Mehr Fitness-Abos als Vereinsmitglieder
05.11.2026 SportErstmals mehr Fitness-Abos als Vereinsmitglieder
53 Prozent der Baselbieterinnen und Baselbieter treiben sehr aktiv Sport. Sie bewegen sich aber mehrheitlich ausserhalb der Vereinsstrukturen. Da der Nachwuchs weiterhin in die Vereine strömt, kommt es dort zu personellen ...
Erstmals mehr Fitness-Abos als Vereinsmitglieder
53 Prozent der Baselbieterinnen und Baselbieter treiben sehr aktiv Sport. Sie bewegen sich aber mehrheitlich ausserhalb der Vereinsstrukturen. Da der Nachwuchs weiterhin in die Vereine strömt, kommt es dort zu personellen Engpässen.
Sebastian Wirz
«Der Sportverein hat seine Vormachtstellung als Sportanbieter verloren.» So lautet eine der griffigsten Aussagen der Studie «Sport im Kanton Basel-Landschaft 2026», deren Resultate Markus Lamprecht gestern in Liestal vorgestellt hat. Der Verwaltungsratspräsident der Lamprecht und Stamm Sozialforschung und Beratung AG, deren Schweizer Sportobservatorium die schweizweite Studie mit 15 000 Befragten sowie die Baselbieter Teilstudie mit 854 Personen durchgeführt hat, zog grundsätzlich ein positives Fazit: 53 Prozent der Baselbieterinnen und Baselbieter über 15 Jahren treiben mehrmals pro Woche insgesamt mindestens drei Stunden Sport.
Der Anteil der «sehr aktiven Sporttreibenden» sei seit der ersten Studie 2008 stets gestiegen. Die Datenerhebung alle sechs Jahre lässt einen Vergleich mit der Vergangenheit sowie mit dem Rest der Schweiz zu. Das Baselbiet, in dem die verschiedenen Regionen insgesamt in etwa gleich aktiv sind, bestätigt hierbei mehrheitlich die nationalen Trends, schert aber teilweise aus. So gibt es im Kanton kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern, während im gesamtschweizerischen Vergleich die Männer sportlich aktiver sind.
Ein Trend, der sich in den vergangenen Jahren akzentuiert hat, ist die Zunahme des «unorganisierten» Sports. 46 Prozent der Befragten im Baselbiet gaben an, Sport zu treiben, ohne Mitglied eines Sportvereins oder Fitnesscenters zu sein. So führen weiterhin Wandern, Radfahren und Joggen die Rangliste der beliebtesten Betätigungen an. Dahinter folgt neu Krafttraining, das im Vergleich zur Studie 2020 mit Abstand die deutlichste Zunahme verzeichnet, vor den grössten «Verlierern» der vergangenen Jahre: Gut 16 respektive fast 14 Prozentpunkte haben Schwimmen und Skifahren eingebüsst.
Weniger Leiter für mehr Kinder
Bei der Erhebung der Motivation, Sport zu treiben, zeigt sich, dass die Vorstellung der wettkampforientierten Leistungssportlerin oder des geselligen Feierabendturners wenig mit den Ergebnissen dieser Studie zu tun hat: Gesundheit, Fitness, Freude an der Bewegung und die Tatsache, draussen in der Natur zu sein, führen die Rangliste hier an. Erst ganz am Ende finden sich Beweggründe wie «etwas in der Gruppe unternehmen», «sich mit anderen messen» oder «an Wettkämpfen teilnehmen».
Doch genau in diesem Bereich liegt die Stärke von Sportvereinen.
Entsprechend beträgt der Anteil der Personen über 15 Jahren, die aktive Mitglieder in einem Sportverein sind, nur noch 17 Prozent. «Das macht mir Sorgen», sagte Markus Eigenmann gestern. Der Vorsteher der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion zeigte sich von der deutliche Abnahme dieses Werts um 8 Prozentpunkte seit 2020 überrascht. Erstmals sind im Kanton mehr Menschen über 15 Jahren Mitglied in einem Fitnesscenter als in einem Sportverein.
In den Bezirken Sissach und Waldenburg haben die Sportvereinsmitglieder (18 Prozent) noch die Oberhand, während die Fitnessstudios im Unterbaselbiet deutlich stärker sind. Darauf darf sich das Oberbaselbiet aber nichts einbilden: Die Vereine sind nicht stärker, weil sie prozentual mehr Mitglieder hätten als jene im Unterbaselbiet (Arlesheim: 19 Prozent), sondern weil deutlich weniger Menschen als im Unterbaselbiet im Fitnesscenter trainieren. Ihre Quote beträgt in Sissach/Waldenburg lediglich 15 Prozent, während sie im Bezirk Arlesheim 28 Prozent beträgt.
Mit dem Rückgang der Mitgliederzahlen ist auch das freiwillige Engagement für den Sport zurückgegangen – nicht wegen einer nachlassenden Bereitschaft der Aktiven selbst, sondern durch die geschrumpfte Mitgliederbasis. Es bleiben somit weniger Schultern übrig, welche die Lasten der Vereinsarbeit tragen, während der Zulauf beim Nachwuchs ungebremst ist. Dies hat zur Folge, dass sich immer weniger Erwachsene auf den Sportplätzen und in den Hallen um immer mehr Kinder kümmern müssen.
Vereinssterben bleibt aus
«Wir wollen auf den Rückgang bei den Mitgliedschaften und bei der Freiwilligenarbeit reagieren», sagte Sportamtleiter Thomas Beugger, als er die Schlüsse aus der Studie zog. Die Massnahmen in diesem Bereich betreffen primär die Beratung der Vereine, eine «Woche der offenen Vereinstüren» sowie eine Optimierung der finanziellen Beitragsleistungen.
Die Sportvereine mögen ihre «Vormachtstellung als Sportanbieter» verloren haben, doch schwarzmalen wollte an der Medienkonferenz in Liestal niemand. Studienleiter Lamprecht erinnerte daran, dass Medien schon nach einer ersten Studie zu den Schweizer Sportvereinen 1996 das grosse «Vereinssterben» ausgerufen hätten. «Dafür haben sich die Vereine sehr gut gehalten in diesen 30 Jahren», sagte Lamprecht und lachte. Besonders im Baselbiet sei die prognostizierte abnehmende Tendenz sehr lange kaum zu beobachten gewesen, in den vergangenen Jahren gebe es nun einen klaren Rückgang. «Ich denke nicht, dass dieser so weitergeht», stellte Lamprecht zum Abschluss klar, «aber die Vereine werden wegen der Konkurrenz durch private und freie Angebote schon Mühe haben.»

