Rückzonungen als Damoklesschwert
30.10.2026 TittertenGemeindepräsidentin Verena Heid zum Entwicklungspotenzial ihres Dorfes
In Titterten ist eine grössere Wohnüberbauung geplant (siehe «Volksstimme» von gestern). Nun spricht Gemeindepräsidentin Verena Heid über die getrübten ...
Gemeindepräsidentin Verena Heid zum Entwicklungspotenzial ihres Dorfes
In Titterten ist eine grössere Wohnüberbauung geplant (siehe «Volksstimme» von gestern). Nun spricht Gemeindepräsidentin Verena Heid über die getrübten Entwicklungsmöglichkeiten des Dorfs wegen drohender Auszonungen von Bauland.
Elmar Gächter
Frau Heid, wie steht der Gemeinderat zum geplanten grossen Neubauprojekt am Schulweg?
Verena Heid: Solange alle Vorgaben eingehalten werden, steht der Gemeinderat dem Projekt positiv gegenüber. Wir betrachten es als Chance, dass sich unser Dorf weiterentwickelt.
Man erwartet gegen 100 zusätzliche Bewohnerinnen und Bewohner.
Wie verkraftet ein kleines Dorf mit rund 430 Menschen einen so grossen Zuwachs?
Im ersten Moment erschrickt man sicher, wenn man die Grösse des Projekts an den Bauprofilen sieht. Entsprechende Befürchtungen wurden am Informationsanlass vom vergangenen Montagabend von Einwohnerinnen und Einwohnern auch geäussert. Diese muss man sicher ernst nehmen und angehen. Grundsätzlich erlebe ich unsere Bevölkerung als offen für Neues. Zudem werden Neuzuzügerinnen und Neuzuzüger recht schnell integriert, sofern sie es wollen.
Der Kanton verlangt, dass Titterten seine Bauzone verkleinert.
Bedeutet dieses Grossprojekt eine Entspannung?
Über unserer Gemeinde schwebt das Damoklesschwert der Rückzonung von Bauland. Gemäss dem eidgenössischen Raumplanungsgesetz müssen Bauzonen verkleinert werden, wenn ihre Auslastung unter 90 Prozent liegt. Da die Auslastung in Titterten lediglich rund 75 Prozent beträgt, hat uns der Kanton im September aufgefordert, unsere kommunale Planungszone bis im Mai kommenden Jahres entsprechend anzupassen. Damit soll verhindert werden, dass auf potenziellen Rückzonungsflächen in der Zwischenzeit unerwünschte Bauvorhaben realisiert werden. Zu Ihrer Frage: Selbst mit der neuen Überbauung auf einer Fläche von 5700 Quadratmetern sind wir noch lange nicht bei den vom Kanton geforderten 90 Prozent.
Wie realistisch ist es, die Vorgabe einzuhalten, insbesondere angesichts der kurzen Frist?
Die Forderung ist nicht neu. Wir wissen seit vielen Jahren, dass unsere Gemeinde vor mehr als einem halben Jahrhundert zu grosszügig eingezont hat. Seither wurden im Rahmen verschiedener Ortsplanrevisionen bereits Rückzonungen vorgenommen, vor allem an den Dorfrändern. Die heutigen Baulandreserven befinden sich jedoch im Dorf selber. Zudem dürfte die Frist bis zum kommenden Frühling zu kurz sein, da eine Ortsplanrevision von der Gemeindeversammlung beschlossen werden muss.
Welche Möglichkeiten hat die Gemeinde?
Das Ziel der Rückzonungen besteht vor allem darin, haushälterischer mit dem Boden umzugehen. Diesem Anliegen könnten wir in Titterten auch durch verdichtetes Bauen näherkommen. In unserer Kernzone wäre dies durchaus denkbar. Allerdings wird diese bei der Berechnung der Baulandreserven nicht berücksichtigt. Falls Rückzonungen notwendig werden, müssten zusammenhängende Flächen gefunden werden, die sich problemlos landwirtschaftlich nutzen lassen. Wir haben sämtliche potenziell betroffenen Landeigentümerinnen und Landeigentümer zu ihren Bauabsichten befragt und dem Kanton einen umfangreichen Bericht eingereicht. Bis zur erneuten Aufforderung des Kantons im September hatten wir jedoch nichts mehr von ihm gehört.
Wie stehen Angebot und Nachfrage nach Bauland in Titterten?
Es gibt immer wieder Anfragen, vor allem von auswärtigen Interessenten.
Allerdings fehlt es an verfügbarem Bauland, weil Grundstückeigentümer ihr Land nicht verkaufen wollen. Der Gemeinderat würde es begrüssen, wenn die Bevölkerung moderat wachsen könnte.
Sind weitere grössere Bauvorhaben geplant?
Für die Gemeinde stehen in absehbarer Zeit der Ausbau des Kilchmattwegs und der Bielgasse an. Unsere öffentlichen Gebäude, darunter die Gemeindeverwaltung und die Mehrzweckhalle, sind weitgehend in gutem Zustand. Dies gilt auch für unser Wasserleitungsnetz, das kaum Leitungsbrüche aufweist. Die Leitung zur Goldbrunnenquelle, unsere wichtigste Wasserlieferantin, ist allerdings etwas in die Jahre gekommen und muss in den nächsten Jahren erneuert werden.
Sind grössere Sparübungen nötig?
Unsere finanzielle Lage erlaubt keine grossen Sprünge. Für das kommende Jahr rechnen wir mit einem leichten Defizit. Grössere Abstriche mussten wir nicht machen, weil der Gemeinderat seit Längerem darauf achtet, nur Ausgaben zu tätigen, die wir uns auch leisten können. Die Steuererträge bewegen sich im erwarteten Rahmen. Eine Erhöhung des aktuellen Steuerfusses von 65 Prozent ist in nächster Zeit nicht vorgesehen.
Wie beurteilen Sie die politische Stimmung im Dorf?
Sie sprechen die Turbulenzen an, die 2019 zu zahlreichen Rücktritten in der Geschäftsprüfungskommission und im Gemeinderat geführt haben. Diese Spannungen haben sich längst gelegt. Die Zusammenarbeit in der Exekutive funktioniert sehr gut. Zudem freuen wir uns immer wieder über den guten Besuch der Gemeindeversammlungen. Dort werden fundierte Fragen gestellt, und viele Einwohnerinnen und Einwohner interessieren sich für die Belange der Gemeinde. Besonders freut mich, dass sich auch junge Leute in den Kommissionen engagieren.
Ist eine Fusion mit einer anderen Gemeinde, beispielsweise mit der Nachbargemeinde Arboldswil, ein Thema?
Nein, Fusionsgelüste hegen wir nicht. Umso mehr freut es uns, dass wir mit Arboldswil seit vielen Jahren eine gute und enge Zusammenarbeit pflegen. Dies zeigt sich unter anderem bei unserer Kreisschule: Die Kinder beider Dörfer besuchen den Kindergarten und die ersten drei Primarschulklassen in Titterten, die drei höheren Klassen werden in Arboldswil unterrichtet. Auch die gemeinsame Feuerwehr sowie der gemeinsame Werkhof funktionieren gut. Ebenso gut aufgestellt ist unsere Gemeindeverwaltung.
Wo sehen Sie Titterten in zehn oder fünfzehn Jahren?
Ich gehe davon aus, dass Titterten auch dann noch selbstständig sein wird. Allerdings könnte es bei der Verwaltung zu Änderungen kommen. Ob im Bereich Informatik, bei juristischen Fragen oder im Bauwesen – die Anforderungen werden laufend komplexer. Gleichzeitig wird es zunehmend schwieriger, geeignetes Verwaltungspersonal zu finden. Mittelfristig könnte es deshalb sinnvoll sein, die Verwaltung über die Grenzen hinaus zu denken. Warum nicht gemeinsame Gemeindeverwaltungen im hinteren Frenkental oder im Bezirk Waldenburg?
Zur Person
emg. Die 57-jährige Verena Heid ist ausgebildete Mechanikerin und ist heute in der Arbeitsvorbereitung tätig. Bereits von 2007 bis 2012 sowie von 2015 bis 2018 gehörte sie dem Gemeinderat Titterten an. Im Februar 2020 wurde sie zum dritten Mal in die Exekutive gewählt und wenige Monate später zur Gemeindepräsidentin bestimmt. Verena Heid ist parteilos.

