Zum Beispiel die erste Überschrift kürzlich in der «BaZ»: «Handwerker ächzen unter Wohnschutz-Bestimmungen». Sie umfasst 47 Anschläge, die Leerschläge mitgezählt. «Der Beschuldigte macht das Opfer nachträglich zur Täterin», der ...
Zum Beispiel die erste Überschrift kürzlich in der «BaZ»: «Handwerker ächzen unter Wohnschutz-Bestimmungen». Sie umfasst 47 Anschläge, die Leerschläge mitgezählt. «Der Beschuldigte macht das Opfer nachträglich zur Täterin», der Titel auf der zweiten Seite, bringt es sogar auf 59 Zeichen. Deutlich länger ist «Marco Rubio trifft Papst Leo XIV., um die Tirade von Trump wiedergutzumachen» auf Seite 9. Den Tagesrekord erreicht aber «Keir Starmer lehnt seinen Rücktritt ab, doch die Parteirebellen bleiben hartnäckig». 82 Zeichen finden sich hier vereinigt. Offensichtlich trägt man in der Titel-Mode gegenwärtig lang.
Zwei deutsche Journalisten-Lehrmeister verfassten zu diesem Thema sogar einst ein 180-Seiten-Buch. Die Überschrift: «Die Überschrift». Jede Redaktionsstube pflegt aber ihre eigenen Richtlinien: Da schustern «Schurnis» stimmungsvolle Stabreime, schöner als weiland Schiller; es gibt die Präsensund die Präteritum-Fraktion, bei der einen holt ZS den Titel, bei der anderen holte er ihn. Bei den Überschriften galten lange lange als langweilig. Heute sind sie zurück.
Die Autorinnen und Autoren von Memoiren bewegen sich in die entgegengesetzte Richtung. Nehmen wir sie zum Massstab, so sind gerade Titel in Mode, die kurz und knackig sind. Sie beschränken sich sogar oft auf ein einziges Wort. Bis vor wenigen Monaten lagen in den Buchhandlungen auf den Tischen mit den angesagten Autobiografien Werke wie Angela Merkels «Freiheit» neben Navalnys «Patriot» und «Hoffe», der Lebensgeschichte des verstorbenen Papstes Franziskus.
Auch wenn es gewagt ist, seinen Namen neben diesen Persönlichkeiten zu nennen, so sei hier auch noch «Reserve» erwähnt, die Frustbewältigung von Starmers Landsmann Prinz Harry zwischen zwei Buchdeckeln. Die Autobiografie der ehemaligen First Lady Michelle Obama trägt im Original den Titel «Becoming», und Bill Clinton schreibt sein Leben nach der Präsidentschaft unter dem Titel «Citizen» nieder. Noch knapper fasst sich da nur noch der frühere Fussball-Goalie Oliver Kahn mit seiner Lebensgeschichte. Er (oder vielmehr sein Verlag) verpasste ihr den Titel «Ich».
Jürg Gohl