Piraten, Palmen und ein Hinterteil
04.08.2026 SissachGeschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 6
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell nimmt uns in seiner Serie mit auf eine Reise durch den Indischen Ozean. Im sechsten und zweitletzten Teil macht er Halt auf Praslin, der zweitgrössten Insel der Seychellen und Heimat einer der seltsamsten ...
Geschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 6
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell nimmt uns in seiner Serie mit auf eine Reise durch den Indischen Ozean. Im sechsten und zweitletzten Teil macht er Halt auf Praslin, der zweitgrössten Insel der Seychellen und Heimat einer der seltsamsten Nüsse der Welt.
Hanspeter Gsell
Praslin ist nach Mahé die zweitgrösste Insel der Seychellen – 12 Kilometer lang, 5 Kilometer breit und 37 Quadratkilometer gross. Politisch besteht die Insel aus den Bezirken Grand Anse und Baie Sainte Anne, die auf beiden Seiten der Bergkette liegen, welche die Insel durchzieht. Ein kleiner Flughafen verbindet Praslin mehrmals täglich mit dem internationalen Flughafen auf Mahé – mit zweimotorigen Propellermaschinen. Praslin ist die Heimat der Seychellenpalme, der Coco de Mer, und verfügt mit der Anse Lazio über einen der schönsten Sandstrände der Welt.
Im Inselinneren liegt das Naturschutzgebiet Vallée de Mai, das 1983 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Das dicht bewachsene Tal ist ein Überbleibsel eines prähistorischen Waldes. Durch die jahrhundertelange Isolation der Seychellen konnten sich einzigartige Pflanzen und Tiere entwickeln; nirgendwo auf den Seychellen ist das so deutlich spürbar wie hier. Das Tal beheimatet neben der Coco de Mer auch einige der seltensten Vogelarten des Archipels, darunter den endemischen Seychellen-Schwarzpapagei.
Bis ins frühe 20. Jahrhundert blieb das Tal weitgehend unberührt. Dann entschied ein neuer Landbesitzer, es als Erholungsgebiet und botanischen Garten umzugestalten. Zierpflanzen sowie Kaffee- und Fruchtbäume wurden eingeführt. Im Jahr 1945 ging das Tal in Regierungsbesitz über. Seither verfolgt die Regierung das Ziel, ortsfremde Pflanzen zu entfernen und das Tal möglichst in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Heute präsentiert es sich wieder weitgehend in seiner ursprünglichen Form.
Das Vallée de Mai ist – neben der Insel Curieuse – die einzige natürliche Heimat der Coco de Mer. Nur dort wächst diese Palmenart wild. Ihre Nuss erinnert an ein «Füdli». Die Coco de Mer ist der grösste und schwerste Samen der Welt und kann bis zu 25 Kilogramm wiegen. Im abgelegenen Tal findet sich die grösste Konzentration dieser Palmen weltweit. Noch eine Besonderheit hat Praslin zu bieten: Laut den Tourismusverantwortlichen gehört die Insel zu den wenigen Orten, an denen Meeresschildkröten gelegentlich auch tagsüber an Land kommen, um ihre Eier abzulegen.
Rückzugsort für Piraten
Praslin war im 18. Jahrhundert ein bevorzugter Rückzugsort für Piraten, bevor die Insel unter französische Herrschaft kam. Auch der berühmt-berüchtigte Olivier Levasseur, bekannt als La Buse, soll auf den Seychellen Schätze vergraben haben. Bis heute wurde keiner davon gefunden. Der Einfluss der frühen französischen Siedler ist noch heute in den Ortsnamen, dem kreolischen Dialekt und der Kultur spürbar.
Als Vasco da Gama im Jahr 1502 die Inselgruppe im Indischen Ozean sichtete, waren die Seychellen noch unbewohnt. 1609 setzte eine Expedition der britischen East India Company als erste dokumentierte europäische Landung Fuss auf das Archipel, ohne jedoch Besitzansprüche zu erheben. Es dauerte weitere 133 Jahre, bis Bertrand François Mahé de La Bourdonnais Expeditionen auf die Seychellen veranlasste und Lazare Picault damit beauftragte. Als dieser auf der heutigen Insel Mahé landete, war er von ihrer Üppigkeit so beeindruckt, dass er sie «Île de l’Abondance», Insel des Überflusses, nannte. Als er zwei Jahre später zurückkehrte, benannte er sie zu Ehren seines Gönners in «Mahé» um. Später erhielt die Inselgruppe ihren Namen nach Jean Moreau de Séchelles, Finanzminister unter Ludwig XV. Aus «Isles de Séchelles» entwickelte sich schliesslich die heutige Bezeichnung «Seychellen».
Erst 1770 begann die dauerhafte Besiedlung von Mahé. Ende des 18. Jahrhunderts zogen weitere europäische Siedler auf das Archipel und bauten Zimt, Vanille und Baumwolle an. Französisch bildet bis heute die Grundlage der kreolischen Sprache. Stark vertreten ist auch der durch die Sklaven verschleppte afrikanische Einfluss, insbesondere in Musik und traditionellen Tänzen. Der ethnische Mix verschiedenster Kulturen, der durch die geringe Einwohnerzahl in den ersten Jahrhunderten entstand, prägt bis heute das kulturelle und genetische Erbe der Seychellois.
Nach den Napoleonischen Kriegen wurden die Seychellen 1814 Teil des Britischen Empires und später zeitweise auch als Verbannungsort politischer Gefangener genutzt. Der erfolgreiche Anbau von Kokospalmen zur Kopragewinnung beruhte zunächst hauptsächlich auf Sklavenarbeit. Als der Sklavenhandel im Jahr 1807 verboten wurde, lebten rund 2100 Menschen auf den Seychellen, darunter etwa 1800 Sklaven. 1835 wurde die Sklaverei in den britischen Kolonien endgültig abgeschafft. Die Besiedlung brachte jedoch auch Probleme für das Ökosystem mit sich: Tierarten verschwanden, und ein Teil der ursprünglichen Vegetation musste der Holzgewinnung und Landwirtschaft weichen.
Die wichtigste Einnahmequelle der Seychellen ist heute der Tourismus. Luxushotels und Ferienhäuser mit allen erdenklichen Ausstattungen zeugen davon. Die Seychellen sind allerdings ein teures Pflaster: Ein kleines Bier oder eine Limonade können 10 Dollar und mehr kosten. Mit einer konsequenten Hochpreispolitik ist es den Seychellen gelungen, ihre Ursprünglichkeit weitgehend zu bewahren und das Wort «Overtourism» kaum zu kennen.
Geschichten aus dem Indischen Ozean
vs. Hanspeter Gsell (Sissach), Autor und «Volksstimme»- Kolumnist, ist wieder unterwegs – dieses Mal auf dem Schiff: Auf einer Fahrt durch den Indischen Ozean konnte er eine ganze Menge neuer Inseln sammeln. Die siebenteilige Serie in der «Volksstimme» beinhaltet Reportagen und Geschichten aus Mombasa, Sansibar, Madagaskar, Praslin und La Digue. In lockerer Reihenfolge veröffentlichen wir seine Erzählungen. Unser Tipp: Lesen Sie auch zwischen den Zeilen. Eine Sommerserie, nicht nur für Daheimgebliebene!




