Strand, Seetage und eine kleine Hauptstadt
11.08.2026 SissachGeschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 7
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell hat uns in bisher sechs Teilen auf eine lange Reise durch den Indischen Ozean mitgenommen. Heute – im letzten Teil – besucht er La Digue, Heimat des meistfotografierten Strandes der Welt, und ...
Geschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 7
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell hat uns in bisher sechs Teilen auf eine lange Reise durch den Indischen Ozean mitgenommen. Heute – im letzten Teil – besucht er La Digue, Heimat des meistfotografierten Strandes der Welt, und verabschiedet sich in Victoria.
Hanspeter Gsell
Einer der schönsten und meistbesuchten Strände der Welt liegt auf der Insel La Digue. Er heisst «Anse Source d’Argent» und gilt als der meistfotografierte Strand der Erde. Da müssen auch die Eigernordwand, das Matterhorn und die Bernina-Bahn ihre vorderen Plätze räumen.
Um zum berühmten Strand zu gelangen, muss man zunächst L’Union Estate durchqueren. Diese parkähnliche Anlage gibt gute Einblicke in die koloniale Geschichte der Insel. Unterwegs begegnen wir den berühmten Aldabra-Riesenschildkröten in allen Varianten. Sie sind um einen riesigen Granitmonolithen versammelt und machen, was man eben als Schildkröte so macht: fressen, schnaufen und sich fortpflanzen, um irgendwann im abgelegenen Aldabra-Atoll, einem Unesco-Welterbe, wieder ausgesetzt zu werden.
L’Union Estate auf La Digue war in den frühen Jahren eine aktive Kokosnuss- und Vanille-Plantage und ist seit über 50 Jahren in Staatsbesitz. Nach dem Zerfall der Weltmarktpreise für Kokosnussöl war ein kostendeckender Betrieb nicht mehr möglich.
Kurzfristig erfasste ein kleiner Boom den Anbau von Vanille. Eine Firma wollte in den frühen 1960er-Jahren eine Cola-Vanille-Brause produzieren. Sofort begann man mit dem Aufbau grosser Vanille-Plantagen, auch auf La Digue. Bis zur Reife einer Schote brauchte es nämlich vier Jahre. Nach drei Jahren wurde die Cola-Produktion wieder eingestellt. Die Schoten hätte man ohnehin nicht mehr gebraucht: Die chemische Industrie produzierte längst künstliche Vanillearomen. Der Staat verwandelte das Areal daraufhin in einen Nationalpark.
Anse Source d’Argent
In einem Reiseführer habe ich zur Entstehung der Granitinseln folgende Beschreibung gelesen: Vor rund 200 Millionen Jahren waren noch alle Kontinente zu einem riesigen Urkontinent – zu Gondwana – vereint. Später wurde dieser durch heftige Erdbewegungen in seine heutigen Teile Südamerika, Afrika, Madagaskar, Vorderindien, Australien und Antarktika auseinandergerissen.
Als Gondwana auseinanderbrach, drang Wasser ein und der Indische Ozean entstand. Die Landmassen wanderten im Laufe der Zeit immer weiter auseinander. Durch das Auseinanderdriften von Afrika und Indien blieben auf der weiten Strecke immer wieder Landreste im Meer zurück. Einige dieser Überbleibsel sind die Inseln der Seychellen.
Der Traumstrand Anse Source d’Argent ist leider nur noch teilweise ein Traumstrand. Trotz Nebensaison belagern viele fotografierende Touristen die eindrücklichen Granitfelsen. Influencer posieren für ein Selfie, mal unter, mal auf den Steinen. Sie fotografieren einander im Wasser, auf dem Wasser und manchmal sogar unter Wasser.
Grosse Firmen haben hier Teile ihrer Werbefilme gedreht: Bacardi und Raffaello waren wohl die Vorreiter. Auch Emmanuelle (Die Schule der Lust), Crusoe und Robinson Crusoe hatten hier ihre Auftritte. Die Regisseure wollten das karibische Flair dieses Strandes in ihren Filmen aufblitzen lassen und dachten wohl, La Digue sei eine Insel in der Karibik oder vor Thailand.
Wir bleiben nicht allzu lange am Meer und machen uns auf den schweisstreibenden Rückweg. In einer Beiz gibt es ein kühles Bier. Unser bestelltes Taxi kommt nicht. Es hat vermutlich eine lohnendere Fuhre bekommen. Egal. Wir kapern einen Bus, der uns zum Hafen zurückbringt. Ein Boot bringt uns an Bord des Schiffes. Im Pool des Schiffes schwimmt es sich mindestens so gut wie an der Anse Source d’Argent. Es hat kaum Menschen an Bord, und die Drinks sind auch besser.
Ich mag Tage auf See. Man hat die Gelegenheit, das ganze Schiff zu erkunden, dessen Angebote auszukosten und zu geniessen. Neben vielen ausgezeichneten Restaurants gibt es unzählige Bars, Snackbars sowie eine Gelateria. Im Kino werden Hollywood-Schinken gezeigt, in einem Theater gibt es Musik und Tanz. Die Tanzlehrer sind jung, die sogenannten Tanz-Ambassadors alt, abgehalfterte Taxi-Dancer mit zu kurzen Hosen und zu langen Fräcken.
Neben einer ausgezeichneten achtköpfigen Band gibt es an jeder Ecke Diskettenschieber. Natürlich müssen sie heute keine Disketten mehr einschieben. Ein Klick auf die Harddisk, und schon wird die Begleitmusik zur Geige oder zum Saxofon eingespielt.
Ein warmer Pool lädt zum Baden, teure Beauty-Behandlungen benötigen eine Kreditkarte, die Salons de Coiffure sind keine Barbershops. Auch ein Schiffsarzt ist an Bord. Ob er auch Falten glättet? Wer das Bedürfnis nach einem kleinen roten Gucci-Täschchen verspürt: kein Problem, gibt es in einem der unzähligen Shops. Auch sämtliche Schweizer Uhrenhersteller scheinen mit ihrer Ware vertreten zu sein. Sonst aber sind wir die einzigen Schweizer. Es reisen hauptsächlich Engländer und Amerikaner mit uns. Die acht Deutschen stören nicht.
In einer Smokers Lounge gibt es überteuerte Zigarren. Der Mitarbeiter hat allerdings keine Ahnung von Tuten und Paffen. Zwischendurch spazieren wir einmal um das Schiff: Man könnte Tontauben schiessen, Tischtennis oder Shuffleboard ausprobieren. Am Abend bestaunen wir goldene Schuhe, rosa Hemden und in Ehren ergraute Dinnerjackets. Das Ganze erinnert mich ein wenig an das Schaulaufen am Lungomare der italienischen Insel Pantelleria.
Wir verziehen uns in unsere Kabine, setzen uns auf den Balkon und trinken ein Glas Wein. Das Schiff setzt sich in Bewegung, aus den Bordlautsprechern ertönt Louis Armstrongs «What a Wonderful World» – Oh Yes!
Victoria, Seychellen
Am nächsten Morgen treffen wir in Victoria ein, der Hauptstadt der Seychellen. Bis zum Heimflug sind noch einige Stunden zu überstehen. Wir verbringen diese in einem Hotel und erfahren dabei viel über die Hauptstadt.
Das Hotel liegt im Hafen von Victoria. Auf einer Seite von steilen Berghängen eingefasst liegt sie also, die Hauptstadt der Republik Seychellen. Die kleinste Hauptstadt der Welt – zumindest nennt sie sich so – zeugt nicht unbedingt von einem kulturellen oder administrativen Zentrum. Die wenigen Strassen und Gassen unterstreichen die Gemütlichkeit von Victoria. Parkhäuser, Leuchtreklamen und prunkvolle Bauten fehlen gänzlich. Mit rund 25 000 Einwohnern ist sie die einzige Stadt der Seychellen. Die Gründung geht auf französische Siedler im Jahr 1778 zurück; von den Briten erhielt sie ihren Namen – zu Ehren der Königin Victoria.
Optisch öffnet sich Victoria an der östlichen Seite zum Hafen und dem Meer mit den vorgelagerten Inseln. Am New Pier legen riesige Kreuzfahrtschiffe an – einer deutschen Plattenbausiedlung in der Grösse nicht ganz unähnlich – wie auch grosse Frachter und Tanker. Das Stadtbild mit seinen bunten Fassaden, Fensterläden und Balustraden gibt ein fröhliches Bild ab. Geht man durch die verwinkelten Gassen, steigen einem spannende Gewürzdüfte in die Nase.
Ich klappe meinen Laptop zu. Der Vertreter des lokalen Reisebüros bringt uns zum Flughafen, zeigt uns den Weg zu den Schaltern, trägt unsere Koffer und hilft beim Check-in.
Es war eine wunderbare Reise mit einem Abschluss nach Mass.
Geschichten aus dem Indischen Ozean
vs. Hanspeter Gsell (Sissach), Autor und «Volksstimme»- Kolumnist, ist wieder unterwegs – dieses Mal auf dem Schiff: Auf einer Fahrt durch den Indischen Ozean konnte er eine ganze Menge neuer Inseln sammeln. Die siebenteilige Serie in der «Volksstimme» beinhaltet Reportagen und Geschichten aus Mombasa, Sansibar, Madagaskar, Praslin und La Digue. In lockerer Reihenfolge veröffentlichen wir seine Erzählungen. Unser Tipp: Lesen Sie auch zwischen den Zeilen. Eine Sommerserie, nicht nur für Daheimgebliebene!





