der Pflicht?
Ich wünsche mir mehr Zusammenarbeit, zum Beispiel zwischen Architekten und dem SBV. Der Verband stellt auf seinen Plattformen viele nützliche Informationen zur Verfügung – etwa dazu, wie Baustellen sehbehindertengerecht abgesperrt werden sollten.
Tag des Weissen Stocks
kam. Jeweils am 15. Oktober macht der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) auf die Herausforderungen blinder und sehbehinderter Menschen im öffentlichen Raum aufmerksam.
Hindernisse wie abgestellte Fahrzeuge, Baustellen oder blockierte Leitlinien erschweren die sichere Orientierung. Mit lokalen Aktionen ruft der SBV deshalb zu mehr Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme im Alltag auf.
Zur Person
kam. Albert Kamber ist 66 Jahre alt, Vater von zwei erwachsenen Töchtern und wohnt mit seiner Ehefrau Pia in Hölstein. Kamber ist pensionierter Triebfahrzeugführer der ehemaligen Waldenburgerbahn. Im September 2007 erblindete er infolge einer schweren Erkrankung mit Multiorganversagen. Albert Kamber ist Onkel und Pate des «Volksstimme»-Autors.

