Mottenkugeln, Drahtgeflechte, Mäusefallen
01.10.2026 OberdorfRémy Suter und Hanspeter Gautschin erzählten Geschichten aus früheren Zeiten
Ein Dorf-Rundgang führte zurück in eine Zeit, als Dorforiginale und Übernamen noch zum Alltag gehörten. Die Lokalhistoriker Rémy Suter und Hanspeter Gautschin ...
Rémy Suter und Hanspeter Gautschin erzählten Geschichten aus früheren Zeiten
Ein Dorf-Rundgang führte zurück in eine Zeit, als Dorforiginale und Übernamen noch zum Alltag gehörten. Die Lokalhistoriker Rémy Suter und Hanspeter Gautschin erzählten von alten Läden und Geschichten, die bis heute in Erinnerung geblieben sind.
Lorenz Degen
Dorforiginale gibt es heute nicht mehr, ebenso sind Dorfnamen fast verschwunden. Von einer Zeit, als beides noch zum Alltag gehörte, berichteten die beiden Lokalhistoriker Rémy Suter und Hanspeter Gautschin bei einem abendlichen Rundgang durch Oberdorf. Gut 50 Personen folgten am vergangenen Donnerstagabend den Spuren dieser vergangenen Zeiten. Der Verein Region Wasserfallen Juraparadies veranstaltet jährlich zwei dieser Rundgänge, jeweils durch eine Tal- und eine Berggemeinde in der Umgebung.
Wo sich heute die Eisen- und Haushaltswarenhandlung Heinimann befindet, befand sich früher schon ein «Chremerlade», geführt von der Familie Schweizer. Allerdings lag der Laden im Obergeschoss, die Wohnung dafür ebenerdig. «Da bekam man alles ausser Esswaren», wusste Suter, der, obschon aus dem «änere Tal», über mehrere Ecken mit der Familie verwandt ist. Überliefert hat sich in der Familie die Erinnerung eines Friedrich Schweizer, der im Januar 1798 als Dreijähriger aus dem Fenster des ersten Stocks gehoben wurde und den Brand vom Schloss Waldenburg sah. «Chremerfried» lernte den Beruf des Schuhmachers und wurde im jungen Kanton Baselland sogar Oberrichter. «Ein Gefühl für das, was recht ist, war damals wohl wichtiger als die genauen Kenntnisse der Paragrafen», vermutete Suter unter heiterem Lachen des Publikums.
Ein Lehrer für 100 Kinder
Das ehemalige Schulhaus an der Hauptstrasse, erbaut zwischen 1859 und 1862, war ursprünglich für die Gemeindeverwaltung geplant worden. Die «Lehrerstube» befand sich im Erdgeschoss neben dem Feuerwehrmagazin, die Schlafzimmer dagegen im Dachgeschoss. Dazwischen lag das Schulzimmer, wo ein Lehrer bis zu 100 Kinder unterrichtete, vom Niveau her etwa erste bis sechste Klasse gleichzeitig, wie Suter dem verdutzten Publikum mitteilte.
Nachdem im Jahr 1901 das neue Schulhaus in der Eimatt bezogen wurde, diente das leer gewordene Schulzimmer als Probelokal für Chöre und Blasmusik, sogar für ein kurzzeitiges philharmonisches Orchester Oberdorf. Im Ersten Weltkrieg war das Militär in dem Saal einquartiert.
Im Zuge der Strassenverbreiterung sollte das Gebäude abgerissen werden, was aber durch Proteste aus der Bevölkerung verhindert wurde. So steht die «alti Schuel» bis heute als schmuckes Baudenkmal im Dorfkern.
Mausefallen neben Landjägern
Am Eingang zur Hinteren Gasse befand sich im Eckhaus die «Handlung Schweizer». Hier führte noch bis in ihr hohes Alter Selma Schweizer (1875 – 1963) einen Laden, allerdings der besonderen Art. «Von Mottenkugeln und Drahtgeflechten bis zu Mausefallen war beim ‹Reinharde Selmi› ziemlich alles erhältlich, was man in einer Oberdörfer Haushaltung brauchte», so Suter. Einige Teilnehmer nickten. «Ja, neben den Landjägern hingen Mausefallen», erinnerte sich eine Teilnehmerin, «heute wäre das unvorstellbar.»
Der Heimatforscher führte die Familiengeschichte näher aus und kam auch auf dunkle Seiten des Dorflebens zu sprechen. Ein uneheliches Kind bedeutete beispielsweise eine Schande, was dazu führte, dass eine von Selmas Schwestern vor der Bevölkerung geradezu «versteckt» wurde, indem die Familie sie in einer Kammer unterbrachte und kaum vor die Tür liess.
Ein Apéro beim «Rössli» bot anschliessend Gelegenheit, persönliche Anekdoten und Erinnerungen auszutauschen, und nicht wenige fragten sich: War es wirklich «die gute alte Zeit», wie man so leichthin annimmt?

