«Mit dem Regime kann man nicht verhandeln»
27.03.2026 RamlinsburgEine aus dem Iran stammende Familie in der Schweiz berichtet
Die in Teheran geborenen und seit 35 Jahren in der Schweiz lebenden Geschwister Farzaneh und Farschid Bachschi und ihre Familien bangen und hoffen, dass es in ihrer Heimat zu einem politischen Wechsel kommt.
...Eine aus dem Iran stammende Familie in der Schweiz berichtet
Die in Teheran geborenen und seit 35 Jahren in der Schweiz lebenden Geschwister Farzaneh und Farschid Bachschi und ihre Familien bangen und hoffen, dass es in ihrer Heimat zu einem politischen Wechsel kommt.
Brigitte Keller
Als ihr Vater 1991 beschloss, den Iran zu verlassen, war Farzaneh Bachschi 23 Jahre und ihr Bruder Farschid Bachschi 17 Jahre alt. Ihr Vater habe sich politisch gegen das islamische Regime engagiert und sei immer wieder «verschwunden», das heisst, abgeholt und verhört worden. Jetzt ist es genug, so können wir nicht weiterleben, habe er eines Tages gesagt und beschlossen, mit der Familie aus dem Land zu flüchten.
Die Familie Bachschi, die Eltern und ihre sechs Kinder, das jüngste damals zwei Jahre alt, flüchteten über die Berge in die Türkei, von dort nach Griechenland und von da weiter mit dem Zug bis nach Zürich. Dort hätte ein Vermittler bereitstehen sollen mit Pässen und Flugtickets nach Kanada, wo bereits ein Verwandter lebte. Doch der Fluchthelfer tauchte nicht auf und die Bachschis blieben als Flüchtlinge in der Schweiz.
1994 kam die Familie nach Ramlinsburg, wo sie sich mittlerweile längst zu Hause fühlt und auch eingebürgert ist. Viele ihrer Verwandten leben aber in Teheran. Eine Kommunikation mit ihnen ist zurzeit kaum bis gar nicht möglich, da Internet und Festnetztelefone von der Regierung abgestellt wurden.
Die «Volksstimme» wollte von den Geschwistern wissen, was sie vom Angriff auf den Iran halten. Ja, das sei eine schwierige Frage – aber gleichzeitig auch eine einfache, ergreift Farschid Bachschi das Wort. «Es muss sein», denn so könne es nicht weitergehen. Er sagt, dass 90 Prozent der Bevölkerung gegen das bestehende Regime seien. Die Lage sei so schlimm, dass es Leute gebe, die sich sogar gewünscht haben, Amerika solle eine Atombombe auf ihr Land werfen. So verzweifelt seien sie. «Wie traurig ist das, wenn sich die Bevölkerung eines Landes einen Krieg herbeiwünscht, der sie ihr Leben kosten wird?»
Massaker am eigenen Volk
Familie Bachschi ist überzeugt, dass bei der blutigen Niederschlagung der Demonstrationen Anfang Januar weit mehr Menschen von den Revolutionsgarden getötet wurden, als allgemein angenommen wird. «Wir glauben, dass 100 000 Menschen, die meisten minderjährig, umgebracht wurden», meint Farschid Bachschi. «Viele Frauen und Mädchen sind auch vergewaltigt worden und die Sicherheitskräfte sind sogar in die Spitäler gegangen und haben Verwundete vor den Augen des Spitalpersonals erschossen», ergänzt Farzaneh Bachschi.
Eltern hätten Dutzende von Reissverschlüssen an Leichensäcken öffnen müssen auf der verzweifelten Suche nach ihren Kindern. Für die Herausgabe der Leichen wurden umgerechnet bis zu 3000 Franken verlangt, oder es wurde von den Angehörigen gefordert, eine Erklärung zu unterschreiben, in der sie bestätigten, dass ihr Sohn oder ihre Tochter Anhänger des Regimes war und von Terroristen erschossen worden ist.
Wie können Menschen derart schlimme Dinge tun? «Diese Leute sind alle durch permanente Propaganda manipuliert», beantwortet Farschid Bachschi diese Frage. Er habe die tägliche Gehirnwäsche als Schüler im Iran selber erlebt, als gegen den Irak und Saddam Hussein Stimmung gemacht wurde. Es sei so weit gegangen, dass er damals in den Krieg gegen den Irak ziehen wollte und bereit gewesen wäre, dafür zu sterben – als Dreizehnjähriger.
Keine Verhandlungen mit Regime
«Dieses islamische Regime ist wirklich böse», sind sich Farschid und seine Schwester Farzaneh Bachschi einig. Auch jetzt, während Krieg herrscht, würden täglich Menschen, die während den Demonstrationen verhaftet wurden, aus den Gefängnissen geholt und zur Abschreckung öffentlich hingerichtet. Und an Strassensperren würden Menschen aus ihren Autos gezerrt, beschimpft und bei einer falschen Bewegung getötet. «Das Land steht unter Beschuss und unsere Regierung hat Zeit, ihr eigenes Volk umzubringen, wie kann das sein?», fragt Farschid Bachschi. «So kann es nicht weitergehen, es muss sich etwas ändern.»
Wenn Trump und Netanjahu jetzt aufhören würden, dann werde es schlimmer als in Afghanistan, fährt er fort. «Ja, Trump ist ein ‹Diktator›», gesteht er ein, «aber im Moment lieben wir ihn und er ist der grösste Freund des iranischen Volkes.»
Verhandlungen mit den iranischen Machthabern brächten nichts, das hätten die vergangenen Jahre deutlich gezeigt. Das Geld, welches das Mullah-Regime «aus dem Westen» erhalten habe, sei nicht dem Volk zugute gekommen, sondern in die Unterstützung von islamistischen Terroristen und in den Kauf von Waffen geflossen. «Bitte hört das iranische Volk», so der Wunsch von Familie Bachschi an die Schweizer Regierung und ihre Politiker, «setzt euch aktiv für sie ein und verhandelt nicht mit den jetzigen Machthabern.»
«Wenn der Islam und alles, was er beinhaltet, so eine gute Religion ist, warum leben dann so viele dieser Glaubensrichtung in Europa und in Amerika?», fragt Farschid Bachschi rhetorisch. Auch viele Kinder iranischer Machthaber studierten bekanntermassen im Ausland und lebten dort in Saus und Braus. Mit dieser unbequemen Wahrheit wollen aber deren Väter nicht konfrontiert werden.
Die Familie Bachschi hofft, dass das Regime jetzt endlich gestürzt wird. «Seit über 40 Jahren hoffen wir», erzählen sie. Ihr Hoffnungsträger, sollte dieser Wunsch wahr werden, stünde bereit. Es ist Reza Pahlavi, der 1960 geborene älteste Sohn des letzten iranischen Schahs. Er lebt seit der islamischen Revolution 1979 und der Flucht der Familie in den USA, wo er sich als Oppositioneller und möglicher Führer für einen säkularen, demokratischen iranischen Staat positioniert hat.
«Er ist eine sehr gute Person: Er ist liberal und demokratisch, er will maximal für drei Jahre regieren und dann das Volk wählen lassen», sagt Farschid Bachschi und fügt an: «Wir schaffen das. Wir müssen das schaffen. Sonst sind alle tot.»

