Mit Vollgas durch die Begegnungszone

  13.08.2026 Auto

Klein-Elektrofahrzeug Fortuna E

Ein Kleinst-Elektroauto soll älteren Menschen Mobilität ermöglichen, auch wenn sie keinen Führerausweis mehr besitzen. Bei einer Probefahrt durch Liestal zeigt der Fortuna E, was er kann – und wo seine Grenzen liegen.

Christian Horisberger

Der altersbedingte Verlust des Fahrausweises kann gravierende Auswirkungen auf die Eigenständigkeit und das soziale Leben von Seniorinnen und Senioren haben: Ihre Autonomie wird beschnitten und der Bewegungsradius eingeschränkt. Mit einem Fahrzeug wie dem Fortuna E, einem Kleinst-Elektroauto, das ohne Führerausweis gefahren werden darf, lässt sich ein Stück Bewegungsfreiheit zurückgewinnen, ohne dass man sich von anderen abhängig machen muss.

Der Liestaler Garagist Franco Niggli hatte im vorletzten Frühling einen guten Riecher, als er die regionale Vertretung für den Fortuna E übernommen hat. Angefragt hatte ihn der Schweizer Importeur des kleinen Autos, das in seinem Herkunftsland China als «Jia Ji JJ 2000» auf dem Markt ist. In den vergangenen 16 Monaten habe er mehr als 50 Fahrzeuge ausgeliefert, und jede Woche seien bei ihm vier bis sechs Anfragen Interessierter eingegangen, sagt er: «Es ist eine Marktlücke. Für ältere Leute gibt es sonst fast nichts anderes.» Das Durchschnittsalter der Käuferinnen und Käufer des Fortuna E schätzt Niggli auf 75 bis 80 Jahre, sein bisher ältester Kunde sei beim Kauf 93 Jahre alt gewesen.

Die überzeugendsten Argumente sind für den Händler die geschlossene Kabine und der Preis des günstigsten Modells von unter 9000 Franken. Andere in der Schweiz verfügbare Fahrzeuge für diese Zielgruppe seien zumeist offen und trotzdem teurer, zum Teil deutlich, sagt der Garagist. Dabei lasse die Ausstattung für diese Kategorie kaum Wünsche offen. Und weil das nur einen Meter breite Kleinstfahrzeug auf Veloparkplätzen abgestellt werden kann, biete es auch in der Stadt grosse Flexibilität. Deshalb nehme er häufig das kleine Auto, wenn er Besorgungen im «Stedtli» erledigen müsse.

Einsteigen von beiden Seiten
Bei so vielen Vorschusslorbeeren bin ich auf die Probefahrt mit dem Fahrzeug gespannt, das mit einer Töffli-Nummer ausgestattet ist und das auf dem Radstreifen oder auf der Autospur am rechten Rand gefahren wird. Das Trottoir ist tabu.

Beim Einsteigen habe ich die Qual der Wahl: Obwohl die beiden Plätze hintereinander angeordnet sind, verfügt das Fahrzeug über zwei Seitentüren. Ich kann somit zum Trottoir hin aussteigen, wenn ich an einer Strasse halte, und selbst wenn ich ganz nah an einer Hauswand parkiere, bin ich nicht «gefangen». Die Türen lassen sich per Funk zentral ver- und entriegeln. Gleichzeitig mit dem Aufschliessen wird die elektronische Wegfahrsperre deaktiviert: Das Auto ist fahrbereit. Ein Zündschloss gibt es nicht. Deshalb ist das Auto beim Verlassen unbedingt abzuschliessen.

Der Fahrersitz mit integriertem Sicherheitsgurt ist mässig bequem und lässt sich nach vorne und hinten schieben, der Winkel der Rücklehne ist ebenfalls einstellbar. Fix ist die Höhe des Sitzes; dies gilt auch fürs Lenkrad. Am und ums Lenkrad befindet sich alles Notwendige, was man von einem ausgewachsenen Auto kennt: Hupe, Bedienung für Blinker, Licht, Scheibenwischer und Heizung/Lüftung. Sogar an eine USB-Ladebuchse wurde gedacht. Mittig befindet sich ein 7-Zoll-Touchdisplay. Die wichtigste Information ist der Ladezustand der Batterie. Ist sie voll (mit Strom aus der Haushaltssteckdose), beträgt die Reichweite laut Hersteller 80 Kilometer – bei tiefen Aussentemperaturen deutlich weniger. Ist die Batterie leer, dauert es sechs Stunden, bis der grüne Balken für den Ladezustand bei 100 Prozent steht. Zwei Batterietypen sind erhältlich: AGM-Blei oder Lithium-Eisenphosphat (LiFePO4) mit einem um 20 Prozent geringeren Gewicht. Letztere ist langlebiger, aber auch um rund 1000 Franken teurer. Käufern, die häufig in hügeligem Gebiet unterwegs sind, empfiehlt der Hersteller die Lithiumbatterie.

Überraschend für ein Auto dieser Kategorie: Neben den beiden Aussenspiegeln verschafft eine Rückfahrkamera zusätzlichen Überblick. Damit können sich der Lenker oder die Lenkerin beim Rückwärtsfahren den Blick über die Schulter sparen. Gespart wurde eigentlich nur bei der Klimaanlage, ohne die dieser Tage niemand gerne in ein aufgeheiztes Auto einsteigt. Die beiden grossen, elektrisch bedienbaren Fenster in den Türen sowie das Dachfenster, das sich anstellen lässt, sorgen aber für kühlenden Durchzug während der Fahrt.

Flotte Fahrt auch bergauf
Die Instruktion durch den Garagisten dauert keine zehn Minuten, dann ist alles Nötige gesagt. Und los geht die Fahrt. Die Beschleunigung ist moderat, aber die 20 km/h liegen rasch an. Wenn es den Berg hochgeht, zum Beispiel vom Liestaler «Törli» in Richtung Seltisberg, schafft der 2-Kilowatt-Motor in der steilsten Passage immer noch 16 Stundenkilometer. Dafür geht es bergab flotter. Die Schwerkraft verhilft dem 430 Kilogramm schweren Auto auf dem Weg zurück ins «Stedtli» zu einem Tempo von deutlich über 30 Stundenkilometern, wobei die Batterie im Schiebebetrieb nicht aufgeladen wird. Selbst bei zügigerer Fahrt liegt das sehr schmale und 1,50 Meter hohe Fahrzeug in Kurven stabil auf der Strasse. Dies ist einerseits dem tiefen Schwerpunkt durch das hohe Gewicht der Batterie unter der Rückbank zu verdanken, andererseits besteht die Carrosserie aus leichtem Kunststoff.

Wer vom PW ins Kleinfahrzeug umsteigt, muss sich vor allem an zwei Dinge gewöhnen. Die hydraulischen Scheibenbremsen sprechen verzögert an, und es ist kräftiger Druck aufs Bremspedal vonnöten, damit sie ihre Wirkung voll entfalten. Und weil man sich im Fortuna eher am Lenkrad eines PW wähnt als auf einem Töffli oder Velo, kann es vorkommen, dass man intuitiv eher zentral auf der Fahrspur fährt, anstatt am rechten Rand, damit der übrige Verkehr leichter überholen kann. Keine Gedanken brauchen sich der Lenker oder die Lenkerin eines Fortuna E über Tempobussen zu machen. Selbst mit Vollgas besteht keinerlei Risiko – nicht einmal in der Begegnungszone mit Höchstgeschwindigkeit 20.

Zweisitzer mit 10 km/h Spitze
Die Spitzengeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern gilt für die Ausführung des Fortuna E für eine Person, die am häufigsten gewählte Variante. Die Rückbank dient hier als Stauraum für Gepäck oder Einkäufe. Diese müssen bei vorgeklappter Rücklehne verstaut werden, denn über eine Heckklappe verfügt das Fahrzeug nicht. Als Alternative wird der Fortuna E als Zweiplätzer angeboten: Die mitfahrende Person nimmt auf der Rückbank Platz. Als Zweiplätzer ist das Auto auf 10 Stundenkilometer gedrosselt, und ein Kontrollschild ist nicht erforderlich. Als Extras für beide Varianten sind unter anderem eine Lenkstange wie beim Töff anstelle des Lenkrads oder eine Halterung für den Rollator erhältlich, die am Heck installiert werden kann.

Auf der Probefahrt in Liestal zieht das kleine, schmale Auto viele Blicke auf sich. Ob dafür das auffällige Design verantwortlich ist oder ob man sich an ein Kleinauto auf dem Radstreifen noch gewöhnen muss, liess sich nicht abschliessend feststellen.


Image Title

1/10

Möchten Sie weiterlesen?

Ja. Ich bin Abonnent.

Haben Sie noch kein Konto? Registrieren Sie sich hier

Ja. Ich benötige ein Abo.

Abo Angebote