«Nur ein Spieler?»
15.10.2026 Sport«Was machst du eigentlich den ganzen Tag, wenn du nur einen Spieler betreust?» Eine Frage, die ich regelmässig höre. Schliesslich sieht man mich nur auf dem Tennisplatz mit Henry Bernet, wo wir mehrere Stunden trainieren. Doch was passiert davor, danach und an Tagen ohne ...
«Was machst du eigentlich den ganzen Tag, wenn du nur einen Spieler betreust?» Eine Frage, die ich regelmässig höre. Schliesslich sieht man mich nur auf dem Tennisplatz mit Henry Bernet, wo wir mehrere Stunden trainieren. Doch was passiert davor, danach und an Tagen ohne Training? Wie kann ein einzelner Spieler ein 100-Prozent-Job sein?
Beginnen wir mit der Organisation. Ein Tennisprojekt auf diesem Niveau besteht aus weit mehr als Training und Matches. Es braucht einen Turnierkalender, Trainingsblöcke, Reisen und viel Planung. Dazu kommen die Kommunikation und Koordination mit dem Fitnesscoach, dem Management, teilweise dem Physiotherapeuten, den Eltern und weiteren Beteiligten. Auch Trainingspartner müssen organisiert werden, damit sich Henry optimal auf die kommenden Aufgaben vorbereiten kann.
Am «Matchday» werden Gegner analysiert, taktische Überlegungen angestellt und wird eine Grundidee für das Spiel besprochen. Während des Matches geht es darum, die richtigen Impulse zu geben und die Situation zu lesen, auch wenn die Möglichkeiten, einzugreifen, begrenzt sind. Danach die Nachbereitung: Was hat funktioniert? Wo liegen die Baustellen? Was nehmen wir mit?
Der grösste Teil der Arbeit findet neben dem Platz statt. Die Trainings sind nur die Spitze des Eisbergs. Dazu kommen die ständigen Reisen und ein Alltag, der sich nicht nach klassischen Arbeitszeiten richtet. Wochenenden, Feiertage und geregelte Feierabende spielen eine untergeordnete Rolle. Der Turnierkalender gibt den Rhythmus vor, das Privatleben muss sich richten.
Coaching bedeutet nicht, dem Spieler jeden Schritt vorzugeben. Ich sehe Henry als Kapitän seines eigenen Projekts. Er soll seinen Weg mitgestalten und Verantwortung übernehmen. Meine Aufgabe ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, ihn zu begleiten und ihm den nötigen Raum für seine Entwicklung zu geben.
Das ist im Leistungssport anspruchsvoll. Alle Beteiligten sind ehrgeizig, die Erwartungen hoch und die Linie zwischen Erfolg und Misserfolg sehr dünn. Gleichzeitig muss man langfristig denken. Nicht jedes Resultat bestätigt den eingeschlagenen Weg. Trotzdem braucht es jeden Tag Entscheidungen, die für das grosse Ganze einzahlen.
Am Ende stehe ich vier bis fünf Stunden auf dem Tennisplatz. Was nicht gesehen wird, sind die vielen Stunden davor und danach, die Reisen und die ständige Auseinandersetzung mit dem Projekt. Denn bei der Betreuung eines einzelnen Spielers geht es um weit mehr als Vorhand und Aufschlag. Es geht darum, die Voraussetzungen für seine Entwicklung zu schaffen, Tag für Tag und über den Tennisplatz hinaus.
Yannik Steinegger
Der Bubendörfer Yannik Steinegger (2000) gehörte zu den besten Schweizer Tennisspielern, ehe er sich schon mit 23 Jahren entschied, Profi-Trainer zu werden. Er betreut die Schweizer Tennis-Hoffnung Henry Bernet.

