Süss und frivol
13.03.2026 NaturAndres Klein
Es gibt eine Gattung innerhalb der Familie der Rosengewächse, die ausschliesslich aus Gehölzen besteht, die keinen eindeutigen deutschen Gattungsnamen haben. Pflaumen kommt wohl am nächsten, aber auch Steinfrüchte würde passen, wenn ...
Andres Klein
Es gibt eine Gattung innerhalb der Familie der Rosengewächse, die ausschliesslich aus Gehölzen besteht, die keinen eindeutigen deutschen Gattungsnamen haben. Pflaumen kommt wohl am nächsten, aber auch Steinfrüchte würde passen, wenn da nicht auch die Oliven oder der Holunder dazugehören würden. Wenn ich hier die Gattung Prunus meine, schreibe ich einfach von Pflaumen. Da gehören auch Kirsche, Aprikose, Mandeln und Pfirsiche dazu, die sich nun wohl etwas angepflaumt vorkommen. Weiter sehr nahe verwandt sind: Felsenkirsche, Weichsel, Zwetschge, Schwarzdorn, Kriecher-, Löhr-, Kirsch- und andere Pflaumen. Sogar der alles überwuchernde unsägliche Kirschlorbeer gehört dazu. Übrigens wird heute in der deutschsprachigen Fachwelt zwischen Zwetschgen und Pflaumen keine absolute Grenze mehr gezogen.
Dass viele Pflaumen ausgesprochen süss sind, war schon sehr lange bekannt. Das hat dazu geführt, dass die Menschen sehr früh begonnen haben, die Arten dieser Gattung so zu züchten, dass grössere und noch süssere Früchte entstanden. Dies war möglich, weil die Arten dieser Gattung sehr oft mutieren oder sich spontan mit anderen Arten kreuzen. Dies führt zu neuen Unterarten, Varietäten und Rassen. Der frivole Umgang mit dem Erbgut war so eine Möglichkeit zur Ausdehnung des Verbreitungsgebietes und der Sortenvielfalt.
Die Züchter haben auch zwei weitere Eigenschaften der Pflaumen zur Vermehrung und Züchtung ausgenutzt: Viele Pflaumen, vor allem die Wildpflaumen wie Schwarzdorn, Kirschpflaume, aber auch ältere Pflaumensorten wie die Ersinger-Zwetschge, machen Wurzelsprosse. Zusätzlich lassen sich alle Prunus-Arten sehr einfach zweien (veredeln). Das heisst, man nimmt meistens eine Prunus-Art als Unterlage und pfropft Reiser von einer anderen Art darauf. Heute wird oft die Kirschpflaume, auch «Myrobalane» oder «Judenkirsche» genannt, als Unterlage verwendet. Diese Unterlage entscheidet über die Wuchsfähigkeit des Obstbaumes.
Die meisten Pflaumenarten stammen aus Osteuropa oder Zentralasien, einen Schwerpunkt bildet dabei der Kaukasus. Da die Pflaumen sehr gut zu halten sind und meist gute Erträge abgeben, gab es schon im Frühmittelalter in ganz Europa sehr viele Pflaumenbäume. Diese wurden daher kaum weiträumig gehandelt und hatten unzählige lokale Namen. Nur speziell gute Sorten und Arten wurden gehandelt und hatten dadurch einen einheitlichen Namen: Mirabelle, Reineclaude, Hauszwetschge und Spilling.
Regionale Arten machen auch grosse Freude. In unserem Baumgarten wächst eine Gelbe von Oltingen (Bild), die ursprünglich aus Ungarn stammen soll und sich als Kompott eignet. In Anwil wachsen Löhr-Pflaumen, die sollen die süssesten der Welt sein. Sie stammen aus dem Badischen Oberrhein und geben wie die Zibarte aus dem Kaiserstuhl und die Damassine aus dem Kanton Jura wunderbare Edelbrände, die leider von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – neuerdings offenbar ein Ableger des Blauen Kreuzes – nicht zum Genuss empfohlen werden. Die autonomen Schnapsbrenner meinen, wer frivol genug ist, darf hie und da ein Schlücklein nehmen.
Andres Klein ist Botaniker. Er lebt in Gelterkinden.

