Mehr als nur ein Schuss
06.11.2026 GelterkindenMit der Jagdgesellschaft unterwegs im heimischen Wald
Ein kalter Wind zieht durch die Äste, im Unterholz arbeiten die Hunde, auf Drückjagdböcken warten Jäger. Wer die Jagdgesellschaft Gelterkinden begleitet, erlebt Natur, Kameradschaft und Respekt.
...Mit der Jagdgesellschaft unterwegs im heimischen Wald
Ein kalter Wind zieht durch die Äste, im Unterholz arbeiten die Hunde, auf Drückjagdböcken warten Jäger. Wer die Jagdgesellschaft Gelterkinden begleitet, erlebt Natur, Kameradschaft und Respekt.
Daniel Aenishänslin
Das Reh liegt auf Tannenästen gebettet vor den Jägern, der Treiberin und den Treibern. Einen Zweig, die Jäger nennen ihn den letzten Bissen, im Maul. Die Hüte werden abgenommen. Drei Jagdhornbläser spielen «Reh tot». Die Jagdgesellschaft Gelterkinden erweist dem erlegten Tier die letzte Ehre.
Es ist ein stiller Augenblick nach einer Gesellschaftsjagd, die Stunden zuvor mit dem Anhornen begonnen hat und deren Ablauf klaren Regeln folgt. Zwischen Oktober und Ende Dezember führt die Jagdgesellschaft vier bis sechs solcher Jagden durch. Dann ist die ganze Gesellschaft auf den Beinen, unterstützt von Gästen sowie einer Treiberin und mehreren Treibern. Insgesamt sind 28 Jäger beteiligt.
An diesem Samstag stehen zwei Triebe auf dem Programm. Sie führen durch die Gebiete Rütenberg, Scheidegg und Zangengraben. Die beiden Jagdleiter Vlado Bukejlovic und Sandro Jaisli haben den Ablauf sorgfältig vorbereitet. Jeder kennt seine Aufgabe. Während die Treiber mit ihren Hunden durchs Unterholz streifen und das Dickicht durchkämmen, beziehen die Jäger ihre Drückjagdböcke oder warten an ausgewählten Ständen im Wald – dort, wo das Wild regelmässig wechselt. Rehwild und Schwarzwild stehen im Fokus, ebenso Fuchs und Dachs.
Christoph Bitterlin ist einer der Treiber. Er kennt den Gelterkinder Wald seit seiner Kindheit. Und doch überrascht ihn das Gelände immer wieder. Wer sich nur 20 Meter von den Wegen entferne, betrete eine andere Welt. «Da kannst du den Wald in allen drei Dimensionen neu erleben», sagt er.
Die Treiber achten darauf, dass sie einander sehen oder hören können. Nur gelegentlich machen sie Lärm, damit das Wild sie möglichst schlecht orten kann. Die körperliche Herausforderung gehört für Bitterlin dazu. Nach einer Treibjagd sei er durchgeschwitzt und müsse das T-Shirt unter der warmen Jacke wechseln.
Muss ein erlegtes Tier durch den Wald an eine vereinbarte Stelle getragen werden, achten die Treiber drauf, dass dessen Haupt getragen und nicht über den Boden geschleift wird. «Dieser Respekt muss sein.»
«Ruhe, die du sonst nie erlebst»
Jagdleiter Sandro Jaisli steht auf einem Drückjagdbock, einem kleinen Hochstand mitten im Wald, und hält die Umgebung im Blick. Es ist kühl. Der Wind streicht durch die Äste, aus der Ferne dringen die Laute der Jagdhunde herüber. Jaisli hält einen Drilling in den Händen, eine Jagdwaffe mit zwei Schrotläufen und einem Kugellauf. Welche Munition zum Einsatz kommt, hängt vom Wild und der konkreten Situation ab: das Schrot für Reh, Fuchs und Dachs, die Kugel für die Sau.
Auch die Einzeljagd schätzt Jaisli. Jagd sei immer ein Naturerlebnis. Besonders eindrücklich sei es nachts, wenn Schnee liege und sich eine besondere Stille über das Revier lege. «Eine unglaubliche Ruhe, die du sonst nie erlebst.»
Rund um den Drückjagdbock, auf dem Sandro Jaisli steht, bleibt es erstaunlich ruhig – obwohl diese Form der Jagd als «laute Jagd» bezeichnet wird. Auf dem Weg oberhalb von ihm joggen zwei Frauen vorbei. Später ziehen zwei Jagdhunde durch das Gebiet, ein Rehbock taucht auf. Jaisli lässt ihn ziehen. Er schiesst nicht.
Bevor ein Jäger den Abzug betätigt, muss er sich über mehrere Dinge im Klaren sein: Ist es ein Tier, das zum Abschuss freigegeben ist? Ist der Kugelfang gewährleistet? Der Schuss muss sicher sein, sein Verlauf berechenbar. Niemals schiesst ein Jäger einfach auf Verdacht ins Dickicht. Zu gross wäre das Risiko, Menschen zu gefährden.
Auch während der Gesellschaftsjagd bleibt der Wald für die Öffentlichkeit zugänglich. An den Waldeingängen weisen Schilder mit der Aufschrift «Achtung Jagd!» auf das Geschehen im Wald hin. «Aber gefährlich wird es für die Menschen im Wald nicht», sagt Jaisli.
«Passion, die du in dir trägst»
Das Mittagessen kommt vom Grill: Schweinesteaks, Bratwürste und Brot. Die Jagdgesellschaft versammelt sich auf dem Aserplatz, wo in der Mitte ein grosses Feuer brennt und Wärme spendet. Während die Jäger essen und sich austauschen, gehen Spaziergänger vorbei und grüssen.
Mit am Tisch sitzt André Hasler, Präsident der Jagdgesellschaft Gelterkinden. «Jäger sein – das ist eine Passion, die du in dir trägst», sagt er. Das eigentliche Schiessen mache höchstens 5 Prozent der Tätigkeit aus. Vielmehr sei die Jagd aktiver Naturschutz. Dazu gehöre, die Pflanzen- und Tierwelt des Waldes genau zu kennen. Nicht umsonst werde die Jagdausbildung auch als die «grüne Matura» bezeichnet.
Hasler betont, dass in der Jagdgesellschaft niemand schiesswütig sei. Jeder Schuss koste Überwindung und werde nicht leichtfertig abgegeben. «Hast du ein Tier geschossen, denkst du nochmals darüber nach, was du getan hast», sagt er. Man halte einen Moment inne und erweise dem Tier die letzte Ehre. «Wir sind uns bewusst, dass wir einem Tier das Leben nehmen. Trotzdem begegnen wir ihm mit Respekt.»
Wie viele Tiere erlegt werden dürfen, ist keine spontane Entscheidung. Im Frühling wird der Wildbestand geschätzt. Anschliessend setzen sich Landwirtschaft, Jägerschaft, Forst und Gemeinde zusammen und vereinbaren gemeinsame Ziele. Die Abschusszahlen werden dem Kanton vorgelegt, der sie genehmigen oder anpassen kann.
Hinter diesem Vorgehen steht ein ökologischer Gedanke: Wildbestände sollen in einem Verhältnis zu ihren Lebensräumen stehen, das sowohl den Tieren als auch dem Wald und der Landwirtschaft gerecht wird. Ein zu hoher Bestand kann Verbissschäden an jungen Bäumen und Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen verursachen. Wo sich Bestände ungünstig entwickeln, können ausserdem Krankheiten und eine genetische Verarmung zum Problem werden.
Die eigene Sprache
Für ihre Arbeit pflegen die Jägerinnen und Jäger eine eigene Sprache, die sogenannte Jägersprache. Sie umfasst heute noch rund 6000 Begriffe, früher sollen es doppelt so viele gewesen sein. Wie fremd sie für Aussenstehende klingen kann, zeigt ein Beispiel: «Die Sau steht im Gebrech und bricht mit dem Gebrech.» Übersetzt heisst das: Das Wildschwein steht auf einem Feld und wühlt mit seiner Schnauze im Boden.
Der Nachmittag gehört dem zweiten Trieb. Sandro Jaisli bezieht diesmal einen anderen Stand im Wald. An seiner Seite ist nun sein Rüde Amo, ein Deutscher Wachtelhund. Jaisli schickt ihn auf Fährtensuche und verfolgt seine Bewegungen über GPS. Auch vor dem uralten Handwerk der Jagd macht die moderne Technik nicht halt.
Die Jäger sind zurück auf dem Aserplatz. Heute wurde nur ein Tier erlegt. Einer macht sich an die «rote Arbeit»: Er nimmt das Wild aus, während die anderen Jäger und die Treiber am Aserfeuer zusammenstehen. Man spricht über Gott und die Welt. Über Künstliche Intelligenz und die Traumata ukrainischer Soldaten. Einer lobt die Personalpolitik eines Baselbieter Unternehmens oder fragt sich, was man eigentlich von der US-Politik halten soll. Alles weit weg von Wald und Jagd.
Einige Minuten später. Jäger, Treiberin und Treiber haben sich vor dem toten Tier versammelt. Sie ziehen die Hüte und verharren für einen Moment in Stille, während die drei Jagdhornbläser «Reh tot» spielen. Es ist ein gemeinsames Ritual, eine letzte Ehrerweisung an das Tier. Und ein Zeichen des Respekts, der für die Jagdgesellschaft nicht mit einem Schuss endet.


