Unterwegs in einer Chaos-Stadt
30.06.2026 SissachGeschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 1
Sechs Sterne, ein Schiff und ein Taxifahrer, der beinahe von seiner eigenen Karre erschlagen wurde: Hanspeter Gsell begibt sich auf Kreuzfahrt durch den südlichen Indischen Ozean – von Mombasa über Madagaskar bis zu den ...
Geschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 1
Sechs Sterne, ein Schiff und ein Taxifahrer, der beinahe von seiner eigenen Karre erschlagen wurde: Hanspeter Gsell begibt sich auf Kreuzfahrt durch den südlichen Indischen Ozean – von Mombasa über Madagaskar bis zu den Seychellen.
Hanspeter Gsell
Eine Seereise sollte es werden. Dieses Mal aber werden wir weder auf einem Expeditions-, Fracht- oder Tauchschiff über die Meere schippern. Einmal im Leben wollte ich auf einem richtig eleganten Schiff reisen. Eine Sechs-Sterne-Kreuzfahrt. Auch ich habe mich über die Sternen-Inflation gewundert. Ich dachte bisher, bei 5 Sternen sei Schluss. Wir haben uns köstlich amüsiert. Die sechs Sterne beschränkten sich auf den Preis und die Hochglanzbroschüren – der Rest war solide vier bis hervorragende fünf Sterne wert.
Als Inselsammler fehlten mir noch die Inseln im südlichen Indischen Ozean. Nachdem wir im nördlichen Teil des Indischen Ozeans die Malediven besucht, und im südlichen Teil bereits die Komoren sowie Mauritius erlebt hatten, fehlten uns noch Sansibar, Madagaskar und die Seychellen. Und ein Schiff, das unsere Träume erfüllen konnte. Die Reise führte uns von Mombasa (Kenia) nach Sansibar und Daressalam (Tansania) über Madagaskar (Mahajanga, Nosy Bé, Antsiranana) auf die Inseln Praslin, La Digue und Mahé auf den Seychellen.
Um 9.40 Uhr hat uns in Sissach ein Taxifahrer abgeholt. Der Chauffeur wurde beim Ausladen unserer Koffer von der eigenen Karre beinahe erschlagen. Der elektrisch betriebene Kofferraumdeckel hatte sich selbstständig gemacht und war dem Fahrer auf den Kopf geknallt. Er hat es überlebt.
Der Flughafen Frankfurt ist schon wieder gewachsen. Leider nicht organisch, sondern ungeplant und chaotisch. Wir benötigen gute 50 Minuten innerhalb desselben Terminals, um unser Gate zu finden. Vorbei an Läden, Restaurants, Abstellräumen, Baustellen und mürrischen Angestellten. Die Menschen, die im Frankfurter Flughafen arbeiten, sind tatsächlich noch einmal unfreundlicher geworden, als sie es früher schon waren. Man beruft sich auf Unterbesetzung.
Auch unter den mit uns wartenden Passagieren benehmen sich einige wie Rüpel. Was soll’s! Es wird wohl unsere allerletzte Reise über und nach Frankfurt am Main sein. Ich weiss, ich habe Frankfurt schon früher beschrieben – verändert hat sich nichts.
Bewilligungswahnsinn
Die Ankunftsprozedur in Mombasa kann ich nicht beurteilen. Unsere letzte Einreise über diesen Flughafen ist schon beinahe 40 Jahre her. Der Flughafen wurde sicher seitdem neu gebaut. Sicher? Er sieht nicht wie ein Neubau aus.
Die Schlangen vor den Einreiseschaltern kann ich schon eher beurteilen. Sie sind beinahe so lang wie in Los Angeles, New York oder Chicago. Die Behörden verlangen nicht nur eine elektronische Reisebewilligung (ETA), sondern wollen gleich auch noch die Ausreisepapiere, ein Gelbfieber-Impfnachweis und einen Versicherungsnachweis für den ersten Stopp in Sansibar/Tansania sehen. Wenn Sie jetzt denken, die 6-Sterne-Reederei hätte dies alles für uns erledigt, dann denken Sie falsch.
Wochenlang (!) habe ich Bewilligungen von allen möglichen Staaten eingeholt. Die Situation änderte sich fast täglich. Nur dank unseres Reisebüros schafften wir es doch noch. Für die acht Stunden Aufenthalt in Kenia bezahlten wir beinahe so viel wie für einen Satz neuer Winterreifen.
Hatte es in Frankfurt am Main nach Reinigungsmitteln geschmeckt, waren es in Mombasa die wabernden Düfte von Hunderten Menschen, die in die halb offene Ankunftshalle strömten. Man konnte deren Ängste und Ärger förmlich schmecken. Ein grosser italienischer Familienverband machte seinem Ärger lauthals Luft. Tochter gegen Vater, Cousins gegen irgendwelche Tanten und Onkel. Sie versuchten, mit dem Wechsel der Kolonnen vor den Schaltern, die restlichen Massen an Menschen zu überholen. Es gelang ihnen schlussendlich nicht. Sie waren die Letzten am Kofferband und suchten vergeblich nach ihren vermissten Koffern.
Die Eichmeister von Mombasa
Es war einmal vor langer Zeit. Wir hatten mit der ganzen Familie Ferien in Mombasa gebucht. Vor unserem Rückflug in die Schweiz wurden im Hotel unsere Koffer gewogen. Man meinte, dass die Gäste immer wieder mit Übergewicht reisen würden. Man gab uns deshalb einen Zettel mit, auf dem das vom Hotel gewogene Gewicht notiert war. Unsere vier Koffer wogen 92 Kilogramm und entsprachen somit genau der von der Fluggesellschaft erlaubten Höchstmenge
Beim Eingang zum Flughafengebäude hatte ein Flughafenmitarbeiter eine uralte Waage aufgestellt. Sie war garantiert seit vielen Jahren nicht mehr geprüft worden, wahrscheinlich stammt sie noch aus der Kolonialzeit. Unser Gepäck wird gewogen und für zu schwer befunden. «Macht 500 Dollar», sagte er zu uns und öffnete sein Patschhändchen. Mit Übergewichts-Muftis sollte man besser nicht diskutieren; ich handelte ihn trotzdem auf 3 Kilogramm hinunter. Er gab sich damit zufrieden, kassierte 10 Dollar und wir durften das Abfluggebäude betreten. Nach längerer Suche fanden wir die Schalter unserer Fluggesellschaft. Dort wurde noch einmal alles gewogen. Und für gut befunden.
Und noch eine Erinnerung taucht auf: die Autos. Die importierten Fahrzeuge sind meist Schrottkarren aus Europa – ganze Branchen haben sich darauf spezialisiert, aus mehreren schrottreifen Fahrzeugen wieder ein fahrbares Auto zusammenzusetzen.
Ein Schiff wird kommen
Da unsere Kajüten noch nicht bezugsbereit sind, werden wir in einem Hotel auf der anderen Stadtseite am Meer zwischengelagert. Ich muss hier anmerken, dass Mombasa eine einzige Baustelle ist. Je nach Gesprächspartner entstanden die unterschiedlichsten Erklärungen für die Baustellen. Der eine sprach von einer neuen Autobahn Richtung Nairobi, ein anderer von einer riesigen Pipeline. Was davon tatsächlich stimmte, blieb unklar. In Afrika wachsen Gerüchte manchmal schneller als neue Strassen.
Schliesslich erreichen wir den Hafen. Dort werden wir zunächst in einer Lagerhalle untergebracht. Aber eine Sechs-Sterne-Reederei würde ihre Gäste doch niemals in einer alten Lagerhalle empfangen. Sie tat es sehr wohl. Wir nehmen es mit Humor. Nach den langen Warteschlangen am Flughafen überrascht uns inzwischen kaum noch etwas.
Wir werden fotografiert, vermessen und für gut befunden. Leider wusste niemand Bescheid, über welche Visa Schweizer für welche Länder verfügen mussten. Auch unsere Frage nach benötigten Gelbfieberimpfungen konnte niemand beantworten. Dafür funktionierte das Fotografieren und Kontrollieren umso besser. Schliesslich dürfen wir an Bord. Wir lassen die Mitarbeiter der Reederei ihre Arbeit erledigen, suchen unsere Kajüte und freuen uns auf unseren ersten Hafen: Sansibar.
Geschichten aus dem Indischen Ozean
vs. Hanspeter Gsell (Sissach), Autor und «Volksstimme»- Kolumnist, ist wieder unterwegs – dieses Mal auf dem Schiff: Auf einer Fahrt durch den Indischen Ozean konnte er eine ganze Menge neuer Inseln sammeln. Die siebenteilige Serie in der «Volksstimme» beinhaltet Reportagen und Geschichten aus Mombasa, Sansibar, Madagaskar, Praslin und La Digue. In lockerer Reihenfolge veröffentlichen wir seine Erzählungen. Unser Tipp: Lesen Sie auch zwischen den Zeilen. Eine Sommerserie, nicht nur für Daheimgebliebene!





