Triumph nach spätem Zittern
24.03.2026 Sport, EishockeyEHC Zunzgen-Sissach feiert nach Overtime-Sieg im Final den 2.-Liga-Meister-Titel
Mit dem 4:4 kurz vor dem Ende des 3. Drittels liess der EV Dielsdorf-Niederhasli den EHC Zunzgen-Sissach im Final kurzzeitig zweifeln. In der Verlängerung kürten sich die Oberbaselbieter dennoch zum ...
EHC Zunzgen-Sissach feiert nach Overtime-Sieg im Final den 2.-Liga-Meister-Titel
Mit dem 4:4 kurz vor dem Ende des 3. Drittels liess der EV Dielsdorf-Niederhasli den EHC Zunzgen-Sissach im Final kurzzeitig zweifeln. In der Verlängerung kürten sich die Oberbaselbieter dennoch zum Schweizer Meister der 2. Liga.
Sebastian Wirz
Das hätte der EHC Zunzgen-Sissach etwas weniger nervenaufreibend haben können: Mehrmals lag der Puck im Final um den Schweizer-Meister-Titel der 2. Liga am späten Samstagabend frei, um aus der Zone spediert zu werden. 30 Sekunden vor Schluss und mit 4:3-Vorsprung rutschte ein ZS-Spieler aus, ein anderer verfehlte den Puck, ein Dritter wartete eine Sekunde zu, um vielleicht sogar noch das leere Tor des EV Dielsdorf-Niederhasli zu treffen, statt einfach nur zu befreien. Doch es passierte das Gegenteil. Während die Oberbaselbieter stolperten und strauchelten, kämpften die Zürcher, kombinierten zu sechst gegen fünf klug und glichen 14 Sekunden vor Schluss tatsächlich aus. Noch einmal. Im Mitteldrittel hatten sie bereits eine 2-Tore-Führung der Gäste innerhalb von 40 Sekunden ausgeglichen.
So folgte statt der Meisterfeier eine dritte Drittelspause und die Verlängerung. Während die Dielsdorfer nach der Aufholjagd euphorisch in die Kabine gingen, hingen die zuvor schon feierbereiten Köpfe bei den Sissachern. Doch in einer Verlängerung, die zu Beginn von einem gegenseitigen Abtasten und Ja-keinen-Fehler-Machen geprägt war, rauften sie sich zusammen. Und als Mattia di Biase in der 14. Minute der Verlängerung tatsächlich den Siegtreffer verbuchen konnte, war der Jubel umso emotionaler. ZS siegte 5:4.
Blutüberströmt und glücklich
Wortwörtlich an der eigenen Haut erfuhr diese Emotionen der Torschütze selbst. Er stürzte zu Boden und wurde von den heraneilenden Mitspielern überhäuft. «Sie kamen sofort zu fliegen – so ist das halt passiert», sagte der Verteidiger nach dem Schlusspfiff mit blutüberströmtem Gesicht; das Plexiglas seines Helms hatte ihm unter dem Gewicht eines «aufspringenden» Mitspielers eine «Schnatte» über der Nase zugefügt.
«Ich kann nur für mich reden: Ich werde nicht nervös auf dem Eis», sagte Di Biase, «aber die Gedanken kommen schon: ‹In zwei Minuten bist du Schweizer Meister.› Das ist nicht ganz einfach», blickte er auf die letzte Phase der regulären Spielzeit zurück, als ZS noch einmal zuliess, dass die Zürcher Gastgeber ins Spiel kamen. «Im Endeffekt haben wir diese Play-offs mit vier Linien durchgezogen, jeder hat seinen Beitrag geleistet», sagte der stolze Routinier, «wir haben Jahre darauf hingearbeitet. Es ist der schönste Moment in dieser ganzen Zeit.»
Ins gleiche Horn blies Captain Remo Hunziker, der mit zwei Treffern in dieser Partie erneut eine bedeutende Rolle spielte: «Es ist der grösste Moment in meiner Karriere. Ich habe zwar Nationalliga B gespielt, aber Schweizer Meister war ich nie», sagte er. Er und Mattia Di Biase hatten mit ihrer Rückkehr vom EHC Basel ins Oberbaselbiet 2016 eine neue Ära eingeläutet. Seither ist das Kader Schritt für Schritt etwas breiter und besser geworden, auch dank der Einverleibung der besten Kräfte des EHC Rheinfelden 2022. «Diesen Titel gab es zwar noch nicht, als wir nach Sissach zurückgekommen sind, aber es war immer unser Plan, das beste 2.-Liga-Team zu werden», sagte Hunziker, «und jetzt haben wir es geschafft.»
Vom Rückzug zum Meistertitel
Der EHC Zunzgen-Sissach hat in seiner Vereinsgeschichte zwar insgesamt 29 Jahre in der 1. Liga verbracht, hat Anfang der Achtziger zweimal gar in der Aufstiegsrunde zur NLB gespielt und ist alleine in den Neunzigern dreimal in die 1. Liga aufgestiegen, aber mindestens in der jüngeren Clubhistorie ist dieser Meistertitel der Höhepunkt. «In der 1. Liga waren wir halt einfach meistens weit hinten in der Tabelle», sagte mit Marc Niederhauser der einzige Spieler, der vor dem Rückzug 2013 noch für ZS im Oberhaus gespielt hat, mit dem Meisterstumpen im Mund, «aber das war auch spannend und speziell. Die Frage lautete immer: Bleibst du oben oder nicht?» Niederhauser kam zum Schluss: «Wir hatten schon viele gute Zeiten in Sissach.»
Vielleicht weil er auch die schwierigen Zeiten des Clubs – Finanzprobleme, Schliessung der Kunsteisbahn wegen des Dachs, Rückzug aus der 1. Liga – miterlebt hat, hatte Ruedi Müller feuchte Augen, als er die ZS-Spieler auf dem Eis jubeln sah. «So viele dieser Spieler haben schon bei mir gespielt, als ich beim EHC Basel die Elite-Junioren trainiert habe», sagte Müller und zählte die entsprechenden Namen auf. Seit dem Rückzug habe der Verein an diesem Erfolg gearbeitet. «Nun, mit 60, ist es genug und ich ziehe mich zurück», sagte der langjährige Sportchef und Vorstandsfunktionär mit einer Träne im Auge. Dass ZS auf einen Aufstieg in die 1. Liga verzichtet, ist längst klar und kommuniziert.
ZS ist in den vergangenen zehn Jahren zum Regio-Super-Team geworden. Wenn Nordwestschweizer Spieler, die als Junioren keine Beziehung zum EHC Zunzgen-Sissach hatten, aus dem ambitionierten Hockey-Betrieb in der halben Schweiz in die Region zurückkehren, schliessen sie sich ZS an, weil hier Freunde aus Junioren-Zeiten auf hohem Niveau Feierabend-Eishockey spielen. Mit Raoul Seiler, Cédric und Jérôme Lanz, Ueli Dietrich oder Nicolai Gusset gibt es hier mehrere Beispiele. Die regionale Verwurzelung ist denn auch ein Grund, dass ZS viele Fans hat. Von den 623 vermeldeten Zuschauern in der Sportanlage Erlen war ein substanzieller Teil aus dem Baselbiet angereist und machte das Spiel mindestens zu einem halben Heimspiel für die Gäste.
Pyros und Gesänge in Sissach
«Kurz habe ich gezweifelt nach dem 4:4, das muss ich zugeben», sagte Ruedi Müllers Sohn Dominik. Er hatte mit einem Doppelpack im Spiel gegen den Westschweizer Meister Bulle am Donnerstag, das ZS 6:3 gewinnen konnte, viel zur Finalqualifikation beigetragen. Doch eigentlich sei sein Team immer besser gewesen als der Ostschweizer Meister Dielsdorf, «wir haben einfach in diesen letzten zwei Minuten zu viele Fehler gemacht.» David Arm pflichtete ihm bei: «Es kam vor der Verlängerung keine schlechte Stimmung auf – wir wussten, dass wir es können.»
Irgendwann spät nachts verliessen die feierlustigen Oberbaselbieter das Eis, um sich in die Garderobe und anschliessend in den Car zu begeben. Die beiden Fancars fuhren währenddessen schon nach Sissach, wo dem Team in der «Lounge 11» ein würdiger Empfang – Pyros und Gesänge inklusive – geboten wurde. Dominik Müller dürfte recht behalten haben, als er sagte: «Das gibt noch eine lange Nacht.» Und wer am Sonntagnachmittag an der Terrasse der «Lounge 11» vorbeifuhr, sah dort Männer mit Medaillen um den Hals – ob noch oder wieder, ist nicht bekannt.




