Nico und Aramis bringen das Bier
08.10.2026 RheinfeldenEine Mitfahrt auf der Feldschlösschen-Kutsche durch die Altstadt
Es gehört zu den wichtigen Traditionen der Brauerei Feldschlösschen, dass das Bier noch an Gastronomiebetriebe in der Rheinfelder Altstadt mit der Pferdekutsche ausgefahren wird. Die «NFZ» hat eine ...
Eine Mitfahrt auf der Feldschlösschen-Kutsche durch die Altstadt
Es gehört zu den wichtigen Traditionen der Brauerei Feldschlösschen, dass das Bier noch an Gastronomiebetriebe in der Rheinfelder Altstadt mit der Pferdekutsche ausgefahren wird. Die «NFZ» hat eine Fahrt begleitet.
Boris Burkhardt
Der 16-jährige Nico tanzt gerne aus der Reihe. Immer wieder muss Fuhrmann Oliver Müller das Belgische Kaltblut ermahnen, sich ruhig zu verhalten. Nico kaut dann aus Trotz auf seinem Mundstück herum. Der zwei Jahre ältere Aramis ist ruhiger und einfacher zu führen. Dennoch sind beide Pferde gut trainiert, wenn Müller am Donnerstagmorgen gegen 9 Uhr mit der Kutsche von der Brauerei Feldschlösschen losfährt, um Bier an Rheinfelder Gaststätten auszuliefern.
Schon in der Theophil-Roniger-Strasse, die vom Brauereigelände wegführt, zeigen Nico und Aramis im Gegenverkehr mit dem Müllauto ihre erfolgreiche Ausbildung: «Für viele Pferde wäre das Blinklicht schon ein Problem.»
Als laut eigener Aussage einzige Brauerei in der Schweiz unterhält die Feldschlösschen-Brauerei noch ein eigenes Gestüt mit derzeit sieben Belgischen und einem Süddeutschen Kaltblut. Zwei davon sind Stuten, der Rest Wallache, wie Müller erklärt: «Das Geschlecht spielt beim Verhalten aber kaum eine Rolle.» Aramis ist ein eigener Zuchterfolg; auch zurzeit befindet sich ein neuntes Tier auf der Fohlenweide: «Eigentlich kaufen wir die Pferde aber eingefahren.» Für die Brauerei sind die Pferde ein wichtiger Teil des Marketings. «Sie gehören zu den unverwechselbaren Symbolen unseres Unternehmens», sagt Müller. Er kümmert sich mit drei Kollegen als Angestellte der Brauerei unter anderem um die Pferde und den Stall. Als Sechsspänner haben die Pferde bis zu 100 Auftritte an Eidgenössischen Festen, bei Restauranteröffnungen oder Jubiläen der Feldschlösschen-Kunden. Ausserdem dürfen die Stallungen der Tiere täglich von 7 bis 16 Uhr ohne Anmeldung besucht werden.
Pferde gehören zum Stadtbild
Das Ausliefern von Bier an einen Gastronomiebetrieb in Rheinfelden jeden Donnerstag ist ebenfalls eine gepflegte Feldschlösschen-Tradition, die laut Müller auch vom Stadtmarketing begrüsst wird: «Das Tourismusbüro freut sich, dass die Brauereipferde zum Stadtbild gehören.»
Über den Stadtweg und die Magdenerstrasse führt Müller die beiden Pferde zum Obertor in die Altstadt. Die Pferde wissen, dass sie beim Kommando «Hüscht!» nach links gehen müssen, bei «Hott!» nach rechts. Das allgemein bekanntere «Hü!» bedeute für die Pferde, die Geschwindigkeit zu erhöhen, erklärt Müller. Jedes der Tiere wiegt annähernd 900 Kilo und frisst täglich 14 Kilo Heu und 3 Liter Kraftfutter.
Die Pferde müssen auf den glatten Pflastersteinen die Geissgasse hinunter vorsichtig laufen, um nicht auszurutschen. Heute geht es hinunter zur Bistro-Bar «Albrechtli» am Albrechtsplatz. Müller klingelt Pächter Lukas Küng aus dem Gastraum. Küng freut sich darüber, dass er nun am Donnerstag mit der Kutsche beliefert wird: «Früher war es am Dienstag; da kam der Laster.» 14 Fässer mit insgesamt 280 Litern wird Müller von der Ladefläche hieven – ein Knochenjob. Heute steht nur das «Albrechtli» auf Müllers Lieferliste: Derzeit sind es insgesamt vier Restaurants in der Rheinfelder Altstadt.
Späte Berufung
Mit 55 Jahren sattelte Oliver Müller vor über zwei Jahren im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal beruflich um und wurde vom Eventmanager zum Fuhrmann. Erfahrungen mit Pferden hatte er bereits; den Kutschenführerschein holte er in Deutschland nach: «Dort sind die Prüfungen strenger als in der Schweiz.»
Weil er mit dem Gespann wegen einer Baustelle nicht vom Rösslihof in die Brodlaube einfahren kann, fährt Müller über den Zähringerplatz zurück in die Marktgasse. Kaum ist er eingebogen, muss er die Kutsche schon anhalten: Nico hat ein paar «Äpfel» fallen lassen. An der Seite der Kutsche greift Müller nach Schaufel und Eimer. Auch das gehört zum Job eines Feldschlösschen-Fuhrmanns.
Für das Gespräch mit der «NFZ» steuert Müller ein weiteres Gasthaus in der Marktgasse an, wo er Nico und Aramis einen Eimer Wasser bringt. Am heutigen Vormittag ist relativ wenig los in der Marktgasse. Müller ist es sonst gewöhnt, dass Touristen die Pferde betrachten und sie auch anfassen. Die 50-jährige Anita nähert sich den Tieren und streichelt ihnen den Kopf. Sie sei mit Pferden aufgewachsen, sagt die Passantin. Sie besuche regelmässig die Feldschlösschen-Stallungen: «Das ist ein ganz toller Brauch.»
Diesen Artikel publizieren wir in Zusammenarbeit mit der «Neuen Fricktaler Zeitung».




