«‹Läufelfingerli› vollständig automatisieren»
28.04.2026 RickenbachMatthias Handschin über Chancen und Grenzen des automatischen Bahnfahrens
Die Automatisierung der Bahn kommt voran – doch die Schweiz zögert. Experte Matthias Handschin plädiert für mutige Pilotprojekte und sieht im «Läufelfingerli» eine ideale ...
Matthias Handschin über Chancen und Grenzen des automatischen Bahnfahrens
Die Automatisierung der Bahn kommt voran – doch die Schweiz zögert. Experte Matthias Handschin plädiert für mutige Pilotprojekte und sieht im «Läufelfingerli» eine ideale Strecke für den nächsten Schritt.
Lorenz Degen
Herr Handschin, wo steht das automatische Fahren derzeit?
Matthias Handschin: Die Industrie hat technische Lösungen entwickelt, die ein Fahren auf Stufe GoA2, also eine durch Fahrpersonal überwachte automatische Fahrweise, erlauben, neuerdings in der Schweiz zwischen Liestal und Waldenburg und bei der Südostbahn. Das ist eine gute Ausgangslage, um Daten und Erfahrungen zu sammeln. Aktuell fährt die Automatik sicher und zuverlässig. Damit sie auch energiesparend fährt, muss sie noch optimiert werden. Und mit geübtem Fahrpersonal, das «von Hand fährt», reist man zurzeit noch deutlich komfortabler.
Welche Bahnen sind hier führend?
Die Metro m2 in Lausanne fährt bereits seit 2008 vollautomatisch und unbegleitet. Ziel der Baselland Transport AG (BLT) ist es, die Waldenburgerbahn bis 2030 auch auf dieses Niveau von GoA4 zu heben. Damit würde die Vision von Andreas Büttiker, dem ehemaligen Direktor der BLT, Wirklichkeit. Dies wäre dann eine Pionierstrecke der «Automatic Train Operation» (ATO) bei Trams und Bahnen. Die Appenzeller Bahnen wollen die Zahnradbahn von Rheineck nach Walzenhausen vollständig automatisieren, die Planungen laufen. Und die Südostbahn probt automatisches Fahren auf gewissen Abschnitten.
Führt eine Etappierung zu grossen Nachteilen?
Nein, ich sehe es als sinnvoll an, die Schritte nacheinander zu machen. Nur darf man nicht stehenbleiben. GoA2 zu realisieren und sich damit zu begnügen, wäre absurd. Da haben weder der Kunde noch die Bahn einen längerfristigen Vorteil. Denn das automatische Fahren soll den Betrieb nicht nur stabiler, sondern auch kostengünstiger machen, weil kein Fahrpersonal mehr nötig ist. Wobei: Auch die automatische Bahn fährt mit Personal!
Wie meinen Sie das?
Während bei überschaubaren Verhältnissen der unbegleitete automatische Betrieb möglich ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass man die Reisenden bei einer Störung irgendwo auf der Strecke einfach sich selbst überlässt. Da braucht es Bahnpersonal vor Ort, und so kann das automatische Fahren im Regionalverkehr das Zugspersonal wieder an Bord bringen. Es ist zuallererst für die Kunden da und hilft Fahrgästen. Bei Störungen kann es diese beheben oder bei ausgefallener Automatik den Zug mit reduzierter Geschwindigkeit bis zur nächsten Haltestelle fahren.
Das wäre ein grosser Wandel in der Betriebskultur.
Wie soll dieser gestaltet werden?
Wichtig ist es, das Personal von Anfang an einzubeziehen und Ängste abzubauen. Niemand soll seinen Job verlieren. Es muss Umschulungsmöglichkeiten geben und Perspektiven. Da ich von einer Umstellungszeit von 30 Jahren für das ganze Netz in der Schweiz ausgehe, wird es keinen brutalen Schnitt geben, sondern eine langsame Entwicklung. Damit wird es für das Fahrpersonal, das nur fahren will, noch lange entsprechende Stellen geben. Vor rund 35 Jahren hatten wir eine ähnliche Entwicklung, als die Regionalzüge Schritt für Schritt ohne Zugspersonal gefahren wurden. Es gab einen grossen Aufschrei, war bald völlig normal und entlassen wurde niemand.
Was ist nötig, damit das automatische Fahren realisiert werden kann?
Seitens der Bahnen braucht es eine klare Vision: Was streben wir an? Bislang sind die meisten Bahnen diesbezüglich sehr zurückhaltend, denn die Politik finanziert den Regionalverkehr, es gibt keinen Grund, automatisches Fahren einzuführen. Ich wäre dafür, dass die Politik Anreize für Innovationen schafft, um die Bahn konkurrenzfähig zu halten gegenüber der Strasse. Dann sollen Fahrzeuge, die heute bestellt werden, zumindest fähig sein, automatisches Fahren zu ermöglichen. Eine nachträgliche Umrüstung wird immer teurer sein. Und schliesslich muss das Bundesamt für Verkehr die Regeln entsprechend anpassen beziehungsweise neu einführen.
Welche Entwicklungen sehen Sie denn aktuell auf der Strasse?
Die Strasse wird die Bahn überholen, wenn wir nicht handeln! Wenn Autos heute bereits «Augen» haben, also Sensoren, die Hindernisse erfassen, lenken, Geschwindigkeiten regulieren, dann muss dies auch bei der Bahn möglich sein. Sonst erscheint das System Bahn in zehn Jahren als völlig veraltet. Es ist wichtig, den technischen Anschluss nicht zu verpassen und neue Möglichkeiten zu nutzen.
Was wäre Ihr Rat für die Zukunft?
Im öV in der Schweiz agieren der Bund und die Kantone, die Verkehrsunternehmen, die Industrie und die Behörden. Es braucht einen gemeinsamen Willen aller. Verbesserungen und Innovationen gelingen nur, wenn diese Gruppen zusammenarbeiten. Eine Stärke des öV in der Schweiz ist, dass dies bei uns recht gut gelingt. Ich bin also optimistisch, dass das automatische Fahren kommen wird.
Was wäre Ihr Traum?
Das «Läufelfingerli» vollständig zu automatisieren und als Pilotstrecke für automatisches Fahren zu nutzen! Warum nicht einen Betrieb mit Zugbegleitung auf dieser Strecke ausschreiben? Die Bahn, die dafür bereit ist, wird gewinnen.
Zur Person
ld. Matthias Handschin (67), Bürger von Rickenbach, wuchs in verschiedenen Orten der Schweiz und Deutschlands auf. Beruflich war der Elektroingenieur ETH immer im Bahnbereich tätig, unter anderem auch in Südafrika. Heute betreibt er die Firma Rail Consult GmbH, die Beratungen im Bereich Eisenbahntechnik anbietet. Handschin lebt mit seiner Frau in Liebefeld bei Bern.

