«Mittlerweile ist der Gigantismus ausgebrochen»
23.04.2026 OltingenOK-Präsident Michi Gass über Mut, Gemeinschaft – und ein Fest, das ein ganzes Dorf bewegt
50 Jahre nach dem letzten Dorffest wird in Oltingen wieder gefeiert. OK-Präsident Michi Gass spricht über die Entstehung der Idee, grosse Herausforderungen – und ...
OK-Präsident Michi Gass über Mut, Gemeinschaft – und ein Fest, das ein ganzes Dorf bewegt
50 Jahre nach dem letzten Dorffest wird in Oltingen wieder gefeiert. OK-Präsident Michi Gass spricht über die Entstehung der Idee, grosse Herausforderungen – und darüber, was das Fest für die Dorfgemeinschaft bedeutet.
Luana Güntert
Wie ist die Idee für das Dorffest entstanden?
Michi Gass: Die Idee kam ganz unkompliziert zustande. Am Dorffest in Wegenstetten 2023 sass ich mit Andrea Brenna und Reto Beugger bei einem Bier zusammen. Uns hat das so gut gefallen, dass wir dachten: «Das brauchen wir Oltinger auch wieder einmal.» Zuerst suchten wir nach einem passenden Jubiläum – aber das wäre erst in 40 Jahren gewesen (lacht). Dann erinnerten wir uns an das legendäre Dorffest von 1976. Kurz darauf war klar: 50 Jahre später machen wir das wieder.
Wie kam es dazu, dass Sie OK-Präsident sind?
Eigentlich gibt es bei uns nur ein «Wir». Andrea und ich funktionieren als Duo, einfach formal bin ich der Präsident und sie die Vizepräsidentin. Ich habe früh gesagt: «Das Fest darf nicht daran scheitern, dass sich niemand für das Präsidium findet. Im Notfall mache ich es.» Und so ist es dann geblieben.
Wie kam die Idee im Dorf an?
Im OK von Anfang an sehr gut. Wir konnten schnell ein 15-köpfiges Team zusammenstellen. Auch die Vereine waren sofort dabei – ohne sie geht es nicht. In der Bevölkerung war die Begeisterung anfangs noch verhalten. Aber seit ein paar Monaten hat sich das komplett gedreht: Jetzt sind alle mit Herzblut dabei und der Gigantismus ist ausgebrochen. Teilweise müssen wir die Leute sogar bremsen, weil immer noch mehr Ideen dazukommen. Insgesamt helfen über 2000 Personen mit – das ist mehr als viermal so viel, wie Oltingen Einwohner hat.
Was passiert mit dem Gewinn?
Vor 50 Jahren wurde der Erlös in den Bau der Turnhalle investiert. Heute wollen wir das Turnhallendach sanieren und zusätzlich den regionalen Tourismus unterstützen.
Wie hoch sind die Kosten für die Sanierung?
Mindestens 100 000 Franken. Wir haben drei Varianten ausgearbeitet und entscheiden dann je nach Festgewinn, welche umgesetzt wird.
Wie entstand das Motto «z’Oltige rollt’s»?
Am Anfang hatten wir die Idee einer einzigen grossen Kugelbahn durchs ganze Dorf. Das liess sich aber nicht mit den Beizli und Ständen vereinbaren. Dann war ich auf dem Hasliberg und habe dort diese Holzkugelbahnen gesehen – das hat mich inspiriert. So entstand die Idee mit mehreren Bahnen im Dorf. Gleichzeitig ist das auch ideal für Sponsoren, die jeweils eine Bahn übernehmen können. Daraus entwickelte sich schliesslich auch unser Motto, das gut zu uns passt.
Was war die schwierigste Entscheidung?
Der Moment, als wir gesagt haben: Wir machen das – mit einem Budget von 450 000 Franken. Das war ein grosser Schritt. Zu Beginn brauchten wir rund 100 000 Franken in bar, um überhaupt starten zu können. Sponsoren waren deshalb zentral. Auch beim Material mussten wir Lösungen finden, etwa beim Holz für die Scheunen. Da konnten wir mit den Besitzern gute Vereinbarungen treffen.
Eine weitere wichtige Entscheidung betraf die Gewinnverteilung. Ursprünglich wollten wir alles der Gemeinde geben. Heute ist das aber nicht mehr zeitgemäss. Deshalb haben wir uns für 70 Prozent Gemeinde und 30 Prozent Vereine entschieden.
Welche Rolle spielt das Fest für die Zukunft von Oltingen?
Es zeigt, was möglich ist, wenn alle zusammenarbeiten – jung und alt. Dieses «Einer für alle, alle für einen» soll nachhaltig bleiben und die Dorfgemeinschaft stärken.
Wie hat sich das Dorf durch die Vorbereitungen verändert?
Wir sind noch näher zusammengerückt. Es wird mehr miteinander gesprochen, man grüsst sich häufiger. Auch viele Auswärtige helfen mit. Für mich persönlich ist es fast unmöglich geworden, am Wochenende durchs Dorf zu gehen, ohne irgendwo eingeladen zu werden. Diese spontanen Begegnungen gab es früher in diesem Ausmass nicht.
Für was stehen die Oltinger?
Wir sind Macher. Wenn etwas ansteht, packen wir es an. Gleichzeitig sind wir eine starke Gemeinschaft, auch wenn wir alle unterschiedlich denken. Das zeigt sich zum Beispiel in der «Politiker-Wystube», wo Vertreter verschiedener politischer Richtungen gemeinsam etwas auf die Beine stellen.
Welche Kompromisse mussten Sie eingehen?
Wir wollten ursprünglich mit Glasgeschirr arbeiten, das war aber aus Kapazitätsgründen der Kläranlage nicht möglich. Stattdessen setzen wir jetzt auf kompostierbares Geschirr – eine Lösung, die gut funktioniert und ökologisch sinnvoll ist. Nachhaltigkeit ist uns bei unserem Dorffest grundsätzlich wichtig. Deshalb ist auch ein Grossteil des verbauten Holzes von Bäumen aus der Region. Zudem stammen viele Produkte in der Gastronomie aus der Region.


