Leben wie vor hundert Jahren
26.03.2026 SissachChristine Grieder betreibt ein Freilichtmuseum
Früher rettete sie Gebrauchsgegenstände und kleinere Antiquitäten vor der Entsorgung in der Schweiz, danach Gebäude in Neuseeland. Vor 34 Jahren wanderte Christine Grieder mit ihrem Mann und drei Kindern aus, blieb aber ...
Christine Grieder betreibt ein Freilichtmuseum
Früher rettete sie Gebrauchsgegenstände und kleinere Antiquitäten vor der Entsorgung in der Schweiz, danach Gebäude in Neuseeland. Vor 34 Jahren wanderte Christine Grieder mit ihrem Mann und drei Kindern aus, blieb aber mit ihrer Sissacher Heimat eng verbunden.
Brigitte Keller
Selbstversorgung, Dingen ein zweites Leben schenken, für seine Ideen kämpfen und ein grosses Interesse für Geschichte: Das sind ein paar Stichworte, die einem zu Christine Grieder (68) einfallen, wenn man sich etwas Zeit nimmt, um ihr zuzuhören. Dies kann man beispielsweise tun, indem man die SRF1-Radiosendung «Die fünfte Schweiz» vom 1. März nachhört. Die «Volksstimme» wollte noch etwas mehr wissen von der Sissacherin und hat mit ihr telefoniert.
Heutzutage ist es ein Leichtes, ein Telefonat zwischen der Schweiz und Neuseeland zu führen. Es ist kostenlos möglich und man kann sich dabei sogar noch gegenseitig sehen. Damals, im Oktober 1992, als Christine Grieder zusammen mit ihrem neuseeländischen Mann und drei Kindern in der neuseeländischen Stadt Auckland ankam, gab es weder Internet, geschweige denn Smartphones. Aus Neuseeland in die Schweiz zu telefonieren habe damals 2,87 Dollar pro Minute gekostet, erzählt Grieder. Das wisse sie noch genau, weil sie vier Tage nach ihrer Ankunft ihrem Vater telefonisch zu seinem Geburtstag gratulierte.
Christine Grieders Vater war Gründer und Betreiber der Firma Grieder Bauteile AG. Nach der obligatorischen Schule bewarb sich die junge Sissacherin bei der Kunstgewerbeschule in Basel und wurde zugelassen. Ihr Vater befand jedoch, dass sie das auch noch machen könnte, wenn sie davor eine «richtige» Lehre abgeschlossen hätte. Also absolvierte seine Tochter eine kaufmännische Lehre bei der damaligen Filiale des Bankvereins in Sissach. Etwas später konnte sie die Bäuerinnenschule im Ebenrain besuchen, ein lang gehegter Wunsch von ihr. «Wir haben dort so vieles gelernt, was ich heute noch anwenden kann», sagt Grieder.
Verständigung mit Wörterbuch
1989 lernte Christine Grieder durch einen gemeinsamen Bekannten einen jungen Neuseeländer auf Durchreise namens Robert kennen. «Am Anfang brauchten wir immer ein Wörterbuch, um uns verständigen zu können», erzählt sie. Ihr Mann habe dann aber zum Glück Deutsch gelernt. Sie heirateten, bekamen eine Tochter und entschieden sich, zusammen mit Christine Grieders beiden Kindern aus ihrer früheren Beziehung nach Neuseeland auszuwandern. Sie habe damals kaum etwas über das Land am anderen Ende der Welt gewusst, gesteht Grieder, das Internet habe es ja noch nicht gegeben.
Sicherheitshalber packte sie also für die Auswanderung Zelt, Schlafsäcke und jede Menge Geschirr ein. «Ich bin mit insgesamt 170 Kilogramm Gepäck in Neuseeland angekommen», erinnert sie sich. Die erste Zeit sei sehr hart gewesen. Sie wohnten in Süd-Auckland, dem ärmsten Quartier in der Stadt, und sie habe noch kaum Englisch gesprochen. «Ich habe ein paar Mal daran gedacht, zurückzukehren, aber ich hielt durch, und darüber bin ich froh», sagt Grieder.
Einige Zeit später zog die Familie ins abgelegene Hokitika an der Westküste der Südinsel. Auch dort fand Christine Grieder trotz intensiver Suche und verschiedenen Weiterbildungen in Buchhaltung keine Anstellung. Ihr Vater bot ihr an, weiterhin für seinen Betrieb in der Schweiz tätig zu sein, was sie dann auch über all die Jahre nebenbei beibehielt.
Ein Container voll Ware
Bei ihrem ersten Besuch 1994 in der Schweiz stellte sie fest, dass viele Dinge, die weggeworfen wurden, in Hokitika und Umgebung nirgends zu kaufen waren. Und so fing sie an, noch funktionstüchtige Gegenstände wie Pfannen, Armaturen oder Küchenabdeckungen aus Chromstahl vor der Vernichtung zu retten und anschliessend mit der finanziellen Unterstützung ihres Vaters nach Neuseeland zu verschiffen. «Ich schrieb meinem Mann: ‹Schaue für einen Laden, ich bringe einen Container voll Ware.› Er schrieb mir zurück: ‹I am shocked!›.» Doch ihr schockierter Mann machte sich auf die Suche, und als der erste Container am Zielort eintraf, stand ein Ladenlokal bereit. Ab da konnte die junge Familie vom Verkauf der von Christine Grieder herbeigeschafften Dinge aus der Schweiz – es folgten 17 weitere Container – ihren Lebensunterhalt bestreiten. In einem der Container befand sich tatsächlich auch eine alte massive Eingangstüre aus Eiche aus dem «Volksstimme»-Gebäude. «Sie stand im dortigen Keller und der damalige Chef hat sie meinem Vater mitgegeben. Wir bauten sie in unser Haus in Hokitika ein, wo sie wohl noch heute ist», erzählt Christine Grieder.
Faszination für Geschichte
Nach neun Jahren in Hokitika, wo es immer viel regnen würde, zog Christine Grieder mit ihren Kindern in die Nähe von Nelson im Norden der neuseeländischen Südinsel. Diese Gegend gälte als eine der sonnigsten des Landes. «Dort begang mich auch die Geschichte des Ortes mehr und mehr zu faszinieren.» Sie trat der lokalen «Historical Society» bei und begann, sich für den Erhalt alter Gebäude und Artefakte einzusetzen. 2012, im Hinblick auf geplante Anlässe zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg, wurde der Verein um Unterstützung gebeten, um die Geschichte über einheimische Soldaten zu recherchieren. Christine Grieder meldete sich und half mit, die Stammbäume zusammenzutragen. «Danach konnte ich nicht mehr aufhören», erklärt Grieder, «ich hatte so viel Interessantes über den Ort Nelson und seine Geschichte herausgefunden, dass ich weitermachen musste.» Ihr Wissen wuchs beständig, auch über die ersten Schiffe der Pioniere, die 1841 ankamen. Tausende von Einträgen habe sie seither in Wikitree, der kollaborativen genealogischen Website, eingetragen.
Und ehe sich Christine Grieder versah, wurde ihre Leidenschaft und ihr Einsatz für den Erhalt von historisch Wertvollem wieder einmal ganz handfest: Sie kaufte ein ehemaliges Gefängnis und baute es mit Hilfe ihres neuen Lebenspartners auf ihrem Grundstück wieder auf. Bald folgte eine alte Kirche aus dem Jahr 1880. Diese konnte sie für 15 000 Dollar erstehen und liess sie auf zwei Lastwagen zu ihrem Grundstück transportieren. Das Dach musste dazu abgetrennt werden.
Lebendiges Museum
Die Ansammlung alter Gebäude wuchs beständig. Mittlerweile ist daraus ein Freilichtmuseum, das «Willow Bank Heritage Village», geworden. Neben der Kirche, in dem sich ein viktorianisches Café befindet, gibt es auch ein «Post Office», verschiedene Läden, eine Schule, ein Spital und noch vieles mehr. Besucherinnen und Besucher werden in Kleidern wie vor hundert Jahren begrüsst. Auch dafür ist Christine Grieder verantwortlich: Sie hat alle eigenhändig geschneidert. «Das ist etwas vom Liebsten, was ich mache.»
«Schulklassen kommen zu uns und können einen ganzen Schultag wie anno dazumal erleben inklusive Schiefertafeln, Tintenfass und Schreibfedern sowie einem strengen Lehrer mit Stock», sagt Grieder. Sie musste hart dafür kämpfen, dass sie einen antiken Holzofen in die Schule einbauen durfte. Die Behörden waren zuerst strikt dagegen. Da habe sie gesagt: «Dann höre ich direkt auf.» So gelang es ihr dennoch, den Ofen bewilligt zu bekommen.
Neben ihr und ihrem Partner Scott arbeiten auch ihre ältere Tochter Medea und ihre Schwiegertochter Rawinia für das Freilichtmuseum. Finanziert wird es aus den bescheidenen Eintrittsgeldern und Spenden. «Unterstützung vom Staat bekommen wir keine», sagt Grieder. Allerdings wolle sie das auch nicht, weil sich dieser sonst überall einmische und unzählige Vorschriften erlassen würde. Viele Dinge, wie sie vor 100 Jahren gang und gäbe waren und in ihrem lebendigen Museum ausprobiert werden können, wie beispielsweise das Bedienen einer Wäschemangel, wären dann aus Haftungsgründen wahrscheinlich nicht mehr erlaubt.
Umso mehr freut sich Christine Grieder, wenn die Besucher einen «Batzen» in die Spendenbox werfen, wie kürzlich ein Ehepaar aus der Schweiz: «Sie sagten mir, dass 7 Dollar Eintritt, was umgerechnet 3.50 Franken entspricht, viel zu niedrig sei. Darauf legten sie 300 Dollar in die Box.»


