«Sklaverei war damals nicht einfach normal»
08.04.2026 SissachHistoriker Andreas Zangger zum Bericht über die koloniale Vergangenheit von Persönlichkeiten aus dem Kanton Baselland
Historiker Andreas Zangger untersuchte im Auftrag des Kantons die Verflechtung von Baselbieter Persönlichkeiten mit dem Kolonialismus. Im Interview ...
Historiker Andreas Zangger zum Bericht über die koloniale Vergangenheit von Persönlichkeiten aus dem Kanton Baselland
Historiker Andreas Zangger untersuchte im Auftrag des Kantons die Verflechtung von Baselbieter Persönlichkeiten mit dem Kolonialismus. Im Interview erklärt er seine Haltung zu «General Sutter», die Bedeutung der Basler Mission und wie die Erkenntnisse nun genutzt werden könnten.
Tobias Gfeller
Herr Zangger, raten Sie der Gemeinde Rünenberg, das Denkmal von Johann August Sutter zu entfernen, auch wenn 2021 eine Hinweistafel zu seiner dunklen Vergangenheit angebracht wurde?
Andreas Zangger: Jede Generation oder jede zweite Generation muss für sich überdenken, an welche Persönlichkeiten sie erinnern möchte. Die Fakten über «General Sutter» sind eindeutig nicht positiv. Man muss sich überlegen, was man ausstrahlt, wenn man dieser Person ein Denkmal setzt. Für mich reicht die Hinweis tafel zu seinen Verflechtungen mit dem Kolonialismus und der Versklavung von Indigenen nicht aus. Wenn man das Denkmal stehen lassen möchte, müsste man meiner Meinung nach mehr ergänzen, als es nur mit dieser Hinweistafel geschieht, um der dunklen Vergangenheit von «General Sutter» noch mehr Platz einzuräumen. Was aber klar ist: Das Denkmal und damit die Erinnerung an «General Sutter» einfach verschwinden zu lassen, ist aufgrund seiner bedeutenden Rolle in der Geschichte nicht die Lösung.
Ihr Untersuchungsbericht besagt, dass die koloniale Verflechtung des Baselbiets insgesamt «nicht besonders stark ausgeprägt» war. Sprechen Sie damit die damalige Baselbieter Bevölkerung und den Kanton frei von Schuld?
Es ist nicht an uns, über Schuld und Unschuld zu richten. Wir sollten die Fakten auf den Tisch legen. Baselland war vergleichsweise nicht so stark mit dem Kolonialismus verflochten, trotzdem findet man eine grosse Bandbreite an Verflechtungen aus dem Baselbiet. Die Untersuchung hat gezeigt, dass man auch in einem kleineren, ländlich geprägten Kanton sehr viele Verbindungen zum Kolonialismus findet. Der Bericht umfasst 130 Seiten und mehr als 300 Namen. Das ist nicht wenig.
Sie sagten, Sie wurden bei Ihrer Recherche überrascht. Wovon?
Mich hat überrascht, wie viel an die Oberfläche kam – wie viele Beispiele aus allen Schichten, Bezirken und aus den unterschiedlichsten Berufen mit dem Kolonialismus verflochten waren. Als Historiker hätte ich ehrlicherweise nicht gerade im Baselbiet mit der Recherche nach Spuren des Kolonialismus zu suchen begonnen. Viel eher in Städten wie Basel, Zürich oder Genf.
Hätten Sie mehr Zeit gehabt: Welche Themen hätten Sie gerne weiter und tiefer untersucht?
Mich hätte interessiert, wie sich der Kolonialismus im Baselbiet niedergeschlagen hat, wie die Bevölkerung hier den Kolonialismus beurteilt hat, was vermittelt wurde und ob es beispielsweise auch hier wie in Basel-Stadt Menschenschauen gab.
Sie warnten vor einer öffentlichen Verurteilung der auf der Liste aufgeführten Persönlichkeiten. Wie soll man Personen, die aktiv im Sklavenhandel mitgewirkt haben, nicht verurteilen?
Die Bandbreite an Persönlichkeiten und damit an Verflechtungen mit dem Kolonialismus ist enorm gross. Ein moralisches Urteil kommt schnell: Alle, die in die Ferne gingen, sind die Bösen, und die, die zu Hause geblieben sind, sind fein raus. Das greift zu kurz. Natürlich verurteile ich eine Person, die Menschen versklavt oder Sklavenhandel betrieben hat. Die Verurteilung kommt für mich eher implizit statt explizit.
Auf welche Schwierigkeiten trafen Sie bei Ihren Nachforschungen?
Schwierig war, dass derart viele Orte vorkommen. Wenn wir genauere Hintergründe einer Person erkunden wollten, mussten wir uns zuerst in die Orte vertiefen, wo diese Person tätig war. Wir mussten in die dort vorherrschenden Gesellschaften hineinblicken, um die Zusammenhänge zu verstehen. Dafür mussten wir oftmals in unterschiedlichen Archiven recherchieren. Das hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen.
In Kommentarspalten zur Berichterstattung über die Präsentation des Untersuchungsberichts von vergangener Woche werden teilweise die Bedeutung der Ergebnisse und die Verfehlungen dieser Personen mit dem Argument heruntergespielt, dass dies damals in Europa quasi normal gewesen sei und man nicht mit den heutigen moralischen Vorstellungen urteilen dürfe. Einverstanden?
Nein, auf keinen Fall! Man muss unterscheiden zwischen Sklaverei und Sklavenhandel. Der Handel wurde frühzeitig verurteilt, als er noch betrieben wurde. Vieles hat sich im Verborgenen abgespielt. Der Sklavenhandel, an dem unter anderem der Liestaler Unternehmer Daniel Rosenmund-Berri beteiligt war, lässt sich mit dieser Argumentation nicht entschuldigen. Rosenmund-Berri stiess in Lücken, als andere mit dem Handel längst aufgehört hatten. Es gab schon damals unterschiedliche Haltungen, wie man mit Menschen umzugehen hat. Sklaverei und vor allem der Handel mit Sklaven war damals nicht einfach normal. Es gab in Europa und damit auch in der Schweiz immer schon Stimmen, die sich dezidiert gegen den Kolonialismus und damit gegen die Gräueltaten davon ausgesprochen haben.
Eine unrühmliche Rolle während des Kolonialismus spielte die Basler Mission mit der Vermittlung von Glauben und Kultur und dem damit verbundenen Gefühl der Überlegenheit. Wie schätzen Sie die damalige Bedeutung der Basler Mission im Baselbiet ein?
Der Untersuchungsbericht zeigt, dass die Basler Mission auch im Baselbiet stark verankert war. Mit der «Halbbatze Kollekte» sammelte die Basler Mission in der Region Basel gut organisiert Geld. Die Basler Mission hatte auch im Baselbiet einen grossen Einfluss und viele Unterstützerinnen und Unterstützer. Über das «Missionsblättli» wurden Geschichten über Bekehrungen in Afrika und anderen Regionen erzählt. Man war überzeugt, damit etwas Gutes zu tun.
Mit der Präsentation des Untersuchungsberichts ist der Auftrag von Regierung und Landrat erfüllt.
Wie soll das erforschte Wissen weiter genutzt werden? Oder reicht der Bericht als solcher bereits aus?
Ich empfinde die Thematik für die Vermittlung bedeutsam. Unsere Welt wird immer globalisierter. Das hat eine Vorgeschichte und fängt beim Kolonialismus an. Diese Vorkenntnisse helfen, sich in der heutigen Welt besser zurechtzufinden. Wir haben im Bericht vorgeschlagen, die Untersuchungsergebnisse als Schulmaterial, für Ausstellungen und Publikationen zu verwenden. Es liegt nun an den Institutionen, das Thema weiterzuverfolgen. Ich würde empfehlen, die nun vorliegenden Fakten nicht einfach zu schubladisieren, sondern konkret etwas damit zu machen, damit sie nachhaltig einen Mehrwert bieten können.
Der 130 Seiten starke Bericht «Koloniale Vergangenheit von Baselbieter Persönlichkeiten» kann unter www.bl.ch heruntergeladen werden.
Andreas Zangger – Forschung zu kolonialen Verflechtungen
vs. Andreas Zangger ist Historiker und assoziierter Forscher am Historischen Institut der Universität Bern. Er beschäftigt sich mit der globalen Geschichte der Schweiz, insbesondere mit kolonialen Verflechtungen zwischen Europa, Asien, Afrika und Amerika. Zangger studierte Geschichte, Philosophie und Kunstgeschichte und verfasste seine Dissertation unter dem Titel «Die koloniale Schweiz: Formen und Folgen einer Verflechtungsgeschichte (ca. 1880–1930)».
Zangger arbeitet als freischaffender Historiker und betreibt das «Büro für Geschichte» in Amsterdam. Zudem war er Mitkurator der Ausstellung «Blinde Flecken – Zürich und der Kolonialismus». Für verschiedene öffentliche Auftraggeber untersuchte er koloniale Verflechtungen auf regionaler Ebene, unter anderem auch in der Ostschweiz mit dem Projekt «Verwoben und verstrickt».
Der Bericht zu den kolonialen Verflechtungen im Baselbiet entstand im Auftrag des Kantons Baselland und geht auf einen politischen Vorstoss zurück. Auslöser war ein Postulat des SP-Landrats Jan Kirchmayr, der eine Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit von Baselbieter Persönlichkeiten verlangte. Hintergrund waren unter anderem neue historische Erkenntnisse zu «General Sutter», die eine kritische Neubewertung auslösten und die Diskussion auch im Baselbiet verstärkten. Der Landrat überwies das Anliegen und beschloss in der Folge, einen Forschungsbericht erstellen zu lassen.
Die Untersuchung wurde extern vergeben und wissenschaftlich begleitet. Zangger recherchierte dafür während über einem Jahr im Staatsarchiv Baselland sowie in weiteren Archiven im Inund Ausland. Der Bericht wurde am vergangenen Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt (siehe «Volksstimme» vom vergangenen Donnerstag, Seite 3). Für die Erarbeitung hatte der Landrat Kosten von 100 000 Franken bewilligt.



