Soziale Innovation im Waldenburgertal
28.07.2026 LangenbruckDie Gemeinde schafft eine Anlaufstelle, um die Dorfältesten besser zu vernetzen
Patientendossiers, Vorsorgeaufträge, Mahlzeitendienste, tägliche Insulindosen und plötzlich sitzt niemand mehr gegenüber am Küchentisch … Die Liste der Herausforderungen im ...
Die Gemeinde schafft eine Anlaufstelle, um die Dorfältesten besser zu vernetzen
Patientendossiers, Vorsorgeaufträge, Mahlzeitendienste, tägliche Insulindosen und plötzlich sitzt niemand mehr gegenüber am Küchentisch … Die Liste der Herausforderungen im Alter ist lang. Eine neue Anlaufstelle will dafür ein «offenes Ohr» haben.
Sarah Wagner
«Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin; sobald der Stress vorbei ist, da lang ich nämlich hin!» Mit diesen beiden Zeilen beginnt Udo Jürgens’ berühmter Schlager. Glücklich darf sich schätzen, wer auch noch weit über 66 Jahre hinaus ein so sorgloses, erfülltes Leben führt, wie von dem österreichischen Musiker besungen. Dieser sang ironischerweise auch Texte von Joachim Fuchsberger, der den Satz «Altwerden ist nichts für Feiglinge» geprägt hat. Eine Erkenntnis, die schon eher die Situation vieler unterstreicht, die vor längerer Zeit in den Ruhestand getreten sind.
Entscheidende Fragen rund um Versicherungen, Vorsorge, Haushalt und die eigene Gesundheit können 10, 15 Jahre nach der Pensionierung die Organisation des gesamten Alltags beeinflussen und zu unüberwindbaren Herausforderungen werden. Dazu kommt, dass im öV und in der Administration nicht selten auf Online-Lösungen verwiesen wird. Dabei fehlt einem grossen Teil der sogenannten «stillen Generation» der Antrieb, sich gerade mit der Digitalisierung auseinanderzusetzen.
Neue Umstände, neue Lösungen
Trotz all diesen Hürden sind da meist Hemmungen, jemanden mit den eigenen Problemen zu belasten. Während die Grosseltern der älteren Menschen von heute üblicherweise von mehreren Angehörigen im selben Haushalt unterstützt werden konnten, besitzt Basel-Landschaft mittlerweile den zweithöchsten Rentneranteil der Schweiz. Und gerade verwitwete Menschen in höherem Alter unternehmen oft nichts mehr, isolieren sich. Die Zeit, im Berufsleben noch so knapp scheinend, wäre nun zwar da. Sie lässt sich aber plötzlich nicht mehr erfüllend nutzen. Der Lebensabschnitt, den viele mit einem gewissen «Savoir-vivre» verbinden, ist im Gegenteil häufig von Stress, Einsamkeit oder Überforderung dominiert.
Susanne Rösli aus Langenbruck beschäftigt dies schon länger. In der höchstgelegenen Gemeinde des Kantons machten Menschen über 60 im vergangenen Jahr einen Drittel der Bevölkerung aus. Um deren Bedürfnissen Gehör zu schenken, initiierte Rösli als Präsidentin der Sozialhilfebehörde die Anlaufstelle «Offenes Ohr» für ältere Menschen. Susanne Rösli will bestehende Entlastungsmöglichkeiten aufzeigen oder beispielsweise einen Anstoss geben, sich beim Seniorennachmittag dazuzugesellen. Sie stellt klar: «Ich will niemandem reinreden und bestehende Angebote lediglich vermitteln beziehungsweise ergänzen.» Aber sie möchte gemeinsam Lösungen finden, wenn konkrete Fragen aufkommen, und eben ein «offenes Ohr» haben, wo eines gebraucht wird. Die Beratungsstelle bietet eine fixe monatliche Sprechstunde an, und auch ausserhalb sind Gespräche oder Hausbesuche möglich. Die unkomplizierte, leicht zugängliche Organisation soll einen zentralen Wert des Projekts darstellen. Im August startet es in eine zweijährige Pilotphase.
In seiner Form (noch) einzigartig
Rösli kam bereits vor einiger Zeit auf die Idee zu einer Anlaufstelle für die älteren Dorfbewohnerinnen und -bewohner. Zu diesen pflegt sie einen guten Kontakt. Sei es bei ihrer Tätigkeit in der Sozialhilfebehörde, während ihrer Arbeit im Dorfladen oder in der Kirche: Die ehemalige Pflegerin bemerkte ein Bedürfnis nach einem solchen Angebot. Die Gemeinde sei dazu zwar nicht verpflichtet, doch hätten die Herausforderungen der Einwohnerinnen und Einwohner höheren Alters in den bisherigen Gemeindestrukturen nicht angegangen beziehungsweise gar nicht erst erkannt werden können. Aktuell seien ihr keine weiteren solchen kommunalen Formate bekannt, doch Rösli ist überzeugt: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis solche Beratungsmöglichkeiten auch in anderen Gemeinden aufgebaut werden. Sie selbst hat seit der Ankündigung zum «Offenen Ohr» in der «Dorfzytig» schon einige Anfragen erhalten. «Das Angebot hat sich schnell herumgesprochen.»
Das ist nur verständlich. Schliesslich hatte Udo Jürgens einen Manager zu Hilfe, um stets den Überblick zu behalten. Warum sollten denn da nicht auch ältere Menschen eine gute Beraterin an ihrer Seite wissen? Denn wie Jürgens sang, ist eines klar: Mit (selbst mehr als) 66 Jahren «ist noch lange nicht Schluss».
