Niilo und der Pokal
11.06.2026 Sport«Den habe ich mir so fest gewünscht!» Niilo strahlt. Mit knapper Not kann der Zehnjährige die riesige Kartonschachtel umklammern, mit deren Inhalt er sich für den Rest des sonnigen Samstags beschäftigen wird. Den fussballbegeisterten Jungen interessiert das ...
«Den habe ich mir so fest gewünscht!» Niilo strahlt. Mit knapper Not kann der Zehnjährige die riesige Kartonschachtel umklammern, mit deren Inhalt er sich für den Rest des sonnigen Samstags beschäftigen wird. Den fussballbegeisterten Jungen interessiert das schöne Wetter in Reigoldswil nämlich nicht mehr – seit er die Lego-Schachtel mit dem WM-Pokal in Händen hält. Sein Bruder Samu, der eben noch konzentriert an einem Puzzle arbeitete, freut sich mit. Wie schön, diese kindliche Freude mitzuerleben! Am liebsten würde ich gleich zusammen mit Niilo loslegen und die goldgelbe Trophäe zusammenstecken, die aus sage und schreibe 2842 Legosteinen besteht und dem Original nachgebaut ist: dem richtigen WM-Pokal des Weltfussballverbands Fifa. Der ist 36,8 Zentimeter gross, wiegt mehr als 6 Kilogramm – gut zwei Drittel davon bestehen aus 18-karätigem Gold – und zeigt zwei triumphierende Fussballer, die mit ausgestreckten Armen eine Weltkugel balancieren, als Zeichen von Verbundenheit und Gemeinschaft.
Legos waren, als ich so alt wie Niilo war, auch mein Lieblingsspielzeug. Allerdings gab es in den 1990er-Jahren noch keine WM-Pokale, Blumen und sonstige coole Bausätze. Aber auf Fussball-Endrunden freute ich mich als Kind genauso. Sieben war ich, als die WM 1994 in den USA stattfand und Georges Bregy im Eröffnungsspiel gegen die Gastgeber sein legendäres Freistosstor erzielte. Die Freude an dem Turnier war gross und sie war echt, der Männer-Fussball noch nicht so aufgeblasen wie heute. Bill Clinton hiess der US-Präsident, und in meiner kindlichen Wahrnehmung war die Welt in Ordnung.
Mit dem Turnier, das die Teams aus Mexiko und Südafrika heute eröffnen, an dem erstmals volle 48 Teams teilnehmen und der Weltmeister erst im 104. Match (!) gekürt wird, verhält sich das anders. Denn diese Endrunde findet, abgesehen von einigen Spielen in Mexiko und Kanada, zur Hauptsache in einem Land statt, dessen irrlichternder Präsident den Rest der Welt beschimpft, bedroht und mit Strafzöllen nötigt. Kommt hinzu, dass astronomische Summen verlangt werden, will ein Fan ein Spiel im Stadion sehen. Je nach Partie müssen mehrere Tausend US-Dollar hingeblättert werden, Mexikaner bezahlen drei bis vier Monatslöhne für ein Ticket. Bei aller Liebe zum Fussball: Das ist absurd.
Niilo? Ist vollends darin vertieft, seinen Pokal zusammenzusetzen. Ihm sei die Vorfreude auf die WM ungetrübt. Wie mir damals, 1994, als Beni Thurnheer frohlockte: «Es gibt nur einen Georges Bregy!»
Seraina Degen
Seraina Degen (1986) ist in Niederdorf aufgewachsen. Als Torhüterin spielte sie lange leidenschaftlich Fussball, heute bleibt sie beruflich am Ball – als Redaktorin bei SRF Sport.

