«Sissacher Weiber behelligen den Verfassungsrat mit einer Sturmpetition»
07.08.2026 SissachSerie Themenweg (6): Gleichberechtigung – Stimme und Widerstand
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die ...
Serie Themenweg (6): Gleichberechtigung – Stimme und Widerstand
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge aus den Texten zu den acht Stationen des historischen Rundgangs. Heute: Gleichberechtigung.
Robert Bösiger
Rund 200 Jahre Frauenbewegung und unermüdlichen Einsatz hat es gebraucht, bis die Schweizer Frauen die gleichen politischen und gesellschaftlichen Rechte erhalten haben wie die Männer. In der langen Historie dieses Kampfs stechen auch 30 mutige Sissacherinnen als Vorreiterinnen heraus, die 1862 gleiche Rechte zumindest in den Bereichen Bildung und beim Erbrecht eingefordert haben.
Sonntag, 7. Februar 1971: 65,7 Prozent der Schweizer Stimmbevölkerung – ausschliesslich Männer – legen ein Ja in die Urne zur Frage, ob den Frauen das Stimm- und Wahlrecht zugebilligt werden soll. Nur in den Innerschweizer Kantonen Uri, Schwyz und Obwalden, in Glarus, St. Gallen und im Thurgau sowie in den beiden Appenzell ist die Mehrheit der Männer noch nicht bereit, den Frauen die gleichen politischen Rechte zuzugestehen. Im Baselbiet sagen vier von fünf Stimmberechtigten Ja. 53 Jahre nach Deutschland, 52 nach Österreich, 27 nach Frankreich und 26 Jahre nach Italien erhielten die Schweizer Frauen auf nationaler Ebene endlich das, wofür sie viele Jahrzehnte gekämpft hatten.
Petition an den Verfassungsrat
Die Versuche, die Männer für die berechtigten Anliegen der Frauen zu sensibilisieren, sind zahlreich. Doch ist bemerkenswert, dass es just Sissacher Frauen waren, die versuchten, Einfluss zu nehmen: Mit einer Petition, datiert vom 29. August 1862, verlangten 30 Frauen vom damals tagenden Verfassungsrat ein gerechteres Erbrecht und bessere Bildungsmöglichkeiten für Frauen. Darin hiess es: «Wenn die Unterzeichnerinnen dieses Volkswunsches – denn die Frauen werden ja wohl auch zum Volk gezählt werden – erst heute kurz vor Torschluss mit dieser Zuschrift an Sie gelangen, so entschuldigen Sie diese Verzögerung dadurch, dass wir mit Recht glauben durften, es werde dieser Wunsch von anderer Seite oder aber doch aus dem Schosse Ihrer Behörde selbst gestellt werden.»
Die Sissacherinnen stellten im Wesentlichen zwei Forderungen. Sie wünschten, «dass von Staats wegen mehr für die Bildung des weiblichen Geschlechts geschehe als bishin». Erstens. Und zweitens wünschten sie «eine Abänderung des Erbgesetzes in der Weise, dass in Erbfällen die Vorrechte des Mannes gegenüber dem Weibe aufhören, dass in Zukunft das Vermögen statt wie bishin 2/3 und 1/3 zur Hälfte auf des Mannes und zur Hälfte auf der Frauen Seite fallen soll».
Interessanterweise berichtet der in Sissach erscheinende «Der Baselbieter» schon anderthalb Wochen vor dem 29. August 1862, dass «Sissacher Weiber mit einer Sturmpetition den Verfassungsrat behelligen» wollen, welche ein allgemeines Stimm- und Wahlrecht für die Frauen fordert und eine Gleichberechtigung zur Erbschaft. Das kleinbäuerlich orientierte Blatt befürwortet die Besserstellung im Erbrecht, lehnt die weitergehende Forderung aber als «komisch» ab.
Der Pfarrer und die Frauen
Wer waren diese 30 Sissacher Frauen? Es gilt als gesichert, dass es sich um Mitglieder des (bereits im Jahr 1849 gegründeten) Frauenvereins Sissach handelte. Ebenfalls darf angenommen werden, dass der damalige Präsident des Frauenvereins, Pfarrer Johannes Holinger (1796 – 1885), der von 1843 bis 1877 in Sissach wirkte, die Petition aufgesetzt hatte. Der Pfarrer kümmerte sich nämlich damals um das Armenwesen und kannte die Situation der verarmten und rechtlosen Frauen bestens. Der Frauenverein war auch «sein» Vehikel für wohltätige Zwecke, denn es gab ja damals noch keine Sozialhilfe.
Die Namen der 30 Mitunterzeichnerinnen geben einen Einblick in die Sissacher Geschlechter von damals: Das Spektrum reicht von B wie Buser, Brugger und Buess bis W wie Wirz und Z wie Zeller (siehe «Die 30 Sissacherinnen»).
Nachtrag: Die neue Verfassung von 1863 sollte damals zwar gerechter und demokratischer werden. Und zwar für das ganze Volk, also auch für den weiblichen Teil, wie dies die Sissacherinnen wollten. Die Kantonsverfassung wurde dann tatsächlich zur fortschrittlichsten des Landes in Bezug auf die Demokratie. Doch die beiden Anliegen der mutigen Frauen waren nicht einmal eine Erwähnung wert. Es sollte noch einmal weit mehr als 100 lange Jahre dauern …
Die 30 Sissacherinnen
Die folgenden Frauen haben die Petition an den Verfassungsrat mitunterzeichnet (die Namen in Fettschrift erscheinen so und in der Reihenfolge, wie sie auf dem Originaldokument handschriftlich vermerkt sind):
Frau Zeller Senn: Elisabeth Senn (1819 – 1865) aus Liestal. Verheiratet mit dem Hafner Johann Jakob Senn, der im Jahr 1858 mit Tochter Maria nach den USA emigrierte. Das könnte der Grund sein, warum Elisabeth wieder ihren Mädchennamen angenommen hat.
Louise Senn-Bader (1830 – 1905) aus Langenbruck. Verheiratet mit Baumeister Heinrich Senn (1830 – 1885).
Frau Schmassmann: geb. Anna Maria Catharina Bürgin (1815 – 1876) aus Diegten. Verheiratet mit Bandweber Jacob Schmassmann (1813 – 1895).
Frau Völlmy Plüss: Verena Plüss (1822 – 1894) aus Riken. Verheiratet mit Zuckerbäcker Martin Völlmy (1808 – 1866); sechs Kinder.
Frau Völlmy Fisch: Helena Fisch (1836 – 1906) aus Inzlingen D. Verheiratet mit Heinrich Völlmin (1812 – 1879).
Frau Martin Hofer: Katharina Hofer (1816 – 1884) aus Sissach. Verheiratet mit dem Schuhmacher Jakob Martin.
Frau Rieder Buser: Anna Buser (1836 – 1912) aus Sissach. Verheiratet mit Mathias Rieder.
Frau Brugger Jundt: Ursula Jundt (1809 – 1866) aus Sissach, Witwe des Joh. Hofmann von Sissach. Verheiratet mit Schreiner Rudolph Brugger.
Els. Wagner Frei: Elisabeth Frei (geb. 1827) aus Sissach. Verheiratet mit Eduard Wagner von Läufelfingen.
M. Tschudy-Schaub: Maria Schaub (1831 – 1906) aus Sissach. Tochter von Heinrich Schaub, u. a. Gemeindepräsident, Bezirksstatthalter und Regierungsrat. Verheiratet mit Wilhelm Tschudy, Landrat, Bezirksrichter und Gemeindeverwalter von Sissach.
Elisabeth Hug: (1916 – 1889) von Sissach, Tochter des Ambrosius Hug (1765 – 1821), Gemeindepräsident (1801 – 1802), verheiratet mit J. Jakob Hug, Strassenwart und Gemeinderat.
Frau Buess: Elisabeth Oberer (geb. 1815) aus Sissach. Verheiratet mit Heinrich Buess aus Wenslingen.
Frau Giesler.
Elise Schaub Stohler: Elisabeth Stohler (geb. 1824) aus Arboldswil. Verheiratet mit Friedrich Ludwig Schaub (geb. 1812).
Frau Zeller Giesler: Anna Josephine Giesler (geb. 1822) aus Sissach. Verheiratet in zweiter Ehe mit Hafner und Schlosser Ludwig Zeller von Sissach.
Salome Sütterli Wirz: Salome Wirz (1823 – 1901) aus Sissach. Verheiratet mit Bezirksschreiber Martin Sütterli.
Elisabeth Oberer-Denger: Elisabeth Denger (1816 – 1889) aus Sissach. Verheiratet mit Visiteur Martin Oberer, Gemeinderat.
A. Frei-Gehret: Luzi Agnes Gehret (1810 – 1889) aus Retterswil AG. Verheiratet mit Bäcker Johannes Frei, Sissacher Gemeinderat und Armenpfleger. Luzi Agnes Gehret ist Mitbegründerin des Frauenvereins Sissach.
Salome Schneider Völlmy: Salome Völlmy (1826 – 1888) aus Sissach. Verheiratet mit Kappenmacher Karl Schneider (geb. 1818).
B. Schaub Thommen: Anna Barbara Thommen (1805 – 1863) von Diegten. Verheiratet mit Johann Georg Schaub.
Frau Wirz Spengler: Maria Weber (geb. 1825) von Seeberg BE. Verheiratet mit dem Spengler Matthias Wirz (1814 – 1867); drei Kinder. (Sie unterzeichnete mit Wirz Spengler, weil ihr Mann Spengler war.)
Frau Nabholz: Susanna Charlotte Linder (1813 – 1866) aus Basel. Verheiratet mit Wilhelm Nabholz.
Frau Oberer Zimmermann: Anna Barbara Zimmermann (1823 – 1882) aus Riehen. Verheiratet mit Witwer Johann Georg Oberer, Bezirksgerichtsschreiber 1839 – 1864.
Frau Dürr Oberer: Anna Barbara Oberer (1798 – 1877) aus Sissach. Verheiratet mit Jakob Dürr.
Do. Margaritha Gass Frei: Margaritha Frei (geb. 1833) aus Böckten. Verheiratet mit Posthalter Johann Gass.
Frau Oberer Oberer: Anna Maria Oberer (1828 – 1863) aus Sissach. Verheiratet mit Johann Jakob Oberer.
Frau Oberer Kaufmann: Margarethe Kaufmann (1805 – 1878) aus Sissach. Verheiratet mit Seidenweber Heinrich Oberer.
Frau Wirz Wirz: Barbara Wirz (1819 – 1884) von Sissach. Verheiratet mit Matthias Wirz.
Salome Oberer Völlmy: Salome Völlmy (1804 – 1877) aus Sissach. Verheiratet mit Schneider und Instruktor Hans Georg Oberer.
Helene Bossert: geächtet wegen einer Russland-Reise
rob. Helene Bossert-Fausch (1907 – 1999) gehörte in den 1940er- und frühen 1950er-Jahren zu den bekanntesten Mundartdichterinnen der Region. Als Radiomitarbeiterin, Autorin und Rezitatorin war sie im Baselbiet präsent und gesellschaftlich gut vernetzt. Dieses Leben änderte sich jedoch schlagartig nach ihrer Teilnahme an einer dreiwöchigen Studienreise in die Sowjetunion im September 1953.
Bossert, die sich selbst als unpolitische Christin, Pazifistin und dem religiösen Sozialismus nahestehend verstand, nahm die Einladung aus Neugier an. Sie wollte sich nach eigenen Aussagen ein eigenes Bild von Land und Leuten machen und damit einen Beitrag zum gegenseitigen Verständnis leisten. In der aufgeheizten Stimmung des Kalten Krieges wurde die Reise jedoch als politisches Bekenntnis ausgelegt. Bereits während ihrer Abwesenheit erschienen kritische Medienberichte, nach ihrer Rückkehr wurde sie in weiten Kreisen als «Kommunistin» abgestempelt.
Die Folgen waren für Bossert und ihre Familie einschneidend. Sie verlor ihre Stelle beim Radio Basel, nachdem die Bundesanwaltschaft, die sie bereits zuvor im Visier gehabt hatte, ihre Entlassung durchsetzen konnte. Auch bei Lesungen intervenierten Behörden, sodass Bossert innert kurzer Zeit fast sämtliche Auftritts- und Publikationsmöglichkeiten verlor. Zeitweise blieb ihr nur noch die Möglichkeit, vor linken Organisationen in Basel aufzutreten. Gleichzeitig wurde sie von der Kantonspolizei sporadisch überwacht.
Besonders schmerzhaft war für Bossert die soziale Ächtung. Sie wurde in Sissach gemieden und Ziel einer öffentlichen Hetzkampagne. Die Ausgrenzung traf auch ihren Ehemann Ulrich und den gemeinsamen Sohn Ueli, der in der Schule gehänselt wurde. Die jahrelange Belastung hinterliess tiefe Spuren im Familienleben und setzte Bossert psychisch stark zu. Symbol für diese Anfeindungen war die Verbrennung eines «Alternativ-Chluuri» mit ihren Büchern an der Sissacher Fasnacht im Jahr 1954.
Ab 1957 durfte Helene Bossert wieder im Radio auftreten. In den folgenden Jahrzehnten kehrte auch die öffentliche Anerkennung schrittweise zurück; 1988 erhielt sie den Baselbieter Literaturpreis. Von einer vollständigen Rehabilitation kann jedoch kaum gesprochen werden. Nach Aussage ihres Sohnes blieb der Schatten der Russlandreise bis an ihr Lebensende bestehen, und die Ereignisse von 1953 liessen sie nie wirklich los.


