Tanzen zur Revolution
03.03.2026 SissachGeschlechterforscherin Franziska Schutzbach im «Mäder-Talk»
In einem sachlichen, nüchternen Ton hat Soziologin Franziska Schutzbach als Gast von Ueli Mäder über die sich wandelnde Rolle der Frau in der Gesellschaft gesprochen. Ohne «weibliche ...
Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach im «Mäder-Talk»
In einem sachlichen, nüchternen Ton hat Soziologin Franziska Schutzbach als Gast von Ueli Mäder über die sich wandelnde Rolle der Frau in der Gesellschaft gesprochen. Ohne «weibliche Solidarität», so der Titel des Abends, sei keine Besserung zu erreichen, postulierte die Baslerin.
Jürg Gohl
Vielleicht müsse das Gespräch gleich zu Beginn kurz unterbrochen werden. Das erklärte Gastgeber und Moderator Ueli Mäder seinem Gesprächsgast Franziska Schutzbach (48) sowie den sehr zahlreichen Zuhörerinnen und den weniger zahlreichen Zuhörern gleich zu Beginn der zweiten Ausgabe seiner Gesprächsreihe in diesem Jahr. Sie liessen es sich nicht nehmen, am Donnerstag trotz Fasnacht ins Sissacher «Cheesmeyer» zu kommen. Um es gleich vorwegzunehmen: Zur angekündigten kurzen Pause kam es dann doch nicht.
Dabei hätte es an diesem Abend allen Grund gegeben, kurz innezuhalten. Denn just im gleichen Augenblick zog draussen der Trauermarsch für das «Chluuri» vorbei, das wenig später auf der Allmend zum Abschluss der Fasnacht den traditionellen Flammentod sterben würde. Während drinnen über die Rolle der Frau und über weibliche Solidarität gesprochen wurde, wird draussen ausgerechnet einer Frau, dorfbekannt als «Zeusi», die unbestrittene Ehre zuteil, in den «Chluurihimmel» befördert zu werden. Doch das konnte zu diesem Zeitpunkt im «Cheesmeyer» niemand wissen. Als letzter Frau widerfuhr das der damaligen Nationalratspräsidentin und heutigen Ständerätin Maya Graf 2013.
Moderatere Töne?
Die promovierte Geschlechterforscherin Franziska Schutzbach war nach der Dezember-Ausgabe von 2023 damit bereits zum zweiten Mal Gast bei ihrem einstigen Soziologie-Professor Ueli Mäder, erstmals in der durchaus gelungenen Form des Dialogs. Verändert hat sich seither zudem, dass inzwischen ihr zweites Buch «Revolution der Verbundenheit» erschienen ist. Darin schlage sie, so ist es in mehreren Rezensionen zu lesen, moderatere Töne an als in ihrem Bestseller «Die Erschöpfung der Frauen» drei Jahre zuvor. Indirekt wird das auch durch ihren Auftritt bestätigt.
Schutzbach ist 48 Jahre alt, nach eigenem Beschrieb Tochter von «typischen 68er-Eltern», in Würzburg aufgewachsen und Mutter zweier erwachsener Kinder. Sie plädiert unverändert für noch mehr Solidarität unter den Frauen, ohne die eine wahre Gleichberechtigung Utopie bleibe. Doch dabei argumentierte sie in Sissach überraschend nüchtern und stellte den bisher zurückgelegten Weg der Emanzipation auch als «Erfolgsgeschichte» dar: «Zu Fortschritten gehören immer auch Stillstand und Rückschritte», sagte sie wiederholt und zeigte sich in ihren Ausführungen auffallend oft bemüht, eine gewaltfreie Sprache anzuwenden.
Um Beispiele für die erzielten Verbesserungen ist sie nicht verlegen: Der Aufschrei, der in Frankreich durch die mutige Gisèle Pelicot oder zuvor durch die «MeToo»-Bewegung ausgelöst wurde, sei wenige Jahre zuvor noch undenkbar gewesen, sagte sie.
Wer von ihr pointierte Aussagen erwartet hat, kam an diesem Abend gleichwohl nicht zu kurz. Sie geisselte oft die «Anti-Egalität und die Rhetorik der Rechten» und die Männer, die den Frauen den beruflichen Aufstieg («selbst an Universitäten») verbauten. Frauen würden in «schön» und «hässlich» oder in «gute und schlechte Mütter» eingeteilt; selbst in Nachrufen würden sie über ihre Kochkünste definiert; und ein männliches Pendant zum «Zickenkrieg» existiere nicht.
Und während draussen die Fasnachtsmusik von der Allmend in die Begegnungszone zurückkehrt, beendet Franziska Schutzbach ihre Ausführungen sogar mit dem Zitat der amerikanischen Anarchistin und Feministin Emma Goldman. Der Satz, der beim Titel ihres jüngsten Buchs wohl Pate gestanden haben dürfte, lautet übersetzt: «Wenn ich nicht tanzen kann, dann ist das auch nicht meine Revolution.»

