«Nennen wir es einen Konzentrationssport»
21.08.2026 Sport, Weitere SportartenAuf ein paar Löcher mit Minigolf-Weltmeisterin Miranda Graf
Heute vor 35 Jahren schrieb Miranda Graf aus Lausen Minigolf-Geschichte: In Oslo gewann sie den ersten Weltmeistertitel bei den Frauen. Auf der Minigolfanlage Ergolz in Pratteln erinnert sie sich an ihren Erfolg und ...
Auf ein paar Löcher mit Minigolf-Weltmeisterin Miranda Graf
Heute vor 35 Jahren schrieb Miranda Graf aus Lausen Minigolf-Geschichte: In Oslo gewann sie den ersten Weltmeistertitel bei den Frauen. Auf der Minigolfanlage Ergolz in Pratteln erinnert sie sich an ihren Erfolg und erzählt, weshalb sie dem Sport heute mit Distanz begegnet.
Christian Horisberger
Der Schläger tippt den roten Ball an. Dieser rollt nach einigen Metern die Rampe der sogenannten «Burg» hoch und weiter mitten durch einen quadratischen Tunnel. Er kullert über die dahinterliegende Plattform, nimmt auf der nachfolgenden Rampe Fahrt auf, rollt zielstrebig in Richtung des Lochs am Ende der Bahn und verschwindet schliesslich darin. Miranda Graf, die den Ball mit einem kontrollierten Schlag auf die Reise geschickt hat, ballt kurz die Faust, ihre hellblauen Augen strahlen. «Es geht ja noch», sagt sie lachend. Dass ihr der perfekte Schlag erst im zweiten Anlauf gelang, schmälert ihre Freude nicht im Geringsten.
Vor 35 Jahren wäre für die heute 57-Jährige alles andere als ein Einlochen des Balls mit nur einem Schlag eine Enttäuschung gewesen. Damals kämpfte sie an der ersten Weltmeisterschaft im Einzel der Frauen im norwegischen Oslo um den Titel und schrieb Minigolf-Geschichte: Miranda Graf wurde die erste Weltmeisterin in dieser Sportart. Anlässlich des Jahrestags ihres historischen Erfolgs heute vor 35 Jahren hat sich die «Volksstimme» mit Graf, die heute in Lausen wohnt, auf der Minigolfanlage Ergolz auf ein paar Löcher und viele Erinnerungen getroffen.
Mit dem Sport aufgewachsen
Auf einem Minigolfplatz wie dem in Pratteln ist Miranda Graf sozusagen aufgewachsen: Ihre Eltern führten in Ascona die von den Grosseltern gegründete, weltweit erste genormte Minigolfanlage. Mit zehn Jahren ging sie nicht in die Mädchenriege, sondern in den Minigolfverein, der auf dem Platz ihrer Eltern trainierte. Um sich im Verein unter lauter Buben zu behaupten, habe sie sich umso mehr angestrengt, erzählt sie: «Die Buben wollten mich anfangs nicht in der Mannschaft dabeihaben.»
Der Trainingsfleiss zahlte sich aus. 1983 belegte Graf im Nachwuchs erstmals an einer Schweizer Meisterschaft einen Podestplatz. Ab 1985 war sie Mitglied des Nationalkaders, zunächst als Juniorin und ab 1988 bei den Aktiven. Bis 1993, als sie sich – ihr Heimturnier in Ascona ausgenommen – vom Spitzensport zurückzog, gehörte sie stets zum Kreis der Favoritinnen und heimste an nationalen Titelkämpfen zehn Medaillen ein, davon vier goldene.
Am ersten Loch, das Graf in Pratteln mit der «Volksstimme» spielt – eine gerade Bahn mit einem Engnis auf halber Strecke –, braucht die frühere Spitzenminigolferin drei Versuche, bis es ihr gelingt, mit einem einzigen Schlag einzulochen. Anstatt sich nach den Fehlversuchen zu ärgern, versetzt sie den Ball im Anspielkreis, ruft sich den missglückten Schlag ins Gedächtnis und macht es besser.
Nervenstarke Technikerin
Die Nervenstärke habe sie im Wettkampfsport ausgezeichnet, erzählt Graf. Während sich viele Minigolfer – Freizeitspieler wie auch Könner – über einen verschlagenen Ball ärgern und damit ihr eigenes Spiel schwächen, habe sie sich stets vor Augen geführt, was sie immer noch erreichen kann. Dabei habe sie auch von mentalem Training profitiert – ab Tonbandkassette.
Als weitere Stärke nennt sie ihre Schlagtechnik. Durch intensives Training habe sie zielgenau spielen und die Länge ihrer Schläge gut dosieren können. Ein weniger gutes Gespür als andere habe sie hingegen fürs Austesten der Wettkampfbahnen gehabt. Ebenso für die Wahl des idealen Balls: Je nach Bahn, Temperatur und Feuchtigkeit setzen Könner unterschiedlich harte und schwere Bälle ein. Mit 200 Exemplaren habe sie während ihrer Aktivzeit vergleichsweise wenige Bälle gespielt: «Es gab Minigolfer, die hatten 2000 Stück zur Auswahl.»
Erfolgstrainer
Graf überliess die Wahl der Bälle am liebsten ihrem Trainer Gerd Zimmermann. Dem Deutschen habe es die Schweizer Equipe zu verdanken, dass sie 1991 mit drei Gold- und einer Bronzemedaille von der WM in Oslo heimgekehrt sei. Er habe den Schweizer Kadermitgliedern mit seinen Trainingsmethoden zu einem präziseren Spiel verholfen und die favorisierten Deutschen in Oslo mit seinem Verhalten verunsichert, erzählt Graf.
Aus einer Tasche, die sie zum Gespräch mitgebracht hat, zückt sie einen Brief, der die tiefe Dankbarkeit des Nationalteams gegenüber seinem Trainer zum Ausdruck bringt. Und unbedingte Solidarität: Weil der Schweizer Minigolfverband Zimmermann trotz dessen Erfolgen feuerte, erklärten alle Kadermitglieder 1993 ihren Austritt.
Für Miranda Graf war es der Abschied vom Minigolf-Leistungssport. Sie habe damals genug gehabt, sagt sie. Während vieler Jahre sei in allen Ferien und an sehr vielen Wochenenden Minigolf auf dem Programm gestanden, dazu unzählige Reisen vom Tessin zu Kaderzusammenzügen und Wettkämpfen. Dem Minigolf ist sie seither vor allem durch ihren Club in Ascona verbunden, in dessen Vorstand sie heute noch mitwirkt, obwohl sie längst im Baselbiet lebt, und durch den dortigen Minigolfplatz, den heute ein Neffe von ihr führt. Dort nimmt sie gelegentlich an Clubturnieren teil.
Auf Anlagen wie jener in Pratteln ist sie nur dann anzutreffen, wenn beispielsweise ein Geschäftsausflug sie dorthin führt. Steht sie bei solchen Gelegenheiten am Abschlag, packe sie schon der Ehrgeiz, sagt die Weltmeisterin, «aber nicht, weil ich gewinnen will, sondern weil ich mich nicht blamieren möchte».
Understatement? «Nein», versichert Graf. Es sei überhaupt nicht selbstverständlich, dass sie gewinne, sie spiele ja kaum noch. Bescheidenheit? Definitiv: Als Graf 1991 als Weltmeisterin an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte – sie ist kaufmännische Angestellte –, habe sie niemandem erzählt, was sie in ihren «Ferien» gemacht hat. Einerseits stehe sie nicht gerne im Mittelpunkt, sagt sie, andererseits sei Minigolf doch nur eine Randsportart. «Ich selber gehöre ja auch zu denen, die finden, es sei kein richtiger Sport, weil er die Athletinnen und Athleten körperlich nicht fordert und sie sich nicht auspowern müssen.»
Inkognito
Nach kurzem Nachdenken relativiert Graf ihre Aussage: An einem Wettkampftag über bis zu acht Stunden und achtmal 18 Bahnen die Konzentration hochzuhalten und abliefern zu können, sei durchaus eine Herausforderung gewesen. Und um international vorne mithalten zu können, habe sie viel Zeit investiert und eisern trainiert. «Nennen wir es also einen Konzentrationssport.» Und eine Freizeitbeschäftigung, die auch einer ehemaligen Spitzenathletin durchaus Freude bereitet: Locht sie im ersten Versuch ein, lacht sie. Verbessert sich der Mitspieler dank einer Korrektur von ihr, freut sie sich mit ihm. Und sie kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, wenn sie ambitionierten Amateuren mit ihren klimatisierten Ballköfferchen beim Fachsimpeln zuhört – und dabei inkognito bleibt. Sich spontan einzuschalten und mitzureden, entspricht nicht ihrem Naturell.
Trotz des Erfolgs und der schönen Erinnerungen, die sie mit Oslo verbindet, vermisst Graf das Minigolfspielen nicht. Bewegung, Naturverbundenheit und Abwechslung seien ihr «fürs Alter» viel wichtiger, sagt die Mutter einer erwachsenen Tochter. Ihre Tochter sei eine talentierte Minigolferin, habe sich aber dem Reiten verschrieben: «Hätte ich damals die Wahl zwischen Minigolf und Reiten gehabt, hätte ich mich auch fürs Reiten entschieden», so Graf. Doch das sei damals gar keine Option gewesen: «Ich bin da einfach reingerutscht, ohne bewusst eine Wahl getroffen zu haben.»


