Manche Tage sind ein Kampf
04.06.2026Der Wecker klingelt, alles klemmt und zwickt, ich bringe kaum die Augen auf. Ich fühle mich schlapp und müde, mein Darmmanagement vom Vortag ging bis spät in die Nacht. Die Schulter schmerzt ein wenig, das Training gestern und das Wäscheaufhängen sind deutlich zu ...
Der Wecker klingelt, alles klemmt und zwickt, ich bringe kaum die Augen auf. Ich fühle mich schlapp und müde, mein Darmmanagement vom Vortag ging bis spät in die Nacht. Die Schulter schmerzt ein wenig, das Training gestern und das Wäscheaufhängen sind deutlich zu spüren, gleichzeitig nervt es mich, dass die Heilung der Schulter so langsam voranschreitet. Der Bauch ist aufgewühlt. Ich hätte keine Hülsenfrüchte essen sollen, ich weiss doch, dass ich sie nicht gut vertrage. Ich habe so keine Lust. Am liebsten würde ich den ganzen Tag im Bett bleiben und in Ruhe gelassen werden.
Nein, das werde ich nicht tun. Es ist mir klar: Erst mit Bewegung bringe ich die Situation in Bewegung. Bliebe ich liegen, gäbe ich ihr nicht einmal die Chance, sich zu verändern. Und ja, vielleicht werde ich heute nur kleine Schritte machen. Trotzdem werden es Schritte sein, die mich weiterbringen.
Eine gute Entscheidung. Die Therapie und das Training danach tun gut. Durch Bewegung wird alles ein bisschen geschmeidiger und nebenbei werden hilfreiche Glückshormone ausgeschüttet. Der Körper wird warm, die Gelenke geschmiert. Die weiteren Termine des Tages folgen, manches gelingt, anderes gar nicht. Im Hinterkopf halte ich mich bei Laune und sage mir: «Probiere es, gib dem Tag eine Chance.»
Heute ist der Zug besonders voll, von allen Seiten werde ich angerempelt. Jemand fragt mich fordernd, warum ich im Rollstuhl sitze. Ich beantworte die Frage freundlich, aber knapp. Die Heidelbeeren meines Einkaufs verteilen sich in der gesamten Tasche. Ich atme tief und langsam durch: «Ist nicht schlimm. Und du bist auch nicht im Weg. Vielleicht bist du lediglich ein wenig dünnhäutig, und das ist okay.»
Zurück zu Hause tue ich etwas für die Regeneration, ich nehme mir Zeit zu dehnen, daneben trinke ich eine Tasse Tee. Wie erholsam! Vielleicht sind es die Hormone. Vielleicht der Schlaf, das falsche Essen, die fehlende Energie. Doch wenn ich möchte, werde ich immer eine Entschuldigung finden, liegen zu bleiben. Nicht immer, aber manchmal ist Loslegen und Ausprobieren die beste und hilfreichste Therapie. Mit der Bewegung kommen die Energie, die Motivation und auch das gute Gefühl zurück.
Am Abend schaut eine Freundin vorbei. Auch sie hatte heute einen schwierigen Tag. Wir tauschen uns darüber aus, nehmen uns in den Arm und lachen schliesslich darüber. Vor ein paar Stunden hätten wir beide dieses Treffen am liebsten abgesagt. Nun fühlen wir uns aber voneinander gesehen und verstanden.
Ich gehe zufrieden ins Bett. Es war kein einfacher Tag. Aber es war ein guter Tag.
Romy Tschopp
Vom Rollstuhl aufs Snowboard: Die Sissacherin Romy Tschopp (1993) ist die erste Schweizer Para-Snowboarderin, die an Paralympischen Spielen teilnehmen konnte. Sie wurde 2023 Vizeweltmeisterin im Snowboardcross.

