Schwimmende Zebus und rostende Züge
14.07.2026 SissachGeschichten aus dem indischen Ozean, Teil 3
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell nimmt uns in seiner Serie mit auf eine Reise durch den Indischen Ozean. Im dritten Teil erreicht er Madagaskar und trifft auf eine Insel zwischen Naturwunder und Naturzerstörung.
Hanspeter ...
Geschichten aus dem indischen Ozean, Teil 3
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell nimmt uns in seiner Serie mit auf eine Reise durch den Indischen Ozean. Im dritten Teil erreicht er Madagaskar und trifft auf eine Insel zwischen Naturwunder und Naturzerstörung.
Hanspeter Gsell
Aufgrund der politischen Situation haben wir in Daressalam das Schiff nicht verlassen. Nach Mombasa hatten wir keine Lust auf eine weitere afrikanische Millionenstadt. Nun sind wir endlich in Madagaskar eingetroffen.
Mahajanga ist die viertgrösste Stadt Madagaskars. Sie liegt im Nordwesten der Insel, am Fluss Betsiboka. Genau dieser Fluss ist für das bräunliche Meer verantwortlich, in dem wir schaukeln. Infolge der Abholzung, der damit verbundenen Bodenerosion und heftiger Regenfälle hat er sich neue Wege gesucht. Der ursprüngliche Hafen ist nicht mehr benutzbar und müsste dringend verlegt werden. Wir wurden an einer provisorischen Anlegestelle ausgeladen.
Während der vergangenen 50 Jahre sind in ganz Madagaskar riesige Waldflächen verschwunden. Brandrodungen bringen schwere Bodenerosion und massive Verluste der Artenvielfalt mit sich. Mehr als 75 Prozent der bisherigen Pflanzenarten sollen bereits verschwunden sein. Das Paradies ist ernsthaft bedroht. Auch mitten in Mahajanga haben wir Menschen beobachtet, die aus Holz Holzkohle herstellten. Diese Kohle wird zum Kochen benötigt; Heizungen braucht man in Madagaskar keine. Holzkohle ist für alle Bevölkerungsschichten erschwinglich und bei Weitem die billigste Energiequelle. Besonders die Ärmsten der Armen sind darauf angewiesen.
In Madagaskar – man nennt die Insel auch den achten Kontinent – werden Edelsteine abgebaut. Saphire sowie das Mineral Mica werden in illegalen und gefährlichen Minen gefördert. Mica wird in der Kosmetikindustrie, bei der Herstellung von Autolacken und in der Elektronik verwendet. Es sind hauptsächlich Kinder, die in den Minen arbeiten. Ist Kinderarbeit in der früheren französischen Kolonie erlaubt? Nein, natürlich nicht. Aber eine gut geschmierte Korruptions- und Vetternwirtschaft macht es möglich. In der Verfassung ist zwar festgeschrieben, dass Umweltschutz zu den Zielen jeder Regierung zählen muss. Da die politischen Eliten jedoch zerstritten sind und eine Revolution zur nächsten führt, hat es noch keine Regierung geschafft, diesen Anspruch auch umzusetzen.
Die schwimmenden Zebus
Das Zebu, das Buckelrind, ist ein zentrales Element der madagassischen Kultur. Es symbolisiert Reichtum, Identität und Tradition. Zebus sind bei allen wichtigen Lebensereignissen präsent. Bereits ein einziges Zebu zu besitzen gilt als Zeichen sozialen Erfolgs; die Anzahl der gehaltenen Tiere spiegelt das Ansehen einer Familie wider. Das Zebu spielt auch eine wichtige spirituelle Rolle: Es ist das bevorzugte Opfertier, um die Ahnen zu ehren und ihren Schutz zu erbitten. Auf dem Land ist es unentbehrlich. Es pflügt die Reisfelder, transportiert Waren und dient als Fortbewegungsmittel.
Als wir auf das Boot warten, das uns zu unserem Schiff bringen soll, sehen wir sie: die Zebus. Auf einem alten Segler waren sie von einer Nachbarinsel nach Mahajanga gebracht worden. Da der neue Hafen noch nicht gebaut ist, setzte man das Schiff kurzerhand zwischen zwei Lagerschuppen auf Grund. Dann brachte man die Tiere dazu, ins Wasser zu springen und an Land zu schwimmen. Es funktionierte reibungslos.
Um Zebus zu sehen, muss man übrigens nicht nach Madagaskar reisen. Es gibt sie auch in Sissach zu bestaunen. Und essen kann man sie in der Schweiz ebenfalls: Ein Restaurant in der Innerschweiz kauft Buckelrinder und verfolgt dabei den sogenannten «Nose to Tail»-Ansatz, also die vollständige Verwertung des Tiers von Kopf bis Fuss. «Es hält auch jenseits des Filets etliche Leckerbissen bereit», schrieb bereits vor vielen Jahren Fergus Henderson, Autor des in den 1990er-Jahren erfolgreichen Kochbuchs «Nose to Tail Eating».
In Mahajanga kann man einen riesigen Affenbrotbaum bestaunen, einen sogenannten Baobab. Dorthin zu kommen ist allerdings nicht ganz einfach. Die Fahrer von Taxis und Tuk-Tuks, jenen kleinen umgebauten italienischen Ape von Fiat, akzeptieren kein «komisches Geld», also keine Dollars, keine Euros und schon gar keine Schweizer Franken.
«Na, dann halt zur Bank», werden Sie jetzt denken. Nur muss man zuerst eine finden. Und dann: Der Geldwechsel scheint auf uralten Traditionen aus der Kolonialzeit zu beruhen. 24 Stunden muss man rechnen, bis man madagassische Ariary in der Hand hält. Da kaum jemand so lange warten will, geht man eben zu Fuss. In der Nähe einer wunderschön bepflanzten Meerespromenade finden wir ihn schliesslich: einen gigantischen Baobab, den grössten ganz Madagaskars. Sein Umfang beträgt 21 Meter, sein genaues Alter ist unbekannt; man schätzt es auf 800 bis 1000 Jahre. Der Name «Affenbrotbaum» stammt übrigens von Forschern, die beobachteten, wie Affen die Früchte dieser Bäume ernten.
Jetzt müsste man den Baobab siebenmal umrunden, dann würde man glücklich, reich, gesund oder was man sonst noch will. Wir wollen nicht und machen uns auf den Rückweg zum Schiff. Neben dem Baobab sind mehrere Zebrastreifen eingezeichnet, möglicherweise die einzigen in ganz Madagaskar. Ich wage zu behaupten, dass man hier nicht genau weiss, was sie bedeuten.
Schweizer Entwicklungshilfe
Die Forchbahn – im Volksmund auch «Frida Bünzli» genannt – ist eine Schmalspurbahn zwischen Zürich und Esslingen. Als neue Züge benötigt wurden, kam jemand auf die Idee, die alte Bahn zu verkaufen. Käufer fanden sich keine. Also verkaufte man die zehn Wagen günstig der Stadt Antananarivo.
Allein der Seetransport nach Madagaskar kostete ein Vermögen. Bald standen die Wagen in einem Aussenbezirk der madagassischen Hauptstadt. Dort stehen sie noch heute. Die Komposition hätte Entlastung im Verkehrssystem bringen sollen, doch die politische Instabilität seit 2009 verhinderte, dass die Pläne je umgesetzt wurden. So rosten die Waggons im Hinterhof des Bahnhofsgeländes vor sich hin. Schon bald werden sie im hohen Gras verschwunden sein.
Von madagassischer Seite ist in den jüngsten Jahren nichts zu vernehmen, dass diese Bahn je wieder zum Einsatz kommen soll. Auch von den Schweizer Initianten ist nichts mehr zu hören. Diese letztlich nutzlose Aktion bleibt ein Schandfleck verfehlter Schweizer Entwicklungshilfe. Auf nach Nosy Bé, die Insel der Italiener.
Geschichten aus dem Indischen Ozean
vs. Hanspeter Gsell (Sissach), Autor und «Volksstimme»- Kolumnist, ist wieder unterwegs – dieses Mal auf dem Schiff: Auf einer Fahrt durch den Indischen Ozean konnte er eine ganze Menge neuer Inseln sammeln. Die siebenteilige Serie in der «Volksstimme» beinhaltet Reportagen und Geschichten aus Mombasa, Sansibar, Madagaskar, Praslin und La Digue. In lockerer Reihenfolge veröffentlichen wir seine Erzählungen. Unser Tipp: Lesen Sie auch zwischen den Zeilen. Eine Sommerserie, nicht nur für Daheimgebliebene!




