Mehr Wahl auf dem Weg zum Bauernberuf
13.08.2026 Sissach20 Lernende am Ebenrain gehören zum ersten Jahrgang der neu ausgerichteten Ausbildung
Die Landwirtschaftslehre wird neu ausgerichtet: Die 20 Lernenden, die am Ebenrain in Sissach ihre Ausbildung begonnen haben, gehören zum ersten Jahrgang im neuen System. Dieses setzt auf eine breite Grundausbildung und eine spätere Spezialisierung.
Elmar Gächter
Rund 1000 Lernende beginnen in diesen Tagen ihre landwirtschaftliche Ausbildung, um das eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ) als Landwirtin oder Landwirt zu erwerben. Ihr Weg unterscheidet sich etwas von dem ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger. Der Lehrgang umfasst neu zwei gemeinsame Jahre sowie ein drittes Jahr mit einer wählbaren Fachrichtung. Optional kann im Rahmen eines freiwilligen vierten Lehrjahrs eine zweite Fachrichtung belegt werden.
Zur Auswahl stehen den Lernenden Ackerbau, Rindviehhaltung, Geflügelhaltung, Schweinehaltung, biologischer Pflanzenbau sowie Alp- und Berglandwirtschaft als Fachrichtungen. In den ersten beiden Jahren wird weiterhin eine allgemeine Ausbildung angeboten. Ziel dieser Revision ist es, besser auf die Vielfalt des Lands und die rasante Entwicklung der Landwirtschaft zu reagieren. Der Schwerpunkt soll stärker auf Nachhaltigkeit, Betriebswirtschaft, Kommunikation und digitale Technologien gelegt werden.
Laut dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, das die Revision verabschiedet hat, müssen sich junge Bauern und Bäuerinnen auf Neues einstellen, künftig noch flexibler werden und auf die neuen politischen Rahmenbedingungen der Landwirtschaft im Rahmen der Agrarpolitik 2030+ reagieren können.
Leandra Guindy leitet die Abteilung Bildung und Beratung beim Ebenrain Zentrum. Zusammen mit ihrem Team konnte sie 20 Lernende, darunter sieben Frauen, zu ihrem ersten Schultag als angehende Landwirtinnen und Landwirte begrüssen. Sowohl der Ebenrain als auch der Bauernverband beider Basel (BVBB) waren in das Revisionsverfahren involviert. «Uns war vor allem wichtig, dass sich der Schulstoff verstärkt an der Handlungskompetenz orientiert. Theoretisches Wissen ist gut, die Anforderung besteht darin, es in der Praxis anwenden zu können», betont Guindy.
Lernende aus anderen Kantonen
In den ersten beiden Lehrjahren stehen Grundkompetenzen in Pflanzenbau (inklusive biologischer Landbau) und Tierhaltung im Mittelpunkt; für das dritte Lehrjahr entscheiden sich die Lernenden für eine Fachrichtung. Am Ebenrain werden die Fachrichtungen Rindviehhaltung und biologischer Pflanzenbau angeboten.
Wählt ein Lernender eine andere Fachrichtung, verschiebt sich der Schulort zu einer anderen landwirtschaftlichen Ausbildungsstätte, etwa zum Bildungszentrum Wallierhof im Kanton Solothurn oder zum Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg im aargauischen Gränichen. Im Gegenzug besuchen Lernende aus diesen Institutionen zum Teil am Ebenrain angebotene Fachrichtungen in Sissach.
Mit diesen Einrichtungen pflegt der Ebenrain seit Langem einen intensiven Austausch bei Wahlfächern. Insgesamt umfasst die neue Ausbildung 1500 statt 1600 Lektionen, die sich linear auf die drei Lehrjahre verteilen. Der Stundenplan wird im dritten Lehrjahr angepasst: Statt der Vollzeitschule über sechs Wintermonate sind künftig zwei Schultage pro Woche vorgesehen. Für die rund 40 Lernenden, die in das zweite und dritte Lehrjahr gestartet sind, ändert sich nichts; ihre Übergangszeit läuft noch im alten System aus.
In der Vernehmlassung zur Revision löste das vierte Lehrjahr grössere Diskussionen aus. Während Kantone mit grossen Betrieben ein Obligatorium begrüssten, sprach sich der BVBB kritisch dagegen aus. «Wir hätten allerdings eine Koppelung an die Betriebsgrösse als gut erachtet. Im Baselbiet gibt es viele kleinere Betriebe und Nebenerwerbsbetriebe. Ein obligatorisches viertes Lehrjahr wäre für sie eine zu grosse Belastung. Mit dem Kompromiss bleibt die Möglichkeit, Kenntnisse individuell und mit Eigenverantwortung zu vertiefen», sagt Claudia Brodbeck, Vizepräsidentin des BVBB und Präsidentin der Bildungskommission im kantonalen Verband.
Sowohl sie als auch Leandra Guindy erwarten allerdings keinen grossen Ansturm auf ein viertes Lehrjahr. «Nach drei Jahren Lehrzeit freiwillig noch ein zusätzliches Jahr anzuhängen, erfordert grosse Motivation. Wir bieten Interessierten diese Option an. Sie können alle Fachrichtungen wählen, nur finden nicht alle bei uns am Standort statt», so Guindy.
Die grössten Vorteile der neuen Ausbildung sieht die Schulleiterin in der breit angelegten und anwendungsorientierten Grundausbildung der ersten beiden Lehrjahre. Die Spezialisierung im dritten Lehrjahr bewertet sie eher kritisch: «Die Lernenden sind jung und die Basisausbildung sollte breit und offen bleiben. Mit der Spezialisierung geht die Breite etwas verloren und wichtige Themen geraten möglicherweise aus dem Blick».
Claudia Brodbeck hebt hervor, dass jeder Lernende das lernen kann, was auf ihn und den Betrieb zugeschnitten ist. Wichtig sei die Durchlässigkeit der Ausbildung. «Mit unserem Modell, das schweizweit gilt, kann jeder Lernende problemlos den Schulort wechseln. Allerdings geraten betriebswirtschaftliche Aspekte im neuen Lehrplan etwas in den Hintergrund, so wird das Thema Arbeitsumfeld mit Buchhaltungsfragen auf die Weiterbildungsstufe verschoben.»
Für beide ist klar, dass für die Führung eines landwirtschaftlichen Betriebs eine Weiterbildung in Form eines Betriebsleiterkurses oder einer Meisterprüfung künftig noch unverzichtbarer wird.

