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08.05.2026 Sport, Weitere Sportarten13-jährige Diepflingerin möchte Medaillen gewinnen
Viele Trainings, Wettkämpfe und kaum Freizeit: Für Anic Ritter ist Inline-Speedskating mehr als ein Hobby. Die Diepflingerin verfolgt ehrgeizig ihr Ziel, sich in einer hierzulande wenig bekannten Sportart an die Spitze ...
13-jährige Diepflingerin möchte Medaillen gewinnen
Viele Trainings, Wettkämpfe und kaum Freizeit: Für Anic Ritter ist Inline-Speedskating mehr als ein Hobby. Die Diepflingerin verfolgt ehrgeizig ihr Ziel, sich in einer hierzulande wenig bekannten Sportart an die Spitze zu arbeiten.
Tobia Benaglio
Mit schnellen Schritten, tiefem Körperschwerpunkt und klarem Blick nach vorne gleitet Anic Ritter über den Asphalt. Was für viele nach Freizeitvergnügen aussieht, ist für die 13-Jährige aus Diepflingen längst ernsthafter Leistungssport geworden. Inline-Speedskating – eine in der Schweiz kaum bekannte Randsportart – bestimmt einen grossen Teil ihres Alltags.
Anic Ritter besucht die 8. Klasse der Sekundarschule Sissach im Niveau E. Neben Schule und Training bleibt wenig Zeit, doch wenn sich ein freies Fenster ergibt, verbringt sie es gerne mit Freunden oder der Familie. Viel Spielraum gibt es aber nicht: Fünf bis sieben Trainingseinheiten pro Woche sind für sie keine Ausnahme, sondern Normalität.
Der Einstieg in den Sport kam zufällig. 2017 erhielten Anic und ihre Schwester Inlineskates. Was als Geschenk begann, entwickelte sich schnell weiter, als die Eltern darauf bestanden, dass die Schwestern einen Kurs besuchen. Beim Rollsportclub Liestal lernte sie die Grundlagen – sicheres Fahren, Bremsen und sogar das richtige Stürzen. «Das hat mir sofort gefallen», erinnert sich Anic. Aus ersten Übungen wurden bald regelmässige Trainings, aus Trainings erste Wettkämpfe in der Schweiz und im grenznahen Deutschland. Mit jedem Rennen wuchs der Ehrgeiz.
Skaten im Parkhaus
Heute trainiert die Diepflingerin beim Inline Club Mittelland in Niederbipp. Seit Herbst 2024 arbeitet sie dort intensiv mit Trainer Benjamin Feer und einer leistungsorientierten Trainingsgruppe. Die Bedingungen sind nicht immer einfach: In der Schweiz existiert nur eine einzige 200-Meter-Bahn für Speedskating, und die steht in Weinfelden (TG). Die meisten Trainings finden deshalb draussen statt – auf geeigneten Strassen oder Feldwegen, abhängig von Wetter und Verkehr.
Im Sommer nutzt Anic die asphaltierten Wege rund um Niederbipp für lange Ausfahrten von bis zu 30 Kilometern oder Techniktrainings. Im Winter wird improvisiert: Parkhäuser dienen nach Ladenschluss als Trainingsorte, solange keine Nässe den Boden rutschig macht. Wenn auch das nicht möglich ist, wird in der Turnhalle ohne Skates trainiert – mit Fokus auf Technik, Kraft und Stabilität. «Trainings in der Halle mit den Inlineskates sind nur selten möglich, da die meisten Turnhallenböden zu weich für die Rollschuhe sind», erklärt Anic.
Im Winter trainieren viele Inline-Speedskater auch im Eisschnelllauf. Anic Ritter durfte ebenfalls schon eine Woche lang ein solches Training absolvieren. «Auch diese neue Disziplin hat mir sehr gut gefallen, das würde ich gerne wieder machen», sagt die Diepflingerin.
Ein typisches Training beginnt zu jeder Jahreszeit mit Einlaufen, Dehnen und Mobilisation. Danach folgen je nach Saison Intervalltrainings, Ausdauerblöcke oder technische Übungen. Besonders wichtig sind dabei Präzision und Effizienz – kleine Fehler kosten bei hohen Geschwindigkeiten wertvolle Sekunden. Ausdauer- und Krafttraining betreibt Anic meist zu Hause, auch um nicht jeden Tag über eine Stunde fürs Training fahren zu müssen. Dafür hat sie aber einen individuellen Plan, den ihr Trainer Benjamin Feer für sie zusammengestellt hat.
Der Aufwand ist hoch, die Konkurrenz international. Während Inline-Speedskating in der Schweiz ein Nischendasein fristet, ist es in Kolumbien Nationalsport. In Südamerika und Asien wächst die Szene rasant. Europa wird von Italien und Frankreich angeführt. Für junge Athletinnen wie Anic bedeutet das: Wer mithalten will, muss früh viel investieren. Ein Höhepunkt für viele ist die Arena im deutschen Geisingen, rund anderthalb Stunden von Diepflingen entfernt. Die überdachte 200-Meter-Bahn gilt als eine der schnellsten der Welt. Gerade im Winter verbringt Anic dort viele Wochenenden, um unter top Bedingungen zu trainieren.
Auch international sammelt die 13-Jährige bereits Erfahrung. In ihrer Trainingsgruppe sind Athletinnen und Athleten aus verschiedenen Ländern, darunter auch eine Weltklasse-Skaterin aus Kolumbien. «Wir profitieren stark voneinander», sagt Anic Ritter.
Die Wettkämpfe sind vielfältig: Sprintdistanzen über 200, 500 oder 1000 Meter stehen ebenso auf dem Programm wie längere Rennen mit komplexen Wertungssystemen. Besonders anspruchsvoll sind Punkteund Eliminationsrennen, bei denen nicht nur Geschwindigkeit, sondern auch Taktik entscheidend ist. In Anics bester Kategorie, 1000 Meter, starten oft bis zu 100 Athletinnen – ein dichtes Feld, in dem jede Position hart umkämpft ist.
Nur wenig Freizeit
Das laufende Jahr war für Anic Ritter bislang das erfolgreichste ihrer noch jungen Karriere. Bei den «European Track Series» in Portugal holte sie über 1000 Meter den zweiten Platz. In Geisingen erreichte sie im Sprintfinal Rang 5 – als zweitbeste Europäerin unter 93 Starterinnen. Beim internationalen Wettkampf in Gross Gerau (D) belegte sie den achten Gesamtrang und war die beste Europäerin. «Das zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin», sagt sie.
Auch national hat die 13-Jährige sich bereits einen Namen gemacht: Mehrfache Schweizer Meistertitel und der Gesamtsieg bei der «Swiss Skate Tour» über die Halbmarathon-Distanz im vergangenen Jahr unterstreichen ihr Talent. Der Erfolg hat seinen Preis. Schule, Training und Privatleben unter einen Hut zu bringen, ist herausfordernd. Oft bleibt nur ein freies Wochenende pro Monat. Hinzu kommen verpasste Schulstunden durch Trainingslager und Wettkämpfe. «Ich muss viel nachholen, aber ich bin froh, dass meine Lehrer Verständnis haben.»
Unterstützung erhält Anic vor allem von ihrer Familie. Die Eltern investieren viel Zeit, fahren zu Trainings und begleiten sie an Wettkämpfe. Ohne diesen Rückhalt wäre der Aufwand kaum zu bewältigen.
Wie es nach der obligatorischen Schulzeit weitergeht, ist noch offen. Klar ist für die Diepflingerin vor allem eines: Sie will sich sportlich weiterentwickeln. «Ich möchte weiterhin mit meiner Trainingsgruppe arbeiten und an grossen Wettkämpfen Medaillen gewinnen.»
Trotz aller Ambitionen bleibt ihre Begeisterung für den Sport spürbar. Inline-Speedskating sei nicht nur Leistungssport, sondern auch eine ideale Möglichkeit für Fitness und Bewegung in jedem Alter. Bei Veranstaltungen wie der «Swiss Skate Tour» können sich Spitzenathleten und Hobbyfahrer auf derselben Strecke messen – jeder in seinem Tempo.

