«Sie hat Grenzen verschoben»
04.09.2026 Sport, LeichtathletikCeline Jansen beendet ihre Mehrkampf-Karriere
Sie hat gelernt, auf die Signale ihres Körpers zu hören: Celine Jansen schliesst das Kapitel Siebenkampf. Eine der besten Schweizer Mehrkämpferinnen tritt zurück – und will kommende Saison in einer Einzeldisziplin ...
Celine Jansen beendet ihre Mehrkampf-Karriere
Sie hat gelernt, auf die Signale ihres Körpers zu hören: Celine Jansen schliesst das Kapitel Siebenkampf. Eine der besten Schweizer Mehrkämpferinnen tritt zurück – und will kommende Saison in einer Einzeldisziplin erneut angreifen.
Sebastian Wirz
«Wenn ich eine perfekte Athletin basteln sollte, wäre sie genau wie Celine», sagt Patrick Schmutz. Vielleicht gerade weil sich ein Leichtathletik-Trainer seine Schützlinge aber nicht selber schaffen kann, rief Schmutz nach dem Liestaler Hallenmehrkampf 2005 die Eltern von Celine Albisser an. Er hatte den Wettkampf mit einer anderen Athletin gewinnen wollen, aber: «Celine war besser.» Also schlug er den Eltern vor, die Tochter fortan bei ihm im Leichtathletikverein Frenke zu betreuen und an die nationale Mehrkampfspitze heranzuführen. Damit begann eine Zusammenarbeit, die bis heute anhalten sollte.
Mehr als 20 Jahre, diverse nationale Titel sowie Rekorde, eine Vereinsfusion (LV Frenkefortuna) sowie eine Hochzeit inklusive Namenswechsel später schliesst Celine Jansen das Kapitel Mehrkampf. Die unzähligen Trainingsstunden haben nicht nur für Erfolge und Emotionen gesorgt, sondern auch den Körper an seine Grenzen gebracht. Mehrfach sagten die Achillessehnen: «Stopp!» Als die Schmerzen diesen Sommer weg waren, dauerte es gerade einmal drei Wochen, ehe eine Adduktorenverletzung Jansens Saison beendete.
«Man lernt viel über sich beim Mehrkampf», ist Jansen überzeugt. Dazu gehört, für die Maximalleistung alles aus dem Körper herauszuholen, aber auch die Signale zu verstehen, wenn der Körper nicht mehr kann. An diesem Punkt ist die Bubendörferin nun: «Ein Wettkampf würde wohl schon noch gehen, aber das Trainingsvolumen, das für einen Mehrkampf auf diesem Niveau nötig ist, kann ich nicht mehr absolvieren», sagt die 30-Jährige.
Gute Freunde, gute Leistung
Rund 18 Stunden pro Woche trainierte Jansen über all die Jahre. Ausgelassen habe sie dabei keine Einheit, bestätigt Coach «Rick» Schmutz: «Wenn sie einmal am Abend tatsächlich etwas anderes hatte, rief sie an und absolvierte das Training alleine am Nachmittag oder am folgenden Morgen.» Schwer gefallen sei ihr das nicht, erzählt Jansen – «keine Lust auf Training» kenne sie nicht: «Ich bin so aufgewachsen», sagt Jansen, «es war immer klar, dass auch am Wochenende Training angesagt ist.» Abgesehen davon, dass ihr Leichtathletik ganz einfach immer Freude bereitet habe, habe sie in tollen Gruppen trainieren können, sagt Jansen. Von allen Seiten war denn auch zu hören, dass es kein Zufall sei, dass mit Jansen, Matthias Steinmann und Finley Gaio gleich drei Oberbaselbieter Athleten gleichzeitig an der nationalen Mehrkampf-Spitze mitmischten.
Jansen sah bald einen Weg ausserhalb der Sportkarriere: Nach einer äusserst erfolgreichen Juniorinnenzeit mit Meistertiteln, Nachwuchs-Rekorden und Olympia-Träumen kamen erste Verletzungen. 2023 sagte sie in einem Interview mit der «Volksstimme», dass sie vielleicht drei bis vier Jahre verpasst habe. Für Jansen wurde klar, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht mit Leichtathletik verdienen würde. Die Sportklasse am Gymnasium musste bei diesem Trainingspensum sein, klar, aber danach sollte ein Wirtschaftsstudium folgen.
Die Explosion
Und auch nach dem Master legte sie keine Pause ein, um zumindest zeitweise voll auf die Karte Sport zu setzen. Sie stieg in die Berufswelt ein. Vielleicht sei es ihr auch deshalb gelungen, sich selbst nicht nur als Sportlerin wahrzunehmen. Denn im Mehrkampf mit all seinen Erfolgsmomenten, aber auch Stolperfallen und Rückschlägen müsse eine Athletin lernen: «Eine Leistung definiert mich nicht.»
Das Berufsleben gab Jansen gemeinsam mit ihrem Nicht-Sport-Umfeld nicht nur die Fähigkeit, auch einmal nicht an Spitzensport zu denken – sie schien daraus Energie zu schöpfen. Denn ein Jahr nach dem Berufseinstieg beim Baselbieter Amt für Gesundheit, wo sie sich mit der Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung beschäftigt, folgte eine regelrechte Explosion – oder in den Worten von Trainer Schmutz: «Ein unfassbarer Wettkampf, den ich nie vergessen werde.»
Beim Hypomeeting in Götzis 2023 gelang Jansen ausgerechnet vor Augen der Mehrkampf-Weltelite der grösste Siebenkampf ihrer Karriere. Mit 13,27 Sekunden verbesserte die Bubendörferin zum Auftakt ihre persönliche Bestzeit über 100 Meter Hürden gleich um drei Zehntel und lief unter die besten 20 Schweizerinnen der Geschichte in dieser Disziplin. «Ich konnte mich eine Stunde lang nicht erholen von dieser Zeit», sagt – nicht die Athletin, sondern Trainer Schmutz, der in der Folge fünf weitere persönliche Rekorde seines Schützlings miterlebte. Jansen selbst war zwar ab der eigenen Hürdenzeit hin und weg, die restlichen Leistungen des Tages hatte sie sich allerdings durchaus zugetraut. Ein Zeichen für die Selbstverständlichkeit, mit der sie sich an ihrer Leistungsdecke bewegte.
Mit den 6096 Punkten von Götzis gehört Jansen zu den zehn besten Schweizer Siebenkämpferinnen der Geschichte. Und wenige Wochen später bestätigte sie den Durchbruch dieser «Schallmauer» bei den Heim-Schweizermeisterschaften in Basel mit einer erneuten Punktzahl über 6000. Für das Baselbiet gehören dabei auch ihre Leistungen in Einzeldisziplinen zu den besten überhaupt: Neben dem Siebenkampf und 100 Meter Hürden ist Jansen auch im Dreisprung und im Kugelstossen Kantonalrekordhalterin. Dazu war sie Teil der Rekord-Staffeln über 4 × 100 Meter (LV Frenkefortuna, 2024) und 4 × 400 Meter (LG athletics.baselland, 2016).
«Sie ging vorneweg»
Das alles erreichte Jansen, obwohl sie mit 1,66 Metern für eine Mehrkampf-Karriere eigentlich 10 Zentimeter zu klein ist. Was ihr an Körpergrösse fehlte, machte die Athletin mit allem anderen wett, was es für den Leistungssport braucht: «Talent, Ehrgeiz, Disziplin, Fokus – ich kann wirklich nichts Schlechtes über Celine finden», sagt Patrick Schmutz.
Diese Eigenschaften hätten auch nach aussen gewirkt, ist der langjährige Trainingskollege Matthias Steinmann überzeugt: «Celine ist eine, die vorneweg ging. Sie hat denen, die nach ihr kamen, gezeigt, dass man es mit Disziplin, Durchhaltevermögen, Hingabe, Freude und Interesse am Sport viel weiter schaffen kann, als alle denken.» Jansen habe Grenzen verschoben und wiederholt Leistungen geliefert, die ihr ein paar Jahre davor kaum jemand zugetraut hätte.
Nicht von 18 auf 0
Zutrauen will sich Jansen im Frühling einen allerletzten Mehrkampf, auch wenn sie ihrem Körper das volle Trainingspensum nicht mehr abverlangen will. Es soll ein letzter «Zweitäger» mit ihren Freundinnen werden, denn das seien die Konkurrentinnen im Siebenkampf. Ihr Resultat stehe dann ganz im Hintergrund, weshalb sich die Bubendörferin keine Sorgen um Verletzungen oder Ähnliches macht.
Fit wird sie so oder so sein, denn Jansen wird weiterhin Leichtathletik betreiben. «Von 18 auf 0 Stunden pro Woche ist wohl nicht gesund – und über 400 Meter habe ich bereits neue Ziele gefunden», sagt Jansen, «wöchentlich 10 oder 12 Stunden werden sich für mich schon wie eine Entlastung anfühlen.»
Für Coach «Rick» ist klar, dass Jansen auch über 400 Meter an der nationalen Spitze mitmischen wird. «Sie wird keinen schlechten 400er laufen – ich kenne sie», sagt Patrick Schmutz und lacht. Schliesslich würde er seine Traumathletin nach Jansens Vorbild basteln – nur vielleicht 10 Zentimeter grösser.


