Träume platzen und neue entstehen
05.03.2026Der Klinikaufenthalt in der Reha dauerte bereits über mehrere Wochen, als der Moment der Wahrheit kam. Fazit: Der komplexe Schaden an der Schulter benötigt deutlich mehr Zeit. Eine Teilnahme an den Paralympischen Spielen ist daher aus ärztlicher Sicht ausgeschlossen. Die ...
Der Klinikaufenthalt in der Reha dauerte bereits über mehrere Wochen, als der Moment der Wahrheit kam. Fazit: Der komplexe Schaden an der Schulter benötigt deutlich mehr Zeit. Eine Teilnahme an den Paralympischen Spielen ist daher aus ärztlicher Sicht ausgeschlossen. Die Realität traf mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich spürte, dass mein Körper nicht bereit war, aber die Gewissheit durch die Ärzte machte es nicht leichter. Mein linker Arm folgte kein bisschen meinen Anweisungen, ich brachte ihn nicht einmal auf die Höhe, um lediglich das Gleichgewicht auf dem Snowboard zu halten.
Nun war es ausgesprochen. Es fühlte sich an, als würde alles über mir zusammenbrechen. Ich fühlte mich wie eine Versagerin – schwach und auch ein wenig verloren. So viele haben mit mir auf dieses Ziel hingearbeitet, und nun bin ich der Grund, dass es nicht funktioniert. Nur durch meine Fehleinschätzung landete ich im November beim Weltcup in diesem Netz und verletzte mich.
Weshalb brauchen wir eigentlich einen Schuldigen, um herausfordernde Situationen auszuhalten? Denn neben den ganzen negativen Gefühlen fühle ich auch Demut. Der Unfall hätte so viel schlimmer kommen können. Die Prognosen sind gut, die Verletzungen benötigen einfach mehr Zeit als gedacht. Meine Gesundheit, und gerade die Schulter, ist für ein Leben im Rollstuhl entscheidend. Loslassen tut weh, doch je mehr ich diesen Traum loslasse, desto mehr Raum entsteht, um einen neuen zu erschaffen.
Wo soll es in Zukunft hin? Als Spitzensportlerin will ich natürlich zurück aufs Snowboard. Ich will frei und überzeugt fahren. Bisher war stets viel Druck von meiner Seite dabei. Dem werde ich auf den Grund gehen. Mein Reha-Aufenthalt wird noch einige Wochen andauern, jedoch habe ich in der Zwischenzeit gute Fortschritte erzielt. Täglich gewinne ich ein wenig mehr Kontrolle zurück und diese kleinen Siege fühlen sich für mich viel beeindruckender an als die Silbermedaille bei der WM 2023. Erfolg ist wohl nur eine Frage der Perspektive.
Im Sommer steige ich ins reguläre Training ein, die Weltmeisterschaft in einem Jahr ist ein neues Ziel. Mein Traum ist es, in vier Jahren am Start der Paralympics zu stehen, stärker und zugleich entspannter denn je. Ich werde meine Tages- und Wochenpläne abarbeiten und mich langsam, aber konstant weiterentwickeln.
In Italien starten bald die Paralympics, und ja, es wird sicherlich noch einige Male schmerzlich sein. Doch ich werde den Parasport auch aus der Reha feiern und meine «Team-Buddies» von Herzen anfeuern. Sie haben es verdient, dort zu stehen, und sie haben es verdient, gesehen zu werden!
Romy Tschopp
Vom Rollstuhl aufs Snowboard: Die Sissacherin Romy Tschopp (1993) ist die erste Schweizer Para-Snowboarderin, die an Paralympischen Spielen teilnehmen konnte. Sie wurde 2023 Vizeweltmeisterin im Snowboardcross.

