Als zweiten Einstieg pflegte es der Chefredaktor zu bezeichnen. Und er meinte damit: Gerade bei längeren Zeitungsbeiträgen, etwa bei Interviews, reicht es nicht mehr, Leserinnen und Leser mit einem knackigen Zitat im Titel zur Lektüre zu verleiten. In einem ganzseitigen Interview ...
Als zweiten Einstieg pflegte es der Chefredaktor zu bezeichnen. Und er meinte damit: Gerade bei längeren Zeitungsbeiträgen, etwa bei Interviews, reicht es nicht mehr, Leserinnen und Leser mit einem knackigen Zitat im Titel zur Lektüre zu verleiten. In einem ganzseitigen Interview mit dem Sänger Luca Hänni versuchten es die Zeitungen des Aargauer Verbunds beispielsweise mit der bewährtesten aller Allzweckwaffen. Sie zitierten den Neo-Schauspieler im Titel mit «Schwierig war es nach der Sexszene». Sex sells schliesslich. Dieser Kniff blieb offensichtlich auch der Sprachpolizei nicht verborgen.
Im Interview fallen hinterher ganze elf Fragen länger aus als die Antworten des inzwischen 31-jährigen Berner Hauptdarstellers. Dieser belässt es gleich sieben Mal bei einem einzigen Wort oder einem kurzen Satz (der Reihe nach: «Genau», «Da muss ich Sie enttäuschen», «Stimmt, das habe ich auch gelesen», «Ach», «… Nein …», «Stimmt», «Das stimmt»). Das deutet der Überschrift zum Trotz auf kein prickelndes Gespräch hin, sondern eher auf einen lustlosen Interviewten oder einen Interviewer im Oberlehrer-Modus.
An diesem Interview hätte besagter Chefredaktor bestimmt keine Freude gehabt, auch wenn es seiner Forderung nach einem zweiten Einstieg mit zwei «Kästli» gleich doppelt nachkommt: Im einen finden sich biografische Angaben zum Auskunftsverweigerer, im anderen zur besprochenen Verfilmung des Musicals «Ewigi Liebi». Appetit weckt das Interview wenig, zumal, so verrät Hänni, in besagter Szene «nur schnell mein nacktes Füdle durch das Fenster» zu sehen sei.
Jürg Gohl