Nichtstun mit Plan
20.08.2026 SportIm Leistungssport geht es um Leistung. Mehr Stunden, mehr Matches, mehr Fitness. Oft wird derjenige glorifiziert, der härter trainiert, mehr macht und mehr investiert. Doch wo liegt die Grenze zum Übertraining? Wo liegt der Punkt, an dem «mehr» nicht mehr besser bedeutet, ...
Im Leistungssport geht es um Leistung. Mehr Stunden, mehr Matches, mehr Fitness. Oft wird derjenige glorifiziert, der härter trainiert, mehr macht und mehr investiert. Doch wo liegt die Grenze zum Übertraining? Wo liegt der Punkt, an dem «mehr» nicht mehr besser bedeutet, sondern sogar kontraproduktiv wird?
Diese Erfahrung habe ich im Juli mit Henry Bernet gemacht. Wir waren gut unterwegs, er hatte zum ersten Mal in diesem Jahr über einen längeren Zeitraum viele Matches. Ende Juli kam dann die Endphase eines langen Blocks, in der er körperlich zu kämpfen hatte. Das Training wurde zunehmend schwierig, und auch in den Matches waren die PS sichtlich nicht vorhanden.
Nach einem Gespräch stellte sich heraus, dass die letzte wirkliche Pause, also sieben Tage komplett ohne Tennis, bereits ein Jahr zurücklag. Wir konnten an noch so vielen Schrauben drehen, Erholung optimieren und auf genügend Schlaf achten: Es ging einfach nicht mehr richtig vorwärts, egal wie sehr wir es wollten.
Irgendwann fühlt es sich an, als würde man enorm viel investieren, aber nur noch sehr wenig zurückbekommen. Wie bei einer Zitrone, die man mit aller Kraft auspresst und aus der trotzdem nur noch ein paar Tropfen kommen. Genau dann ist mehr Training nicht nur kontraproduktiv, sondern kann gar zur Gefahr werden. Überlastungserscheinungen, Schmerzen und im schlimmsten Fall Verletzungen können die Folge sein. Also haben wir nach dem letzten Turnier eines längeren Blocks bewusst gesagt: sieben Tage nichts. Und zwar wirklich nichts.
Danach nahmen wir uns drei Wochen Zeit für einen gezielten Aufbau. Das Resultat bei Henry war ein fantastischer Trainingsblock. Plötzlich war die Produktivität wieder eine ganz andere. Mehr mentale Frische, mehr körperliche Energie und dadurch auch die Möglichkeit, den Spieler wieder stärker zu belasten. Es waren wieder mehr PS vorhanden. Entsprechend erfreulich waren die Trainingsfortschritte.
Die sieben Tage Nichtstun waren also keineswegs verlorene Zeit. Im Gegenteil: Sie waren die Voraussetzung dafür, dass wir danach wieder richtig arbeiten konnten. Wir haben nicht eine Woche verloren, sondern die Pause hatte dafür gesorgt, dass die folgenden drei Wochen wieder richtig genutzt werden konnten. Für mich war das wieder einmal ein Augenöffner, wie wichtig Pausen sind. Natürlich muss im Leistungssport hart und viel trainiert werden. Doch irgendwann läuft der Athlet gegen eine Wand. Manchmal ist die schwierigste Entscheidung nicht, was man mehr machen soll, sondern bewusst nichts zu tun.
Yannik Steinegger
Der Bubendörfer Yannik Steinegger (2000) gehörte zu den besten Schweizer Tennisspielern, ehe er sich schon mit 23 Jahren entschied, Profi-Trainer zu werden. Er betreut die Schweizer Tennis-Hoffnung Henry Bernet.

