Schön schick, schaurig schnell und ein Schnäppchen
22.10.2026 AutoDie Limousine BYD Seal Excellence AWD beschleunigt klammheimlich in 3,8 Sekunden von null auf hundert
Die Garage Keigel bringt die Automarke BYD in die Region. Die vergleichsweise erschwinglichen Elektroautos des chinesischen Herstellers finden reissenden Absatz. Die ...
Die Limousine BYD Seal Excellence AWD beschleunigt klammheimlich in 3,8 Sekunden von null auf hundert
Die Garage Keigel bringt die Automarke BYD in die Region. Die vergleichsweise erschwinglichen Elektroautos des chinesischen Herstellers finden reissenden Absatz. Die «Volksstimme» hat das Flaggschiff der Flotte gefahren: den vollelektrischen Seal Excellence AWD. Eine Rakete.
Christian Horisberger
Brachial. Was die beiden Elektromotoren mit diesem Auto zu tun vermögen, ist kaum zu fassen. Die Beschleunigungswerte der eleganten Limousine entsprechen denen eines reinrassigen Sportwagens, das Drehmoment von 670 Newtonmetern steht ab dem ersten Meter zur Verfügung, und dank des Allradantriebs und des Torque-Adaption-Control-Systems, das jedes Antriebsrad separat ansteuert, gibt es beim Tritt aufs Gaspedal kein Zögern, kein Durchdrehen, nicht einmal ein Ruckeln. Das Auto schiesst aus dem Stand mucksmäuschenstill los wie ein Pfeil, der Magen wird gegen die Wirbelsäule gepresst, die Mundwinkel schieben sich nach oben und nach 3,8 Sekunden erscheint auf dem Tacho die Zahl 100.
Für alle, die sich einen leistungsstarken Sportwagen leisten können und wollen, mag das nichts Aussergewöhnliches sein. Aber mit dem BYD ist ein Auto mit dieser Performance auch für Durchschnittsverdiener bezahlbar. Das vollausgestattete Topmodell mit Allradantrieb hat einen Listenpreis von knapp 55 000 Franken, das von der «Volksstimme» gefahrene Fahrzeug der Garage Keigel ist mit rund 45 700 Franken angeschrieben.
Die Stufenhecklimousine aus China, die sich optisch stark an das «Model 3» von Tesla anlehnt, mit dem sie in direkter Konkurrenz steht, ist weit mehr als viel Leistung für «wenig» Geld. Serienmässig ist der Seal mit allem ausgestattet, was heute von einem Auto der oberen Mittelklasse erwartet wird: alle erdenklichen Fahr- und Sicherheitsassistenten, ein Infotainmentsystem, das Apple CarPlay und Android Auto unterstützt, Kameras, die jeden Winkel erfassen, Head-up-Display, Glasdach oder schlüsselloses Zugangs- und Startsystem (Keyless Entry). Die vorderen Sitze lassen sich nicht nur elektrisch verstellen, sondern auch beheizen und – das ist in Sommern wie dem vergangenen Gold wert – belüften.
Komfortabler Cruiser
Wir starten zu einer längeren Ausfahrt mit Abschnitten innerorts, ausserorts, auf der Autobahn sowie auf einer kurvenreichen Strecke in hügeligem Gelände, stets im Bewusstsein, dass der Seal wie von der Tarantel gestochen losstürmt, wenn der rechte Fuss zuckt. Umso behutsamer bedienen wir das Gaspedal des Ein-Gang-Automaten. So gefahren, benimmt sich der auf Komfort ausgelegte Cruiser sehr sittsam. Das Fahrwerk bügelt Unebenheiten auf der Strasse geschmeidig aus, niemals – auch nicht im Modus «Sport» – kommt im «Von- A-nach-B-Fahrbetrieb» das Gefühl auf, man sässe in einem Supersportler.
Doch das Wissen darum gibt einem das Gefühl, auf Nadeln zu sitzen. Der Kitzel, den Seal von den Zügeln zu lassen, ist permanent vorhanden, obwohl seine Pferdestärken im Alltagsverkehr kaum je genutzt werden dürfen. Hinzu kommt: Lässt sich das Fahrzeug ohne adäquates Training beherrschen? Die Antwort lautet Ja. Für eine stabile Strassenlage ist neben einem ausgeklügelten Leistungsmanagement, das jedes Antriebsrad einzeln ansteuert, vor allem der tiefe Schwerpunkt des Autos verantwortlich. Dieser ergibt sich durch die Integration der Batterien in die Karosseriestruktur. Damit wird im Innenraum wertvoller Platz gespart, was sich insbesondere im Fond zeigt. Selbst gross gewachsene Personen haben reichlich Kopf- und Beinfreiheit.
Auch das Kofferraumvolumen von 400 Litern ist grosszügig bemessen. Bedingt durch die Bauart der Stufenheck-Limousine ist die Ladeöffnung aber relativ klein, und sperrige Gegenstände lassen sich kaum unterbringen. Hingegen schluckt der Kofferraum dank der herunterklappbaren Rücklehnen im Fond auch lange Gegenstände wie Skis. In Ergänzung zum Kofferraum im Heck befindet sich unter der Motorhaube ein weiteres Gepäckfach mit einem Volumen von 53 Litern.
Was bietet der BYD noch? Einen 15,6 Zoll grossen, mittig liegenden Touchscreen, top Sound oder eine Fläche für kabelloses Aufladen zweier Handys. Die Wartezeit beim Laden der Batterie unterwegs kann man sich auch mit Videospielen am Bildschirm verkürzen – oder aber damit, zu versuchen, sich im Menü-Labyrinth zu orientieren. Selbsterklärend war gestern.
Das verlockende Preis-Leistungs-Verhältnis der BYD-Fahrzeuge weckt den Verdacht, dass es einen Haken geben muss: Ist die Verarbeitung der Chinesen schlecht? Wurden minderwertige Materialien verwendet? Nichts davon. Im Gegenteil: Die Qualität und die Verarbeitung der Materialien im Innenraum sind uns sogar positiv aufgefallen. Sie stehen europäischen Premiummarken in nichts nach. Die Türen fallen satt ins Schloss, die mit Alcantara bezogenen Sitze sind fest und bequem, alles fühlt sich gut und hochwertig an.
Bis 520 Kilometer Reichweite
Als verbesserungswürdig sind uns nur wenige Punkte aufgefallen: Der Dachhimmel zum Abdunkeln des Klarglas-Dachs muss von Hand ein- und ausgebaut und im Kofferraum versorgt werden; üblich ist ein Rollo. Die Heckscheibenheizung hatte mit dem beschlagenen Rückfenster etwas gar lange zu kämpfen und der Keyless-Türöffnungs-Assistent liess sich gelegentlich mehrmals bitten, bis er uns Zutritt zum Auto gewährte.
Nicht überprüft haben wir Reichweite und Ladezeiten. Laut Hersteller fährt der 4WD-Seal mit einer Batterieladung bis zu 520 Kilometer weit und innert 37 Minuten soll die Batterie an einer Schnellladestation von 10 bis 80 Prozent aufgeladen werden können. An einer 11-kW-Ladestation dauert es 8,6 Stunden, bis die Batterie von 0 auf 100 Prozent aufgeladen ist.
Die in den BYDs verbauten Lithium-Eisenphosphat-Batterien (LFP) haben gegenüber Nickel-Mangan-Kobalt (NMC) oder Nickel-Kobalt-Aluminium (NCA) den Vorteil, dass sie jederzeit zwischen- und regelmässig voll aufgeladen werden können, ohne dass dies ihre Lebensdauer wesentlich beeinträchtigt. NMC- und NCA-Batterien hingegen sollten im Alltag möglichst zwischen 20 und 80 Prozent Ladezustand gehalten werden. Dafür bieten NMC- und NCA-Batterien bei gleichem Gewicht eine grössere Reichweite und sind bei tieferen Temperaturen meist leistungsfähiger.
Die 530 PS des BYD Seal sind ein Erlebnis. Effektiv von Nutzen sind die Sprinterqualitäten auf dem Beschleunigungsstreifen der Autobahn oder beim Überholen in Situationen, in denen man mit 400 PS weniger den Finger vom Blinker liesse. Es erfordert Disziplin, sich mit so einem Auto an die Verkehrsregeln zu halten. Oder eine Rennstrecke, um die Leistung auszureizen. Wer weder über das eine noch das andere verfügt, bereit ist, auf den Allradantrieb zu verzichten, und mit einer Null-Hundert-Beschleunigung in 5,9 Sekunden leben kann, ist mit der heckangetriebenen Variante «Design» mit «nur» 313 PS vielleicht etwas besser beraten.
Vom Batteriehersteller zum weltgrössten Elektroautoproduzenten
vs.
Der chinesische Konzern BYD (Build Your Dreams) wurde 1995 in China als Hersteller wiederaufladbarer Batterien gegründet. 2003 stieg das Unternehmen in die Automobilproduktion ein. Seit 2022 konzentriert sich BYD auf vollelektrische Fahrzeuge und Plug-in-Hybride. Eine wichtige Grundlage des Erfolgs ist die weitgehende Eigenentwicklung zentraler Komponenten, insbesondere der Batterien, Elektromotoren und Leistungselektronik. 2025 war BYD mit 4,55 Millionen verkauften Fahrzeugen weltweit Marktführer bei elektrifizierten Personenwagen (reine Elektroautos und Plug-in-Hybride). Zudem überholte BYD im Vorjahr mit 2,25 Millionen Einheiten erstmals Tesla beim Absatz rein batterieelektrischer Autos.
In der Schweiz ist BYD seit Frühling 2025 vertreten. Die Baselbieter Garage Keigel vertritt die Marke seit April in den beiden Basel. Aktuell stehen vier Plug-in-Hybrid-Modelle sowie fünf rein elektrische Modelle vom Kleinwagen bis zum grossen SUV zur Auswahl. Laut dem Markenverantwortlichen Patrick Keigel ist der Verkauf ausserordentlich erfolgreich gestartet. Das Interesse an der Marke sei enorm und die Begeisterung jeweils gross, wenn die Kundinnen und Kunden von einer Probefahrt zurückkehren würden.


