Metal anstatt Schweigen
28.07.2026 BennwilLif Balogh verarbeitet mit ihrer Musik psychische Krisen und Suchterfahrungen
Lif Balogh macht mit ihrem Musikprojekt L.IF psychische Erkrankungen sichtbar und will Betroffenen Mut machen. Über ein Crowdfunding sammelt die Bennwilerin Geld für drei professionelle ...
Lif Balogh verarbeitet mit ihrer Musik psychische Krisen und Suchterfahrungen
Lif Balogh macht mit ihrem Musikprojekt L.IF psychische Erkrankungen sichtbar und will Betroffenen Mut machen. Über ein Crowdfunding sammelt die Bennwilerin Geld für drei professionelle Musikvideos.
Wendy Maltet
Die Essstörung wurde bei Lif Balogh mit 16 Jahren diagnostiziert: «Ich war ein schüchternes Mädchen und wurde oft ausgeschlossen», erzählt sie. Ausschlaggebend jedoch sei insbesondere ihre Borderline-Persönlichkeitsstörung. Eine Sucht sei in erster Linie eine Strategie, etwas auszuhalten, sagt Balogh. Bei ihr zeigte sich das zunächst in Bulimie, später in exzessivem Alkoholkonsum.
Die Therapien und stationären Aufenthalte, die folgten, hat sie in schlechter Erinnerung: «Die Medikamente waren zu hoch dosiert, ich habe mich nicht mehr gespürt.» Mit 18 brach sie die Behandlungen ab und reiste spontan für drei Monate nach Thailand. Das war ein Wendepunkt. «Ich kam nicht geheilt zurück, jedoch lebendiger, als ich gegangen bin.» Zurück in der Schweiz begann sie eine KV-Lehre und schloss diese erfolgreich ab.
«Meine Tochter rettete mich»
Als Lif Balogh 2013 zum ersten Mal schwanger wurde, änderte sich alles: «Die Schwangerschaft war unerwartet und ein richtungsweisender Moment für mich.» Von einem Tag auf den anderen trank sie keinen Alkohol mehr. Den Ess-Brech-Zirkel schaffte sie zu unterbrechen, und sie begann, Sorge zu sich zu tragen. Ihre Tochter kam gesund per Kaiserschnitt zur Welt.
Ein Jahr später absolvierte die junge Mutter eine Zweitausbildung als Zollfachfrau und damit die Aussicht auf eine gute Karriere. Nach dem erfolgreichen Abschluss erlitt sie jedoch ein Burnout. «Ich wollte damals etwas sein, was ich nicht bin.» Sie kündigte den Job, um ihre wirkliche Berufung zu finden. Fünf Jahre nach ihrer Tochter folgte der Sohn. «Bei meinem zweiten Kind habe ich meinen Körper schon viel besser gespürt. Alles war anders, weil ich mich auf die Suche nach mir selbst begab.» Doch dann kam Corona. Während der Pandemie rutschte die Bennwilerin an ihren tiefsten Punkt. Sie wollte nicht mehr leben. Diese Zeit war geprägt von Angstzuständen und Emotionslosigkeit. «Es ist schwierig, jemandem zu erklären, warum man nicht mehr leben möchte», erzählt Lif Balogh im Gespräch.
Sie wollte ihren Liebsten daher einen Abschiedsbrief hinterlassen, aber Worte allein reichten dafür nicht, es musste Musik sein, ein Song. Ohne Erfahrung stürzte sie sich in das neu gefundene Projekt und genau dieses veränderte alles. Sie nahm Gesangsunterricht und arbeitete mit grosser Leidenschaft an ihrem ersten Song «Too Weak for Myself». «Auf einmal hatte ich keine Zeit mehr, von dieser Welt zu gehen.» Aus dieser Leidenschaft entstand Schritt für Schritt ein neues Leben mit neuen Zielen.
Diese nie dagewesene Energie führte sie bald nach Hamburg, wo sie sich zum Vocal Coach ausbilden liess. Es folgte eine Ausbildung zur Keynote-Speakerin in Frankfurt und danach eine weitere Sprecherausbildung. Diese Kombination erlaubt ihr heute, unterschiedliche Menschen in verschiedenen Bereichen zu unterstützen. Neben ihrer Laufbahn als selbstständiger Coach hat sie auch an ihrer Musik weitergearbeitet.
«Diese Musik ist emotional»
Warum Metal? Diese Frage stellte die «Volksstimme» der Musikerin. Schliesslich wird dieses Genre nicht selten mit negativen Emotionen wie Hass und Aggression verbunden. Metal werde häufig falsch verstanden, meint Balogh. «Metal ist emotional und bringt die Dinge auf den Punkt. Das ist genau das, was ich wollte.» Man breche aus der Normalzone aus. Das tue auch dem Nervensystem gut.
Das Thema Mental Health spielt in ihrer Arbeit eine zentrale Rolle: «Ich möchte Menschen helfen.» Dabei müsse sie die Diagnose einer Person nicht kennen, sagt sie und betont, dass sie keine Therapeutin sei. Sie ist überzeugt, dass durch das Setzen von Zielen und das Stärken des eigenen Könnens jeder Mensch selbstbewusster werden könne, egal, mit was er kämpft. Mit ihrer Musik möchte sie unter dem Projekt L.if nun ebenfalls einen Beitrag leisten.
Mit drei neuen Musikvideos möchte Lif Balogh Einblicke in Themen wie Süchte, Depressionen und Ängste geben. «Menschen sollen sehen, dass sie nicht allein sind.» Deshalb hat sie ein Crowdfunding gestartet, das noch bis August läuft. Ziel ist die Finanzierung der Videos sowie der Aufbau von zukünftigen Bühnenshows.
Im Video zu ihrem Song «I Hate You» wird beispielsweise Bulimie thematisiert und visualisiert. «Viele denken, das sei ein Luxusproblem der Models.» Dies stimme jedoch nicht. Gerade diese Ess-Brech-Sucht sei oft geprägt von sozialem Rückzug und finanzieller Belastung. Das viele Essen für die unzähligen Ess-Brech-Anfälle müsse schliesslich immer wieder gekauft werden. Eine grosse Scham komme dazu: «Es entwickelt sich ein Versteckspiel daraus. Wenn man es zu Hause nicht machen kann, zieht man sich beispielsweise stundenlang auf öffentlichen Toiletten zurück, isst und übergibt sich abwechselnd.»
Auf die Frage, woran sie den Erfolg ihres Projekts messe, sagt Balogh: «Mir reicht es, wenn sich durch meine Musik und mein Coaching auch nur eine Person noch einmal für das Leben entscheidet.»
Heute definiert sich die Musikerin nicht über ihre Vergangenheit, obwohl ihre Suchterkrankungen nach wie vor in ihr schlummern. Rückfälle seien aber kein Versagen, sondern Teil der Heilung. Als Unternehmerin, Vocal Coach und Musikerin möchte sie Menschen ermutigen, ihre eigene Stimme zu finden, neue Perspektiven zu entwickeln und den Mut aufzubringen, den ersten Schritt zu gehen. Ihre Botschaft: «Setzt euch als Betroffene kleine Ziele und hört als Angehörige hin, ohne zu werten.»
www.lokalhelden.ch/l-ifmental-health Das Mindestspendenziel von 5000 Franken ist bereits erreicht. Wunschziel sind 10 000 Franken.

