Trittst im Morgenrot daher …
21.05.2026 Sport«Das regt mich so auf! Keiner singt die Nationalhymne», echauffiert sich Sandra an einer munteren Tischrunde im Sissacher «Alpbad». Das störe sie dermassen, dass sie Fussballspiele des Nationalteams immer erst ab Anpfiff schaue. Zustimmendes Nicken reihum, eine lebhafte ...
«Das regt mich so auf! Keiner singt die Nationalhymne», echauffiert sich Sandra an einer munteren Tischrunde im Sissacher «Alpbad». Das störe sie dermassen, dass sie Fussballspiele des Nationalteams immer erst ab Anpfiff schaue. Zustimmendes Nicken reihum, eine lebhafte Diskussion beginnt.
Nicht die erste dieser Art, die ich erlebe. Längst ist es ein Politikum, weshalb einige der elf auserwählten Männer es nicht schaffen, unsere Nationalhymne mitzusingen. Ein Thema, aufgeladen mit Emotionen, Erwartungen, Ressentiments und unterschwelligen Fragen nach Zugehörigkeit.
Schauen wir zurück: Schon Mitte der 1990er-Jahre wurde nur äusserst verhalten mitgesungen. Selbst der Nachhilfeunterricht durch Sängerin Sina half wenig. Spieler wie Stéphane Chapuisat, Murat Yakin und Raphael Wicky blieben stumm und bewegten bestenfalls ihre Lippen. Wirklich gestört hat das damals kaum jemanden. Vielleicht, weil die Schweiz schlicht keine ausgeprägte Hymnen-Kultur hat. Im Gegensatz zu den Nachbarländern. Französinnen und Franzosen singen die «Marseillaise» mit einer Wucht, die durch Mark und Bein geht. Die «Squadra Azzurra» begeistert mit bebend heroischem Gesang. Und erweckt den Eindruck, da seien Akteure bereit, auf dem Fussballplatz das eigene Leben für ihr Land zu opfern. Die Hymne wird nicht gesungen – sie wird zelebriert.
Die Schweiz war patriotisch schon immer zurückhaltender. Wir tragen unsere Liebe zum Land nicht permanent vor uns her. Und vielleicht liegt just darin unsere Eigenheit. Weniger Pathos, mehr Bodenständigkeit. Keine grossen Gesten, sondern stille Verbundenheit. Trotzdem lässt sich die Kraft solcher Momente nicht leugnen. Wie schön, wenn singende Spielerinnen und Fans in einem vollen Stadion für Minuten ein Gefühl von Verbundenheit erzeugen! Vergangenen Sommer durfte ich es an unserer Heim-EM mehrfach erleben. Schon vor dem Eröffnungsspiel sorgte Beatrice Egli mit der Hymne für einen unglaublich emotionalen Moment. Selbst ein lieber Weggefährte, sonst wahrlich nicht nah am Wasser gebaut, bekam feuchte Augen.
Und darum geht es vielleicht: nicht, ob jemand mitsingt oder nicht, sondern darum, was eine Hymne auslösen kann – Gemeinschaft, Erinnerungen, Stolz, Gänsehaut.
Die Diskussion im «Alpbad» dauerte länger. Es wurde gelacht und argumentiert. Am Ende zeigte sich einmal mehr: Fussball ist nie nur Fussball. Elf Menschen auf dem Platz bewirken regelmässig, dass ein ganzes Land über Heimat, Identität und Zusammenhalt debattiert – bevor der Ball überhaupt rollt.
Vera Gmür
Vera Gmür (1985) ist Präsidentin Frauenfussball beim FVNWS. Die Ormalingerin spielte früher selber im Halbprofibereich, heute engagiert sie sich für die Entwicklung des Mädchen und Frauenfussballs in der Region und spielt bei den Seniorinnen des SV Sissach.

