Täglich stehen Redaktorinnen und Redaktoren vor der Frage, wie sie der knappen Mehrheit der Bevölkerung sprachlich gerecht werden können, ohne fortwährend auf das Partizip Präsens zurückzugreifen: Ständig von Lehrenden und Studierenden zu schreiben, zeugt von ...
Täglich stehen Redaktorinnen und Redaktoren vor der Frage, wie sie der knappen Mehrheit der Bevölkerung sprachlich gerecht werden können, ohne fortwährend auf das Partizip Präsens zurückzugreifen: Ständig von Lehrenden und Studierenden zu schreiben, zeugt von Menschlichkeit, aber nicht von journalistischem Stil. Das ermüdet die … Lesenden. Und der Kunstgriff funktioniert sowieso nur im Plural.
Dass Kunstgriffe manchmal sogar schiefgehen können, hat die «Basellandschaftliche Zeitung» vergangenen Monat beim gendergerechten Eindeutschen von Polizeimeldungen gleich doppelt bewiesen. So bei einer Meldung aus Eptingen und Hersberg. Dort wurden angeblich im Namen des Gemeindepräsidenten betrügerische Mails verschickt, in denen «die Empfangenden» zu irgendeinem Kauf aufgefordert wurden. Empfangenden? Das klingt doch sehr nach Maria …
Wie man eine Polizeimeldung ebenfalls besser nicht umformuliert, hat uns die gleiche Zeitung am Vortag noch deutlicher vor Augen geführt: «Weitere acht Fahrende überschritten die erlaubte Höchstgeschwindigkeit zum Teil erheblich.» Zur Erinnerung: Nur eine Woche zuvor hatten die Kollegen der Walliser Polizei einen Konvoi von echten Fahrenden gestoppt. Von echten Fahrenden!
Das Umformulieren von Polizeimeldungen bleibt aber natürlich eine vornehme redaktionelle Pflicht. Vor allem, wenn die Medienstelle wie am 22. April wörtlich verlauten lässt: «Zudem wurde drei weiteren Fahrzeugen die Weiterfahrt untersagt.» Gendergerecht verbieten kann die Polizei das den Fahrzeugen allerdings nicht. Nur den Lenkenden, die aber wie gesagt keine Fahrenden sind …
Jürg Gohl