«Normalerweise steht die Frau im Hintergrund»
06.01.2026 GelterkindenChristine Mangold über die Perspektiven mit 70plus
Gemeindepräsidentin von Gelterkinden und Landrätin ist Christine Mangold schon längere Zeit nicht mehr. Ruhig geworden ist es um die Netzwerkerin und Berufs-Gelterkinderin längst nicht. Auch ausserhalb der ...
Christine Mangold über die Perspektiven mit 70plus
Gemeindepräsidentin von Gelterkinden und Landrätin ist Christine Mangold schon längere Zeit nicht mehr. Ruhig geworden ist es um die Netzwerkerin und Berufs-Gelterkinderin längst nicht. Auch ausserhalb der Gemeindegrenzen ist sie aktiv.
Anna Wegelin
Frau Mangold, wir reden an einem Mittwoch miteinander, gestern war Ihr «Hütetag» mit den Enkelkindern. Wie wars?
Christine Mangold: Sehr schön. Morgens habe ich jetzt frei, weil alle in der Schule sind und teilweise schon in der Lehre. Wir waren zu acht und zum Zmittag gabs Nudelauflauf mit Apfelmus.
Selbst gemachtes Apfelmus?
Ein Teil mag es aus der Büchse und ein Teil mag es selbst gemacht. Ich mache immer beides.
Mit 54 Jahren wurden Sie zum ersten Mal Grossmutter. Ihr ältester Enkel macht die Lehre zum Zimmermann in Gelterkinden. Was wünschen Sie ihm für 2026?
Dass er weiterhin so viel Freude an seiner Ausbildung hat – und ein unfallfreies Jahr vor sich. Eventuell ist er sogar dabei, wenn sie im Januar das Dach unseres Elternhauses sanieren.
Ihr Elternhaus am Dorfplatz in Gelterkinden, in dessen Erdgeschoss der Coiffeurladen Ihres Vaters war, wird gerade saniert. Im Sommer ziehen Sie mit Ihrem Mann und Ihrer Schwester dort ein. Wie ist das für Sie?
Es ist, als ob sich der Kreis schliesst; ich gehe dorthin zurück, wo ich aufwuchs. Meine Mutter wohnte bis kurz vor ihrem Tod vor drei Jahren dort. Ich schaute jeden Tag bei ihr vorbei, ging immer über den Dorfplatz zur Gemeindeverwaltung, wo ich arbeitete. Es gab grosse Feste auf dem Dorfplatz, er hat immer zu meinem Leben gehört. Und jetzt kehre ich dorthin zurück, wo ich einmal startete. Darauf freue ich mich sehr.
Im November sind Sie 70 Jahre alt geworden. Wie haben Sie den runden Geburtstag gefeiert?
Ich hatte das Riesenglück, mit der ganzen Familie feiern zu können – einfach meine Eltern und mein Bruder waren nicht mehr da. Und mein grosser Freundeskreis war auch dabei. Es gab verschiedene Darbietungen mit meinen Enkeln – turnen, singen, musizieren. Meine ehemaligen Kollegen vom Gemeinderat machten etwas unter dem Motto «Weisch no, Christi». Ich war sehr berührt von allem, was vorgetragen wurde.
Welche «Weisch no»-Themen brachten sie?
Das Bildungswesen war ja der rote Faden in meinem politischen Wirken. Wenn im Gemeinderat heftige Diskussionen anstanden, hatte ich jeweils einen Rollkragenpullover an, damit man nicht sieht, wie meine Adern pulsierten. (Lacht.) Es war schon immer so bei mir: Wenn mich etwas überzeugt, kämpfe ich dafür und gebe nicht so schnell auf. Ist dann der Mehrheitsbeschluss gefasst, kann ich den Entscheid mittragen. Das ist mein Markenzeichen.
Woher kommt Ihr Interesse für die Schule?
Angefangen hat alles in der Kindergartenkommission der Gemeinde Gelterkinden, die es damals noch gab. Wir bewirkten, dass es am Morgen eine halbstündige Einlaufzeit für die Kinder gibt. Das kam auch den Müttern zugute.
Sie sind ein Familienmensch.
Wird Familie wichtiger, wenn wir älter werden?
(Denkt nach.) Mir war Familie immer sehr wichtig. Ich war ja das älteste von drei Geschwistern und unsere Mutter legte mir immer nahe, dass ich zur Familie schauen soll. Das ist fest in mir drin. Natürlich hatte ich manchmal weniger Zeit, weil ganz viel anderes in meinem Leben lief. Aber Zeit für meine Familie hatte ich immer; das muss man über die Jahre aufbauen und passiert nicht einfach, nur, weil man pensioniert ist und plötzlich mehr Zeit hat.
Es ist fünfeinhalb Jahre her seit Ihrem Rücktritt als Gemeindepräsidentin von Gelterkinden, nach einem Vierteljahrhundert Kommunalpolitik im Oberbaselbiet und mehr als zehn Jahren für die FDP im Landrat. Wie blicken Sie heute auf Ihre politische Karriere zurück?
Mit grosser Dankbarkeit, weil ich immer überzeugt war, ich bin dort am richtigen Ort. Ich war mir in all den Jahren stets bewusst, dass ich dem Vertrauen der Leute gerecht werden muss. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt und viele Informationen aus erster Hand erhalten. Ich hatte den Eindruck, dass mir die Leute wohlgesinnt waren, wurde nie unter der Gürtellinie angegriffen und musste nie Angst haben.
Was machten Sie lieber, Kommunalk oder kantonale Politik?
Beides. Ich bin sicher die Exekutivpolitikerin. Als Gemeinderätin bist du nahe dran und siehst sogleich, was du bewirken kannst. Alle bei der Diskussion ins Boot zu holen, das hat für mich gestimmt. Den Landrat, das Parlament, fand ich auch immer spannend. Es ist ein Gewinn, wenn man in beiden Gremien ist, wenn man weiss, wie sie funktionieren und mit allen Gemeinden im ganzen Kanton vernetzt ist. Darum auch mein Engagement im Vorstand des Verbands Basellandschaftlicher Gemeinden VBLG – das Oberbaselbiet braucht ein Gesicht.
Mit 40 stiegen Sie in die Politik ein. Davor war Ihr freiwilliges Engagement in der «Mütter-Initiative» ein wichtiges Übungsfeld. Worum ging es da?
Gemeinsam mit anderen Müttern organisierten wir uns und traten in die Öffentlichkeit. Wir stellten für die Kinder in Gelterkinden tolle Anlässe und Feste auf die Beine. Mit dem Erlös haben wir während vielen Jahren ein Kinderspital in Rumänien unterstützt.
Ihre Familie war es gewohnt, dass Sie neben der Familienarbeit und dem Haushalt immer auch arbeiteten und Ihr eigenes Geld verdienten. Doch wie haben sie daheim reagiert, als Sie den Schritt auf das politische Parkett machten?
Ich hatte das Riesenglück, dass meine Familie gut reagierte; sie haben mich immer unterstützt und mir den Rücken freigehalten. Mein Mann kann heute noch emotionslos sagen: Mich kennen sie, weil sie dich kennen. Normalerweise steht die Frau im Hintergrund, bei uns war es genau umgekehrt. Ich war schon immer diejenige, die etwas für die Öffentlichkeit tun will.
Gelterkinden ist Ihnen ans Herz gewachsen. Was tut Ihr Dorf für eine gute Zukunft?
Mir persönlich war es in jeder Funktion, die ich hatte und habe, stets wichtig, dass sich Gelterkinden weiterentwickeln kann und dass die Leute im Dorf Freude haben, hier zu leben. Dafür braucht es zum Beispiel gemeinschaftliche Anlässe wie den 1. August, der im vergangenen Jahr leider ausfiel, weil niemand die Organisation in die Hand genommen hatte. Auch müssen wir Oberbaselbieter Gemeinden miteinander im Gespräch bleiben. Zudem muss man zum Gewerbe schauen: Denn in Gelterkinden gibt es alles, was man für den Alltag braucht, auch eine Post, Bank oder Metzgerei, Blumenläden, einen Spielwarenladen und weitere Einkaufsmöglichkeiten.
Was ist Ihr Rezept gegen das Lädelisterben?
Wenn wir wollen, dass die Läden im Dorf bleiben und der Lädeligeist erhalten bleibt, müssen wir dort einkaufen – als Gemeindeverwaltung, Firma oder Privatpersonen. Wenn die beiden verbliebenen Bäckerei-Läden im Dorf bleiben sollen, können wir nicht zum Grossverteiler gehen, wo das Pfünderli nicht einmal 1 Franken kostet. Lieber etwas weniger Fleisch in der Woche, dafür vom lokalen Metzger.
Auch wir brauchen eine gute Zukunft, wenn wir älter werden. Was tun Sie für Ihre Perspektiven mit 70plus?
Ich habe tatsächlich nicht vor, plötzlich auf der faulen Haut zu liegen. Aber ich muss auch nicht zwingend an allem Bisherigen festhalten, sondern kann den Weg gut frei machen für jüngere Generationen.
Das fällt Menschen, die viel bewirkt haben, leichter als anderen …
Sicher. Vieles war toll und habe ich abgeschlossen oder werde es im Jahr 2026 abschliessen. Das macht mir überhaupt keine Mühe und ich kann mir jetzt in einer anderen Gruppierung intensiver Gedanken machen dazu, wie man das Leben für Seniorinnen und Senioren interessant, einfacher und spannend gestalten kann.
Sie sind Präsidentin des Vereins Senioren Gelterkinden und Umgebung und haben das Projekt «Generationen im Klassenzimmer» lanciert. Was für Pläne haben Sie mit dem Verein?
Im nächsten Jahr möchte ich alle Organisationen in Gelterkinden und Umgebung, die mit Senioren zu tun haben, zu einem runden Tisch einladen. Das machen wir ja bereits eine ganze Weile in der Jugendkommission – das ist spannend!
Was genau finden Sie daran spannend?
Eine 70-jährige Präsidentin für eine Jugendkommission – das muss ich vielleicht auch ein bisschen auf die Reihe bekommen. (Lacht.) Die Jugendkommission ist «mein Kind». Ich habe dafür geweibelt, dass wir das in Gelterkinden bekommen, nachdem ich zusammen mit Regierungsrat Thomi Jourdan, den ich vom Landrat kannte, ein Jugendkonzept erarbeitet hatte.
Was hat diese Kommission bewirkt?
Jedes Jahr im Februar-März gibt es den Berufs-Infoabend, wenn der Gewerbeverein und die Schulleitung den Schülerinnen und Schülern der Sekundarschule Erstgespräche zur Berufsfrage ermöglichen. Zudem haben wir in Gelterkinden das Jugendcafé, das wir gemeinsam mit der Stiftung Jugendsozialwerk betreiben. Ich habe immer dafür gekämpft, dass es in jedem Budget Platz hat.
Vor einigen Wochen sprachen Sie ein mögliches Buchprojekt zu Ihrer persönlichen Gelterkinder Geschichte an. Wie sieht es damit aus?
Wenn ich dieses Jahr zwei grosse Posten abgebe – das Präsidium von Baselland Tourismus und KV Baselland – will ich mir die Zeit nehmen und mich zurückerinnern, was in meinem Leben alles bisher gelaufen ist. In der Hektik des Alltags vergisst man ganz viel; man muss sich wirklich Zeit nehmen, um in eine ruhigere Phase zu kommen und niederzuschreiben, was einem wichtig ist. Ich werde dies zunächst für meine Familie zu Papier bringen. Ob dann daraus allenfalls etwas Grösseres entsteht, ist vorerst noch offen. In jedem Fall denke ich: Wenn du etwas im Leben tun willst, dann musst du es irgendwann beginnen. Du kannst es nicht immer mit dir herumtragen – und plötzlich ist es zu spät.
Was braucht es eigentlich, um glücklich und zufrieden zu sein im Leben?
Ich bin glücklich, wenn die ganze Familie gesund und «zwäg» ist. Das ist für mich das höchste der Gefühle, und wenn das so ist, dann fühle ich mich gut. Wer etwas für unsere Gesellschaft tut, ist eingebettet in der Gemeinschaft, im Dorf und in der Region und erlebt das gegenseitige Geben und Nehmen. Auch da kommt viel Schönes zurück – und das gibt mir ein gutes Gefühl.
Zur Person
awe. Christine Mangold wurde am 9. November 1955 als ältestes von drei Geschwistern geboren. Ihre Mutter stammt aus Würzburg in Deutschland, ihr Vater war gelernter Coiffeur. Sie ist seit 44 Jahren mit Martin verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Beruflich war sie von 1975 bis 1995 die rechte Hand von Leonhard Gisin, Mitinhaber einer Advokatur in Basel, und von 2005 bis 2020 Geschäftsführerin des KV Baselland. In ihrer Freizeit singt sie im Konzertchor Oberbaselbiet.
Ihre politische Laufbahn begann 1996 im Gemeinderat von Gelterkinden, dem sie bis 2020 angehörte. Während dieser Zeit war sie zwölf Jahre für das Bildungswesen zuständig und amtete ab 2008 ebenfalls zwölf Jahre als Gemeindepräsidentin. Von 1999 bis 2009 war sie Mitglied der FDP-Fraktion im Landrat und arbeitete in der Bildungskommission mit, von 2006 bis 2009 als Fraktionspräsidentin. In den Jahren 2023 und 2024 wirkte sie im Auftrag der Baselbieter Regierung als Statthalterin im Gemeinderat von Kilchberg.
Zu ihren politischen Meilensteinen zählen unter anderem der Neubau des Hallenbads, das 2018 eröffnet wurde, der Bau eines neuen Schultrakts für die Primarschule, der im Jahr 2019 in Betrieb genommen wurde. Ebenfalls wichtig war der Beitrag der Gemeinde zum Erhalt des Kulturzentrums Marabu durch ein für beide Seiten attraktives Paket. Für die Erschliessung neuer Baugebiete spielten Lärmschutzwände eine zentrale Rolle, um Rückzonungen zu vermeiden. Ein weiteres Anliegen Mangolds war die Zusammenarbeit im Verein Region Oberbaselbiet, da die Region nur gemeinsam politisches Gewicht entfalten könne.
Ebenfalls von regionaler Bedeutung sind die vertiefte Prüfung einer Gemeindefusion in Kilchberg, Rünenberg und Zeglingen sowie die dafür vorgesehene gesetzliche Grundlage des Kantons Baselland, die sie mitangestossen hat.

