Trikots der Erinnerung
13.08.2026 SportManche Gerüche versetzen einen augenblicklich zurück in die Kindheit. Sonnencreme. Pinien. Heisser Asphalt. Und von irgendwoher die Düfte und das freundliche Lärmen eines italienischen Marktes. Wie oft verbrachten wir die Sommerferien in Italien! Genauer: auf einem ...
Manche Gerüche versetzen einen augenblicklich zurück in die Kindheit. Sonnencreme. Pinien. Heisser Asphalt. Und von irgendwoher die Düfte und das freundliche Lärmen eines italienischen Marktes. Wie oft verbrachten wir die Sommerferien in Italien! Genauer: auf einem Campingplatz. Jahr für Jahr. Während andere vom Freizeitpark oder dem Hotelbuffet schwärmten, fieberte ich einem ganz anderen Ereignis entgegen: dem Marktbesuch. Endlich durfte ich mein bescheidenes Sackgeld ausgeben – auf der Suche nach einer kleinen Erinnerung, die mich nach den Ferien noch lange begleiten sollte.
Die wertvollste Errungenschaft war mein erstes Fussballleibchen. Violett, mit der Nummer 9 der AC Fiorentina: Gabriel Batistuta. Natürlich war es kein Originaltrikot, aber das war mir herzlich egal. Für mich war es das schönste Shirt der Welt. Bis heute schmälert die Tatsache, dass es eine Fälschung war, meinen Stolz kein bisschen. Heute will jedes Kind ein teures Originaltenü. Meine Erinnerung ans violette Batistuta-Dress besagt, dass der Wert eines Souvenirs nichts mit dessen Preis zu tun hat.
Als ich diesen Sommer wieder einmal durch ein toskanisches Städtchen schlenderte, stiess ich plötzlich auf sie: die Marktstände voller Trikots. Reihenweise, wie Fähnchen hingen sie da und glänzten genauso bunt in der Sonne wie damals. Schon stellte sie sich ein, die wohlige Wärme. Nicht wegen der Hitze, sondern wegen all der Erinnerungen, die mich mit einem Schlag einholten. Und mir war sofort klar, was ich unseren beiden Kindern mitbringen würde.
Die Frage war bloss: welches Shirt? Neben denjenigen von Legenden wie Ronaldo, Maradona und dem unvergessenen Maldini prangen heute die Namen von Stars der jüngsten Generation auf den Trikots: Lamine Yamal, Erling Haaland und Jude Bellingham sollen die Aufmerksamkeit der kleinen Fussballfans wecken. Dazwischen entdeckte ich aber auch Roberto Baggio – eine jener Figuren, die zeigen, wie nah im Fussball Genie und Tragik beieinanderliegen. Trotz seines verschossenen Penaltys im WM-Final 1994 ist der Spieler für viele unsterblich geblieben.
Und so stand ich vor den Ständen wie früher – nur diesmal nicht mit meinem Sackgeld, sondern mit der Qual der Wahl. Bei vierzig Grad im Schatten wurde die Entscheidung zur fast noch grösseren Herausforderung als die Sommerhitze. Am Ende spielt es jedoch keine grosse Rolle, welches Shirt dann den Weg in den Koffer fand.
Genau wie damals. Mein Batistuta-Trikot war gefälscht. Die Erinnerungen daran sind echt.
Vera Gmür
Vera Gmür (1985) ist Präsidentin Frauenfussball beim FVNWS. Die Ormalingerin spielte früher selber im Halbprofibereich, heute engagiert sie sich für die Entwicklung des Mädchen- und Frauenfussballs in der Region und spielt bei den Seniorinnen des SV Sissach.

