Mein Lehrmeister hatte recht!
28.07.2026 PolitikNationalrätin SVP, Liestal/Bubendorf
Der 1. August ist für mich mehr als ein freier Tag mit «Feuerwerk». Er ist der Moment im Jahr, an dem ich innehalte und mich frage: Was hält unsere Schweiz eigentlich zusammen?
Ich bin gelernte Malerin. Als ...
Nationalrätin SVP, Liestal/Bubendorf
Der 1. August ist für mich mehr als ein freier Tag mit «Feuerwerk». Er ist der Moment im Jahr, an dem ich innehalte und mich frage: Was hält unsere Schweiz eigentlich zusammen?
Ich bin gelernte Malerin. Als Lehrtochter stand ich vor einem alten Bauernhaus, dessen Fassade für mich noch gut aussah. Ich fragte meinen Lehrmeister, weshalb wir es streichen. Er antwortete: «Eine gute Malerin wartet nicht, bis das Holz verfault. Sie erhält, was wertvoll ist.» Damals nickte ich nur. Heute, nach Jahren in der Politik, verstehe ich, was er meinte – und ich schaue die Schweiz bis heute mit den Augen einer Malerin an. Man schaut nicht zuerst auf die Farbe, sondern auf den Untergrund: Trägt das Fundament? Ist das Holz noch gesund? Gibt es Risse?
Und ehrlich gesagt: Manchmal sehe ich Risse. Wenn Menschen nicht mehr miteinander reden, sondern nur noch übereinander. Wenn das Vertrauen schwindetzwischen Stadt und Land, zwischen Generationen, zwischen Politik und jenen, die sie vertritt.
Im Baselbiet erinnert mich eine alte Tradition jedes Jahr daran, worauf es ankommt: der Banntag. Je nach Gemeinde schreiten Männer, vielerorts auch ganze Familien, gemeinsam die Gemeindegrenze ab – Schritt für Schritt, von Grenzstein zu Grenzstein. Man stapft durch Wald und über Wiesen, bleibt beim Grenzstein stehen und schaut, ob noch alles an seinem Platz ist. Für mich ist genau das der Kern des 1. Augusts: zu wissen, wo unsere Grenzen sind – und Sorge zu ihnen zu tragen.
Unsere Schweiz ist wie ein Baum gewachsen: nicht gerade und makellos, sondern mit Zeit und Widerstand. Vor 735 Jahren schlossen sich mit dem Bundesbrief von 1291 drei Talschaften zusammen, nicht weil sie mussten, sondern weil sie wollten. Sie versprachen sich gegenseitigen Beistand und legten einen Grundsatz fest, der bis heute gilt: Was unser Land betrifft, darüber entscheiden wir selbst.
Frei bleibt, wer selbst bestimmt, wer bei ihm das Sagen hat. Keine fremden Richter, keine fremden Vögte, die von aussen kommen und uns vorschreiben, wie wir unser Land zu führen haben. Für mich ist das ein Wert, der nicht selbstverständlich ist und für den es sich einzustehen lohnt.
Zu oft gewöhnen wir uns daran, für jedes Problem zuerst nach Bern zu schauen, statt selbst anzupacken. Doch eine Gemeinde wird nicht stark, weil der Staat sie stark macht. Sie wird stark, weil Menschen selbst Verantwortung übernehmen. Auch das gehört für mich zum 1. August: nicht warten, bis es jemand anderes für uns tut.
Der 1. August ist für mich auch ein Tag der Dankbarkeit. Gegenüber allen, die vor uns kamen. Wir dürfen heute in der freien Schweiz leben, weil Generationen bereit waren, Verantwortung für dieses Land zu übernehmen und seinen Weg selbst zu bestimmen. Dafür bin ich von Herzen dankbar.
Am nächsten Banntag, wenn irgendwo im Kanton wieder Hände auf Grenzsteine gelegt werden, umrahmt von den Banntag-Schützen, denke ich daran: Genau darum geht es am 1. August: Verantwortung zu übernehmen für das, was uns anvertraut wurde.
Bewahren, was wir lieben – nicht aus Angst vor Veränderung, sondern aus Respekt vor dem, was unsere Schweiz stark gemacht hat. Die Schweiz gehört uns. Nicht Bern. Nicht Brüssel.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

