Steine sind nur die Spitze des Eisbergs
21.04.2026 SissachIm am Samstag eröffneten Themenweg verbirgt sich viel Wissenswertes
Die Eröffnung des Themenwegs setzt den Schlusspunkt des 800-Jahre-Jubiläums, das Sissach 2025 gefeiert hat. Der Rundgang bietet sehr viel Wissenswertes über interessante Begebenheiten und ...
Im am Samstag eröffneten Themenweg verbirgt sich viel Wissenswertes
Die Eröffnung des Themenwegs setzt den Schlusspunkt des 800-Jahre-Jubiläums, das Sissach 2025 gefeiert hat. Der Rundgang bietet sehr viel Wissenswertes über interessante Begebenheiten und Persönlichkeiten. Hinhören und -lesen lohnt sich.
Christian Horisberger
Wir befinden uns vor dem Sissacher Gemeindehaus. Aus der Wand ragen zwei bronzene Arme mit in die Höhe gereckten Fäusten. Am linken Handgelenk ist das Symbol für Weiblichkeit zu erkennen. Am Boden unterhalb der Skulptur liegt ein kniehoher Granitstein, der mit einer Bronzetafel versehen ist. Der Text auf der Tafel handelt von der Frauenbewegung, der Gleichberechtigung und einer bekannten Sissacherin: Helene Bossert. Dies ist eine von acht Stationen des historischen Themenwegs «Hände voller Geschichte», den die Gemeinde als nachhaltigen Beitrag zum 800-Jahre-Jubiläum hat erstellen lassen.
Aber ist das schon alles? Zwei Hände, ein Stein und eine Inschrift auf einer Tafel? Natürlich ist es das nicht. Der Stein ist nur die Spitze des Eisbergs. Hinter den QR-Codes, die sich auf allen Tafeln befinden, verbergen sich historische Persönlichkeiten und Gegebenheiten aus der Vergangenheit der Gemeinde. Diese lassen sich mithilfe eines Smartphones oder eines Tablets hören, vor allem aber auch lesen. Wer auf dem «Sitzstein» Platz nimmt, um alle aus diversen Archiven zusammengetragenen Inhalte zum jeweiligen Thema zu lesen, wird sich so rasch nicht wieder erheben. Denn die Recherche von Gemeinderat Robert Bösiger, der für alle Texte verantwortlich ist, war umfangreich.
Protagonisten erhalten Stimme
Jeder Stein widmet sich einem Themenkreis, zu dem eine Protagonistin oder ein Protagonist eine fiktive Geschichte mit einem realen historischen Bezug erzählt. An der Einweihung des Themenwegs trug Eva Müller, die Helene Bossert (1907 – 1999) für den Themenweg ihre Stimme lieh, den Text zur wegen einer Russlandreise lange Zeit geächteten Mundartdichterin und Radio-Mitarbeiterin vor. Dabei handelte es sich um einige Gedichte, Bosserts (fiktive) Verkündung der Annahme des Frauenstimmrechts am 7. Februar 1971 auf Radio Basel, sowie eine Kurzbiografie über die Autorin.
Den zweiten Schwerpunkt der Themenweg-Station «Gleichberechtigung: Stimme und Widerstand» vor dem Gemeindehaus bildet eine Gruppe von 30 Sissacher Frauen, die sich bereits 1862 für mehr Rechte eingesetzt hatten. Sie forderten in einer Petition, dass Mädchen dieselbe Schulbildung wie Buben erhalten und im Erbrecht auch Frauen berücksichtigt werden sollen. Gehör fanden sie damit aber keines. Auf diese kämpferischen Frauen, von denen er zuvor nichts wusste, stiess Bösiger bei seiner Recherche im Baselbieter Staatsarchiv. Diese Begebenheit und damit auch die Station zu den Frauenrechten nehme für ihn auch deshalb einen besonderen Stellenwert ein, sagte er am Samstag.
Zu den weiteren «Hauptdarstellern» auf dem Themenweg gehören unter anderem der JRG-Gründer Johannes Rudolf Gunzenhauser und der Erfinder und Unternehmer Paul von Arx (Vom Handwerk zur industriellen Fabrikation), die einstige Fluh-Beizerin Luggi Graf (Blick über Sissach), der Warenhaus-Gründer Joseph Meyer, besser bekannt als «Cheesmeyer» (Handel und Versorgung), oder Lehrerin und Mundartschriftstellerin Pauline Wirz (Textilindustrie). Sieben der Posten befinden sich im Dorf (Kleine Allmend, Griederland, Industrie, Begegnungszone, Jakobshof, Wuhrweg und Gemeindehaus), der achte hoch über dem Dorf, auf der Sissacher Fluh. In den Weg einsteigen kann man bei jeder Station.
Petition als Ursprung
Eingangs der Themenweg-Eröffnung ging Gemeindepräsident Peter Buser auf dessen Entstehung ein. Auch dabei hatte Helene Bossert eine Rolle gespielt: Eine 2022 vom verstorbenen alt Regierungsrat Urs Wüthrich lancierte Petition mit 300 Unterschriften forderte, die Gemeinde möge einen Platz oder eine Strasse nach der Autorin benennen – als Zeichen der Versöhnung, erzählte Buser. Der Gemeinderat habe für das Anliegen Verständnis gezeigt, sich mit der Form aber nicht anfreunden können. Denn es gebe mehrere Menschen, die eine solche Ehrung ebenfalls verdienten, so Buser. Schliesslich habe der Gemeinderat der Kulturkommission den Auftrag erteilt, das Anliegen in einer anderen Form zum Ausdruck zu bringen. Diese legte das Konzept für einen Themenweg vor, der im Zusammenhang mit dem 800-Jahre-Jubiläum realisiert werden sollte.
Buser verschwieg auch nicht den harzigen Start des Projekts durch den Ausstieg der beiden Historiker, die sich zur Verfügung gestellt hatten, die Inhalte zusammenzutragen. Deren Rolle übernahm Gemeinderat Robert Bösiger, für den dies während eines Jahres zusammen mit dem Gemeinderatsmandat mehr oder weniger ein Fulltime-Job gewesen sei, wie er sagt: «Ich dachte mir schon, dass es viel wird, aber ich habe es unterschätzt.» Bereut habe er es aber nie: «Es ist für mich toll, wie viel ich über Sissach erfahren habe.»
Blumen und Bier
Den recherchierten Fakten «Leben» eingehaucht und sie erlebbar gemacht hat Szenografin Laura Siebold. Die bronzenen, vom Gemeindewappen inspirierten «Hände voller Geschichte» repräsentierten die jeweiligen Protagonisten aus einer Zeitspanne von 150 Jahren, sagte sie. Die gewählte Präsentation sei eine Einladung der Besuchenden der Stationen, die Perspektive der gewählten Persönlichkeiten einzunehmen.
Siebold wuchs in Sissach auf, lebt nun aber in Brisbane (Australien). Sie dirigierte die Entwicklung des historischen Dorfrundgangs per Videokonferenzen. Für die Einweihung erschien sie in Fleisch und Blut in Sissach und revanchierte sich für den Blumenstrauss, der ihr überreicht wurde, mit Bier aus ihrer neuen Heimat. Am Apéro nach der Eröffnung wurde dann aber standesgemäss mit dem Sissacher Jubiläumsbier angestossen.
Zopf und Dank für die Mitwirkenden an «Sissach 2025»
ch. Vor der Einweihung des Themenwegs hatte die Kommission «Sissach 2025» beziehungsweise die Gemeinde alle am Jubiläum beteiligten Personen und Organisationen zu einem Brunch im Jakobshof eingeladen. Während sich die Gäste an Zopf, Bauernspeck, «Oltiger Schnitte» und Apfelmost gütlich taten, zog Gemeindepräsident Buser kurz Bilanz zu einem «spannenden, ereignis- und erfolgreichen Jahr». Zu diesem hätten alle Menschen im Saal etwas Kleineres oder – meistens – etwas Grösseres beigetragen.
Anstatt einzeln auf die vielen Programmpunkte einzugehen, bekräftigte Peter Buser, dass es das Richtige gewesen sei, während des ganzen Jahres zu «festen», anstatt ein riesiges Fest auf die Beine zu stellen. Er sei der Meinung, dass all die Veranstaltungen eine grosse Wirkung aufs Dorf hatten. Durch Kooperationen von Vereinen seien viele Menschen zusammengekommen, die zuvor keine Berührungspunkte gehabt hätten.
Als auf der Leinwand im Jakobshof nach vielen Bildimpressionen vom Jubiläumsjahr die Mitglieder der Kommission «Sissach 2025» erschienen, dankte Buser diesen für ihren Schnauf und ihre Energie. Sie könnten auf das Geleistete stolz sein. Einen weiteren Dank richtete Buser an Heinke Torpus, die Gestalterin des Jubiläums-Logos. Mit einem Augenzwinkern wies er darauf hin, dass es noch Tassen und Jubiläumspins gebe …






