Schaer Pharma: Gut getarnt im Haifischbecken
27.03.2026 ItingenDas Unternehmen vertreibt rund 600 Produkte – jetzt übernimmt der Sohn des Gründers das Ruder
Besser als die Firma dahinter kennt man Markennamen wie Gynofit, Leucen oder «Kräuterpfarrer Künzli»: Bei der Schaer Pharma übergibt Gründer Michel ...
Das Unternehmen vertreibt rund 600 Produkte – jetzt übernimmt der Sohn des Gründers das Ruder
Besser als die Firma dahinter kennt man Markennamen wie Gynofit, Leucen oder «Kräuterpfarrer Künzli»: Bei der Schaer Pharma übergibt Gründer Michel Schaer die Leitung an seinen Sohn Pascal. Im Gespräch erzählen beide, wie die Nachfolge geregelt wurde und wohin die Reise geht.
Peter Sennhauser
Michel Schaer, Ihre Firma hat eine ziemlich abenteuerliche Gründungsgeschichte.
Michel Schaer: Mein Schwiegervater arbeitete im Aussendienst einer Metallbaufirma. Am Tag, als er entlassen wurde, weil sein Chef das Kapital samt Pensionskasse durchgebracht hatte, war ich gerade in Behandlung beim Zahnarzt. Und weil der mir riet, eine weichere Zahnbürste – am besten die Marke Lactona – zu verwenden und man mir in der Drogerie mitteilte, die hätten keinen Schweizer Verteiler mehr, bewarb ich mich in Holland um den Import. Man war interessiert, und mein Schwiegervater und ich gründeten sozusagen unter dem Zwetschgenbaum eine Firma.
Pascal Schaer: … und ihr habt rasch einen Firmennamen gesucht …
Michel Schaer: Richtig. Es gab noch kein Internet, es war Wochenende. Wir schauten also im Telefonbuch nach, welcher Buchstabe am wenigsten benutzt wird. Das war das T. Also nannten wir uns «Tentan» und gründeten eine Einzelfirma.
Aus dem absoluten Nichts?
Michel Schaer: Ja, allerdings gaben wir uns gegenüber den Holländern als alte Füchse aus. Ich war damals Geschäftsführer einer deutschen Drogeriemarke in der Schweiz und kannte den Markt durchaus.
Von wo aus wurde Tentan dann aktiv?
Michel Schaer: Wir sind nach Holland gereist (nickt in Richtung des Sohnes). Du warst gerade frisch auf der Welt – und erhielten tatsächlich den Distributionsvertrag. Mein Schwiegervater bestellte die Zahnbürsten, lagerte sie im Einfamilienhaus in Rothrist und verkaufte sie an Drogerien und Apotheken. Parallel dazu kaufte ich in Basel eine Drogerie im Gundeli, während meine Frau in Liestal eine Augenarztpraxis eröffnete. Und so sind wir auf verschiedenen Geleisen gleichzeitig gefahren.
Wie wurde aus der Tentan die Schaer Pharma?
Michel Schaer: Zuerst wuchs das Drogeriegeschäft in Basel, es entstanden Apotheken, eine Drogerie in der Allschwilerstrasse, eine an der Schifflände – es wurde eine richtige Kette. Mit der Apotheke in der SBB-Passage wuchs der Personalbestand auf 200 Leute, und Aufwand und Risiko wurden zu gross. Deswegen haben wir die Kette verkauft. Mit dem Erlös haben wir in Itingen einen Standort geschaffen und hier die anderen Geschäfte zusammengeführt.
Pascal Schaer, was haben Sie als Kind von all dem mitbekommen?
Pascal Schaer: Es war intensiv, aber auch spannend. Mein jüngerer Bruder und ich waren häufig am Mittwochnachmittag in der Augenarztpraxis der Mutter und machten Hausaufgaben. Dann haben wir bei den Grosseltern im Lager «mitgeholfen». Später verkauften wir Feuerwerk für die Drogerie am Basler Bahnhof – das war mein erster Job. Wenn du in Ramlinsburg aufwächst, einem 500-Seelen-Dorf, sind das richtige Abenteuer.
Und der Stress und die Hektik?
Pascal Schaer: Die erlebten wir hautnah: Der Vater musste immer wieder in der Drogerie im Gundeli nach dem Rechten schauen. Wenn er keinen Parkplatz fand, stellt er den Wagen vors Geschäft und schärfte uns ein: Ich gehe kurz rein – wenn die Polizei kommt, fängt einer von Euch an zu weinen und der andere holt mich.
Die Niederlassung in Itingen war ein Wendepunkt …
Michel Schaer: Und wie. Vorher war alles verstreut. Die Firma in Niederurnen, das Lager in Basel, Büros an verschiedenen Orten …
Pascal Schaer: Mit dem Zusammenzug nach Itingen wurde das Unternehmen auch für uns Kinder fassbar. Plötzlich war eine Zentrale da, die nicht mehr zu übersehen war. Ich war 18, 19. Da hat sich der Wunsch entwickelt, das zu übernehmen. Mir wurde klar, dass nicht jeder so eine Chance bekommt.
Sie wurden nicht direkt als CEO herangebildet?
Pascal Schaer: Nein. Ich habe zuerst eine Lehre als Chemielaborant gemacht, später den Master nachgeholt und in der Fachtechnik gearbeitet. Erst mit der Zeit hat sich der Gedanke entwickelt. Die Entscheidung fiel, als uns mein Vater vor acht Jahren nach Montreux zu einem Familientreffen einlud. Vorher hatte er uns beiden Söhnen einen Fragebogen ausgehändigt: Wo seht ihr euch in ein paar Jahren, was wollt ihr machen, will jemand die Schaer Pharma übernehmen?
Michel Schaer: Wir haben uns an diesem Wochenende als Familie ausgiebig mit der Zukunft auseinandergesetzt. Alle mussten sich klar werden und den andern sagen, was sie machen wollten – und unter welchen Bedingungen.
Und das ging glatt?
Pascal Schaer (schmunzelt): Um es nicht auf einen Showdown ankommen zu lassen, habe ich meinen Bruder vorher eingeladen. Wir haben uns an einem Grillabend ausgesprochen. Und weil er kein Interesse hatte und lieber als Projektchemiker weiterarbeitet, hat sich alles perfekt ergeben.
Wie haben sie das eingefädelt?
Michel Schaer: Wir holten Hilfe bei der LGT, der Liechtensteinischen Bank. Die hatten einen Berater – Jurist und Psychologe –, der beide Söhne einzeln interviewte. Uns Eltern hat er nicht befragt … Wichtig war, was die Söhne wollten. Dann kamen wir wie gesagt zusammen, und das Ergebnis der Besprechung haben wir in einer Familiencharta, einer Verfassung, festgehalten.
Hier drin steht, wer mitreden darf, und wie Konflikte gelöst werden?
Pascal Schaer: Wir haben einen Familienrat, eine Geschäftsleitung und einen Verwaltungsrat. Zuoberst steht der Familienrat, in dem alle Mitglieder ab dem 20. Lebensjahr informiert werden. Mitspracherecht haben nur die Kernmitglieder; meine Frau darf nicht in der Firma arbeiten, und ich darf die Firma nicht verkaufen. Mein Bruder Thierry hat es in Montreux auf den Punkt gebracht. Nur weil er persönlich nicht in der Firma involviert sein wolle, müsse nicht heissen, dass seine Kinder nicht die gleichen Chancen und Möglichkeiten bekämen wie meine. Das konnte ich gut nachvollziehen.
Sie haben eine Konfliktlösung beschrieben, bevor es Konflikte gibt.
Michel Schaer: Es gibt in der Umgebung mehr als eine Unternehmerfamilie, bei welcher ein Nachfolgestreit der Firma geschadet hat. Dem wollten wir vorbeugen. Wenn die anderen eine solche Charta gehabt hätten (tippt auf die Familienverfassung), dann hätten alle jederzeit gewusst, woran sie sind. Ich war inspiriert von der Charta der Liechtensteiner Fürstenfamilie: Einer erbt alles, das Familienvermögen bleibt unteilbar. Ähnlich haben wir es festgehalten, aber liebevoller beschrieben.
Sprechen wir über das Geschäft. Es sind über 600 Produkte, gegen zwei Dutzend Marken. Wo wird das alles produziert?
Michel Schaer: Wir hatten von Anfang an den Grundsatz, dass wir nicht selber produzieren. Wir wollen das herstellen, was der Konsument will, nicht das, wofür wir die Maschinen haben. Wir entwickeln Produkte und suchen dann einen Lohnhersteller.
Dabei fällt auf, dass man viele Ihrer Marken kennt – aber kaum jemand weiss, wer «Schaer Pharma» oder «Tentan» ist.
Michel Schaer: Die Gründung erfolgte in den Jahren nach dem Schweizerhalle-Brand. Dort ist nicht einfach eine Fabrikhalle, sondern ein Markenname in Flammen aufgegangen. Für mich war danach klar: Es ist kein Nachteil, wenn die Marken für sich stehen und die Firma dahinter nicht weiter bekannt ist.
Neben etlichen übernommenen Marken vertreiben Sie eigene Produkte.
Was heisst «Produktentwicklung» bei einer Firma wie Ihrer?
Michel Schaer: Anders als die grossen Pharmakonzerne betreiben wir keine Grundlagenforschung, das ist viel zu teuer. Wir arbeiten mit bekannten Wirkstoffen. Ein Beispiel: Im Hustenbereich wurde bis vor kurzem Kodein gegen starken Reizhusten angewendet. Die Swissmedic hat das umgestuft, weil das Suchtpotenzial zu gross war. Wir hatten uns rechtzeitig schlau gemacht und einen anderen Wirkstoff gefunden, der weniger abhängig macht und fast dieselbe Wirkung hat. Mit dem Produkt mussten wir aber durch den kompletten Registrierungsprozess – der nimmt fünf Jahre in Anspruch.
Pascal Schaer: Es gibt einen dritten Weg. Einer der ganze grossen hat beispielsweise vor einigen Jahren beschlossen, seine essigsaure Tonerde, die es in jedem Haushalt gibt, nicht mehr weiter zu produzieren. Man hatte zu wenig Marge darauf – uns die Marke verkaufen wollte man aber auch nicht. Wir haben das Produkt innerhalb von zweieinhalb Monaten «nachgebaut». Bevor die ersten Lücken entstanden, konnten wir ausliefern.
Pascal Schaer, Sie haben gesagt, Schaer Pharma sei einer der letzten «kleinen Fische» im Haifisch-Becken.
Pascal Schaer: Als ich vor sieben Jahren anfing, gab es noch viele Pharma-KMU, die vor 40 Jahren oder früher gegründet worden waren. Die sind fast alle geschluckt worden.
Von Euch …?
Pascal Schaer: Von den grossen Generika-Herstellern. Die haben eine ganze Reihe bekannter Unternehmen geschluckt.
Michel Schaer: Häufig ist es ein Nachfolgeproblem bei diesen Firmen.
Sie geben keine Zahlen bekannt – wie klein ist denn der Fisch «Schaer Pharma»?
Michel Schaer (lächelt): Rund 80 Prozent des Umsatzes machen wir mit eigenen Präparaten, 20 Prozent mit Distributionsverträgen. Und was die absoluten Zahlen angeht: Es ist damit ähnlich wie mit den Marken …
Pascal Schaer: Wichtig sind die eigenen Produkte, die durch Regulierung einen gewissen Schutz und eine Sicherheit bieten.
Sie haben erste Berühmtheit mit Intimpflegeprodukten für Frauen erlangt. Ein Imageproblem?
Pascal Schaer: Im Gegenteil. Gynofit bringt zwar bis heute quer durch alle Bildungsschichten auch unsere Fachkollegen noch zum Kichern. Aber es ist ein wichtiges Standbein – wir exportieren es in gegen 30 Länder.
Jetzt haben wir Zölle und Währungsprobleme. Was heisst das für Sie?
Michel Schaer: Das Hauptproblem sind die Währungen. Wir haben Verträge in Dollar abgeschlossen, seither ist der Dollar 25 Prozent weniger wert. In England arbeitet unsere Tochterfirma mit dem Pfund, das sich seit dem Brexit stark abgewertet hat. Der Schweizer Franken ist einfach viel zu stark. Die Strafzölle merken wir weniger, weil wir in Amerika erst im Aufbau sind.
Pascal Schaer, was ändern Sie als neuer CEO?
Pascal Schaer: Ich habe keine grosse Änderungen geplant. Unser Ziel als Firma ist Beständigkeit, Langlebigkeit, Vertrauen. Ich leide nicht unter der Managerkrankheit, dass ich alles umkrempeln muss. Ein paar strukturelle Dinge werde ich angehen. Aber die Ausrichtung der Produkte, die Personalstruktur – das haben mein Vater und ich in den letzten Jahren gemeinsam in vielen Diskussionen festgelegt, meistens hier auf dem Balkon bei einem Glas Wein.
Und wie geht es für Sie weiter, Michel Schaer?
Michel Schaer: Ich arbeite weiter zwei Tage pro Woche, mit Schwerpunkt Entwicklung und Regulation, und bleibe Verwaltungsratspräsident. Den Personalkram habe ich Pascal abgegeben. Und ich geniesse es, das Grosskind zu hüten.
Pascal Schaer: Anders gesagt: Er ist in die unbezahlte Arbeit abgerutscht …
Immerhin leben Sie nahe beieinander: Sie, Michel, nach Unterbrüchen wieder in Ramlinsburg. Und Sie, Pascal, haben ein Haus in Itingen gekauft?
Pascal Schaer: Das ist sehr praktisch! Nach der Familiengründung hatte ich meinem Vater vorgeschlagen, dass ich einen «Papitag» nehme – was er sofort ausgeschlossen hat. Und nachdem meine Frau gerade die Nase gestrichen voll hatte von der Stadt, fanden wir: Vier Minuten Arbeitsweg, guter Verkehrsanschluss, kleine Gemeinde – Itingen ist ein toller Wohnort. Ich bin auch Mitglied im Turnverein – und bin dort sofort zum Sponsor erklärt worden …
Michel Schaer (lacht): Als Firma sind wir gut in der Gemeinde eingegliedert, der Kontakt war mir immer wichtig. Wir werden auch das Dorffest mittragen.
Heilmittel aus Itingen
sep. Die Ursprungsfirma Tentan AG wurde 1989 von Michel Schaer gegründet. Sie ist seit bald 20 Jahren in Itingen ansässig. Als «Schaer Pharma» entwickelt und vertreibt das Familienunternehmen Arzneimittel, Medizinprodukte, Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetik.
Zu den bekanntesten Marken gehören Gynofit, Leucen Zugsalbe, «Kräuterpfarrer Künzli», Pinus Pygenol, Eduard Vogt und Forte Vital. Produziert wird nicht am Standort, sondern bei Schweizer Lohnherstellern nach GMP-Standard.
Die rund 40 Mitarbeitenden am Hauptsitz in Itingen sind fast ausnahmslos Fachleute aus der Branche. Darunter viele, die seit 20 und mehr Jahren im Unternehmen dabei sind, wie Vater Michel und Sohn Pascal Schaer betonen. Fachkräftemangel kenne das Unternehmen nicht: Man stelle Menschen ein, nicht Profile, und habe jüngst einen 62-Jährigen und einen 55-Jährigen begrüsst, die sich beide bewährten. Der wichtigste Absatzmarkt ist die Schweiz, die Produkte sind in Apotheken, Drogerien und im Detailhandel erhältlich.
Im Export ist Schaer Pharma in über 40 Ländern vertreten und unterhält Tochtergesellschaften in Deutschland und England sowie ein Joint Venture in China. Inhaberin und Herausgeberin ist die Familie Schaer. Michel Schaer bleibt als Verwaltungsratspräsident im Unternehmen, die operative Leitung liegt seit kurzem bei seinem Sohn Pascal Schaer.

