Lemuren, Ylang-Ylang und eine russische Flotte
21.07.2026 SissachGeschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 4
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell nimmt uns in seiner Serie mit auf eine Reise durch den Indischen Ozean. In Teil vier landet er auf Nosy Bé, der «Grossen Insel» Madagaskars, die Lemuren, Gewürze und eine vergessene ...
Geschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 4
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell nimmt uns in seiner Serie mit auf eine Reise durch den Indischen Ozean. In Teil vier landet er auf Nosy Bé, der «Grossen Insel» Madagaskars, die Lemuren, Gewürze und eine vergessene Kriegsgeschichte bereithält.
Hanspeter Gsell
Nosy Bé heisst nichts anderes als «Grosse Insel» – angesichts ihrer bescheidenen Fläche von rund 320 Quadratkilometern ein etwas weit hergeholter Name. Die Insel liegt vor der Nordwestküste Madagaskars, rund 110 000 Menschen leben hier. Der Hauptort heisst Andoany, ist aber bis heute besser unter seinem kolonialen Namen Hell-Ville bekannt. Die Franzosen besetzten Nosy Bé 1841 und benannten den Ort nach Admiral Louis de Hell. Mit der Hölle hat der Name also nichts zu tun.
Ylang-Ylang
Nosy Bé wurde durch vulkanische Aktivitäten geformt; zahlreiche Krater und Kraterseen zeugen noch heute davon. Nach lokaler Überlieferung leben in einigen dieser Seen Krokodile – ein Badevergnügen also höchstens für Unerschrockene. Die Kraterseen gelten der Bevölkerung als Heimat ihrer Ahnen und sind deshalb heilig. Je nach Ort gelten unterschiedliche «Fadys» (Verbote): Besucher sollen sich den Seen oft barfuss nähern, auf Kopfbedeckungen verzichten und die örtlichen Traditionen respektieren.
Nach einer kurzen Überfahrt werden wir zum Hafen gebracht und von dort in einem kleinen Bus zu einem Hotel in Hell-Ville gefahren. Dutzende einheimischer Führer umringen uns sofort. Nach Rücksprache mit einem Vertreter der Reederei entscheiden wir uns für Abdul. Unsere Anweisungen sind klar: keine Verwandtenbesuche, keine Stopps in Abzockläden, keine Museen oder Fabriken. Wir wollen nur eines sehen: Lemuren.
Mit Abdul fahren wir zum Lemuria-Park ausserhalb von Hell-Ville. Felder mit Ylang-Ylang, Reis, Kokospalmen und Zuckerrohr säumen unseren Weg.
Ylang-Ylang stammt ursprünglich aus Südostasien und wird heute auch auf Nosy Bé kultiviert. Aus den gelbgrünen, intensiv duftenden Blüten, die täglich geerntet und rasch verarbeitet werden müssen, gewinnt man das begehrte ätherische Öl. Blüten und Öl finden auch in der Volksmedizin Verwendung, das Holz eignet sich für den Bau kleiner Boote, Trommeln und Kisten sowie zum Schnitzen.
Lemuren
Im Park selbst bekommen wir einen neuen, fachkundigen Führer zugeteilt. Ohne ihn würden wir viele der kleinen Tiere und seltenen Pflanzen kaum entdecken. Abdul wartet derweil mit seinem Tuk-Tuk am Ausgang. Zu Fuss geht es durch den tropischen Wald. Malerische Pfade führen an exotischen Pflanzen und Orchideen vorbei zu den Lemuren. Palmblätter schützen uns vor dem einsetzenden tropischen Regenguss.
Die putzigen, pelzigen Halbaffen kommen ausschliesslich auf Madagaskar und den vorgelagerten Inseln vor. Sie zählen zu den ursprünglichsten heute lebenden Primatenlinien. Viele Arten besitzen grosse Augen und sind nachtaktiv, andere wiederum sind tagsüber unterwegs. Auf Madagaskar leben heute über 100 Lemurenarten.
Die meisten verbringen ihr Leben auf den Bäumen und ernähren sich von Blättern, Früchten, Blüten oder Insekten. Viele Arten sind durch die Zerstörung ihres Lebensraums und durch Wilderei stark gefährdet.
Man könnte einwenden, Lemuren gebe es auch in Basel zu sehen – und man hätte nicht ganz unrecht. Allerdings nur dann, wenn sie aus dem Zolli entwischt wären und durch die Strassen spazierten. Solche Ausflüge sind heute kaum mehr möglich. Im Lemuria-Park hingegen bewegen sich die Halbaffen weitgehend frei im Gelände. An einer Fütterungsstelle begegnen wir ihnen: Mit erstaunlicher Leichtigkeit schwingen sie sich durch die Bäume und hüpfen am Boden beinahe tänzerisch auf den Hinterbeinen dahin. Ein herrlicher Anblick.
Der Lemuria-Park wurde von den Besitzern der nahegelegenen Ylang-Ylang-Destillerie aufgebaut. Logisch, dass wir auch einen Blick auf die noch aus der Kolonialzeit stammenden Destillationsanlagen werfen. In Dutzenden historischer Destillationskessel wird aus den gelben Blüten das begehrte Ylang-Ylang-Öl für die Parfümindustrie gewonnen. Das Endprodukt geht noch heute an einige der renommiertesten Parfümhersteller der Welt. Wabert da ein Hauch von Chanel No. 5 durch die ehrwürdigen Hallen – oder duftet es eher nach Dior oder Yves Saint Laurent?
Die Pest an Bord?
Nein. Natürlich hatten wir die Pest nicht an Bord. Aber so beginnt nun einmal ein altes Seemannslied, das wir später auch bei den Pfadfindern gesungen haben.
Während des Russisch-Japanischen Krieges (1904–1905) musste das Zweite russische Pazifikgeschwader auf dem Weg nach Port Arthur – dem damaligen russischen Marinestützpunkt auf der Liaodong-Halbinsel in Nordchina – bei Nosy Bé Halt einlegen. Mit Erlaubnis Frankreichs lagen 25 Kriegsschiffe mit fast 10 000 Matrosen wochenlang in der Bucht von Hell-Ville und warteten auf Reparaturen und Verstärkung. Die Bucht trägt seither den Namen «Russian Bay».
Während der Wartezeit breiteten sich an Bord Krankheiten aus, und ein leckgeschlagenes Transportschiff sank. Einige der verstorbenen russischen Seeleute wurden auf dem Friedhof von Hell-Ville beigesetzt, andere erhielten eine Seebestattung. Ein Denkmal auf der Insel erinnert bis heute an diese Ereignisse.
Anderen Berichten zufolge wurde ein Schiff zurückgelassen; der letzte der dort verbliebenen Seeleute soll erst 1936 gestorben sein. Ein weiteres Transportschiff wurde mit Straffälligen, Erkrankten, Selbstverstümmlern und psychisch Kranken zurück nach Russland geschickt.
Oft wird vermutet, die Ereignisse jener Wochen hätten das Seemannslied «Wir lagen vor Madagaskar» inspiriert. Belegen lässt sich dieser Zusammenhang allerdings nicht.
Hell-Ville und die Italiener
Nosy Bé gilt als bedeutendste Tourismusdestination Madagaskars. Es gibt mehrere Hotels mit westlichem Standard, und der Flughafen im Osten der Insel bietet Inlandverbindungen sowie saisonale internationale Flüge nach Europa und auf Inseln des westlichen Indischen Ozeans. Behindert wird die touristische Entwicklung allerdings durch die mangelhafte Infrastruktur, zunehmende Kriminalität und ein wachsendes Problem mit Sextourismus.
Nosy Bé wird oft als «Insel der Italiener» bezeichnet. Die Präsenz italienischsprachiger Urlauber ist unübersehbar. Spaghetti, Espresso oder sonnengereifte Tomaten – italienische Lebensart ist auf der Insel allgegenwärtig. Direktflüge ab Mailand, häufig in Kombination mit Pauschalreisen in Resorts, machen die Anreise besonders bequem.
In der nächsten Reportage erfahren Sie, weshalb die Stadt Antsiranana ein Geheimtipp ist – und wir berichten von einem Unheil, das uns verschont hat. Bis dann!
Geschichten aus dem Indischen Ozean
vs. Hanspeter Gsell (Sissach), Autor und «Volksstimme»- Kolumnist, ist wieder unterwegs – dieses Mal auf dem Schiff: Auf einer Fahrt durch den Indischen Ozean konnte er eine ganze Menge neuer Inseln sammeln. Die siebenteilige Serie in der «Volksstimme» beinhaltet Reportagen und Geschichten aus Mombasa, Sansibar, Madagaskar, Praslin und La Digue. In lockerer Reihenfolge veröffentlichen wir seine Erzählungen. Unser Tipp: Lesen Sie auch zwischen den Zeilen. Eine Sommerserie, nicht nur für Daheimgebliebene!






