«Kommunalpolitik ist keine Parteipolitik»
18.06.2026 DiepflingenStefanie Orlandi gibt ihr Amt als Gemeindepräsidentin ab
Stefanie Orlandi war acht Jahre im Gemeinderat von Diepflingen, davon stand sie dem Dorf im Homburgertal drei Jahre als Präsidentin vor. Die Noch-Gemeindepräsidentin blickt auf eine intensive Amtszeit zurück, die ...
Stefanie Orlandi gibt ihr Amt als Gemeindepräsidentin ab
Stefanie Orlandi war acht Jahre im Gemeinderat von Diepflingen, davon stand sie dem Dorf im Homburgertal drei Jahre als Präsidentin vor. Die Noch-Gemeindepräsidentin blickt auf eine intensive Amtszeit zurück, die sie als Person sehr geprägt habe.
Sander van Riemsdijk
Mit dem Abschied ist es so eine Sache, gerade in amtlichen Funktionen. Er kommt in der Regel nicht ganz unerwartet. Doch wenn die betreffende Amtsperson den Rücktritt bekannt gegeben hat, wird in der Bevölkerung nach Gründen gesucht. Insbesondere dann, wenn die Demission mitten in einer laufenden Legislaturperiode erfolgt, wie bei der Diepflinger Gemeindepräsidentin Stefanie Orlandi (41).
Bereits vor rund einem Jahr teilte sie im Gemeindeanzeiger mit, dass sie ihr Amt auf Ende Juni 2026 niederlegen werde und damit einen Schlussstrich unter ihre Arbeit in der Dorfexekutive ziehe. «Damit genügend Zeit bleibt, die Nachfolge zu regeln», begründete die Noch-Gemeindepräsidentin die frühe Bekanntmachung.
In diesem Schreiben an die Bevölkerung hiess es, dass der Rücktritt «aus persönlichen Gründen» erfolge. Das macht natürlich neugierig. «Ich habe einige private Pläne, die ich in Zukunft gerne umsetzen möchte», sagt Orlandi, die verheiratet ist und zwei Kinder hat. «Ich werde unter anderem eine Weiterbildung zur Fachfrau Sozialversicherungen absolvieren. Dieser grosse zeitliche Aufwand lässt sich schlicht mit dem Amt, meiner Arbeitsstelle und der Familie nicht in Einklang bringen.» Orlandi arbeitet als Teamleiterin HR und Rechnungswesen sowie als Payroll-Expertin bei einem Unternehmen in Basel.
«Wollte etwas zurückgeben»
Wenn Stefanie Orlandi auf ihre Zeit in der Dorfpolitik zurückblickt, die nach Jahren als Präsidentin des Wahlbüros im Juli 2018 mit der Wahl in den Gemeinderat begann und im Februar 2023 mit dem Gemeindepräsidium ihre Fortsetzung fand, findet sie nur lobende Worte und grosse persönliche Genugtuung. «Ich habe viel Herzblut in das Amt gesteckt und die Gemeindearbeit, inklusive des Präsidiums, immer sehr gerne gemacht. Ich konnte manche Themen einbringen, durfte aber auch vieles lernen.» Sie fügt an: «Die Aufgabe hat meine persönliche Entwicklung sehr geprägt.»
Sie sagt dies mit so viel Überzeugung, dass man es ihr gerne glaubt. Stefanie Orlandi lacht während des Interviews im Sitzungszimmer des Gemeindehauses oft und herzlich. Mit ihrer Frohnatur und ihrer einnehmenden Art vermittelt sie den Eindruck, dass es ihr nicht schwerfiel, ihre Kolleginnen und Kollegen im Ratskollegium für eine Sache zu begeistern. «Mein Führungsstil war partizipativ», sagt sie. «Jeder konnte sich einbringen und an den Entscheidungsprozessen teilhaben.» Dem Gemeinderat stellt sie ein gutes Zeugnis aus und lobt dabei ausdrücklich die kollegiale Zusammenarbeit im Gremium. «Sie war immer konstruktiv und wertschätzend.»
Sich für ein politisches Amt in der eigenen Gemeinde zu engagieren, kommt für immer weniger Menschen infrage. Stefanie Orlandi jedoch war von Anfang an von der Arbeit in der Kollegialbehörde fasziniert. «Spannend an der Aufgabe ist vor allem, dass man in einem Team die Dorfentwicklung aktiv mitgestalten und mit interessanten Projekten beeinflussen kann.» Den Reiz des Amts sieht sie in der Sinnhaftigkeit des Tuns. «Man setzt sich ja zugunsten der Allgemeinheit ein.»
Geboren und aufgewachsen in Zunzgen, ist sie mit ihrem Mann vor rund 14 Jahren nach Diepflingen gezogen und dort herzlich aufgenommen worden, wie sie sich noch gut erinnert. «Ich wollte mit meinem Engagement im Gemeinderat dem Dorf etwas zurückgeben.»
Begrenzter Handlungsspielraum
Die grösste Herausforderung im Amt als Gemeindepräsidentin liege ihrer Ansicht nach in einer guten Mischung aus Nähe und Distanz zur Bevölkerung sowie darin, eine möglichst gute Lösung für möglichst viele Bürgerinnen und Bürger zu finden. Auch wenn man es nicht allen recht machen könne. Kritik gelte es auszuhalten, insbesondere in einem Dorf, wo jeder jeden kenne. «Es braucht manchmal schon ein dickes Fell. Wichtig ist, dass man sich abgrenzt und die Kritik nicht persönlich nimmt.»
Oft sei die präsidiale Arbeit auf strategischer und operativer Ebene ein Spagat gewesen, so Orlandi. «Der eigene Handlungsspielraum ist durch Gesetze und Kompetenzregelungen sehr begrenzt. Man ist in der Entscheidungsfindung an die gesetzlichen Rahmenbedingungen gebunden und muss zum Teil Kompromisse eingehen, auch wenn man vielleicht bessere Lösungen für das Dorf sieht.» Und sie schiebt nach: «Kommunalpolitik ist schliesslich keine Parteipolitik.»
Die politische Arbeit solle sich grundsätzlich am Gemeinwohl orientieren. Das ist in Zeiten einer starken gesellschaftlichen Individualisierung keine einfache Aufgabe. Dazu hat Stefanie Orlandi eine klare Meinung: «Ich trage immer zwei Hüte. Entweder bin ich als Gemeindepräsidentin unterwegs oder als Privatperson. Ich bin Mutter von zwei Kindern und kann an Gemeinderatssitzungen nicht den ‹Mami-Hut› tragen. Ich muss immer wieder die richtige Balance finden.»
Herausfordernd war laut der Gemeindepräsidentin vor allem das starke Bevölkerungswachstum in den vergangenen Jahren in «ihrer» Gemeinde und die damit verbundene Aufrechterhaltung der Infrastruktur. Hatte das Dorf 2012 noch weniger als 600 Einwohnerinnen und Einwohner, sind es inzwischen 860. Prägend für ihre Amtszeit waren auch der Grossbrand eines Gewerbegebäudes am Löhrweg im Jahr 2022 sowie der Brand an der Photovoltaikanlage auf dem Schulhausdach.
Digitalisierung vorangetrieben
Als Herausforderung für die politische Arbeit in Diepflingen sieht Orlandi die Zusammensetzung des Gemeinderats mit einer ausgewogenen Alters- und Geschlechterdurchmischung. «Wir im Gremium werden alle älter und nach meinem Weggang ist mit Damaris Bracher leider nur noch eine Frau vertreten. Wenn ein Gemeinderat alters- und geschlechterdurchmischt ist, finden andere Diskussionen mit unterschiedlichen Ansichten statt.»
Einen hohen Stellenwert in ihrer politischen Agenda hatte der Prozess der Digitalisierung in der Verwaltungsarbeit. Die digitale Umstellung, die klar ihre Handschrift trägt, habe nicht nur die Aufgaben der Ratsmitglieder vereinfacht, sondern auch die Attraktivität eines kommunalen Amts erhöht. «Man ist mit der Digitalisierung ortsunabhängiger und nicht immer zeitlich gebunden. Das entlastet mich sehr und macht die Gemeindearbeit für mich persönlich kompatibler mit Familie und Beruf.» Auch im Rahmen des Austauschs mit anderen Gemeinden könnten im Informatikbereich und in der Personaladministration Synergien genutzt werden, so Orlandi.
Nach acht intensiven Amtsjahren hat die Noch-Gemeindepräsidentin keine weiteren politischen Ambitionen. «Ich freue mich, wieder mehr Zeit für die Familie und für mein Hobby, das Kleidernähen, zu haben – und dies ohne kommunale Verpflichtungen.» Dieter Wüthrich, derzeit Vizepräsident, wird ab 1. Juli den Führungsstab von Stefanie Orlandi übernehmen.
«Müssen nicht alles den Grossen überlassen»
Frau Orlandi, hatten Sie dazumal als angehende Gemeinderätin Erwartungen an das Amt und sind diese erfüllt worden?
Stefanie Orlandi: Ich hatte am Anfang keine grossen Erwartungen an das Amt. Ich liess es auf mich zukommen und habe mich mit dem Amt und meinen Ressorts laufend entwickelt. Zudem habe ich immer mehr die Wichtigkeit erkannt, dass auch Vertreter von kleinen Gemeinden in verschiedenen Gremien viel Wichtiges bewirken können. Wir müssen nicht alles den grossen Gemeinden überlassen.
Wie haben Sie Beruf, Familie und das politische Amt unter einen Hut gebracht?
Das habe ich durch grossen Support von meinem Mann, meiner Familie und meinem Umfeld geschafft. Ohne Unterstützung wäre es nicht möglich gewesen, die ganzen abendlichen Sitzungen wahrzunehmen.
Wie konnten Sie abschalten?
Das Amt richtet sich nicht nach Bürozeiten und man ist auch ausserhalb der «normalen» Arbeitszeiten immer mal wieder gefordert. Ich habe mir aber erlaubt, dass ich während meinen Ferien nicht erreichbar bin. Doch in dringenden Notfällen wäre ich «da» gewesen. Das war aber zum Glück nie erforderlich. Die Stellvertretungen funktionieren bei uns in der Regel sehr gut und Dieter Wüthrich hat mich während meinen Ferien jeweils sehr gut vertreten.
Was waren die Momente in Ihrer Amtszeit, über die Sie herzhaft lachen können?
Wir hatten immer wieder ausgeprägte Lacher während den Gemeinderatssitzungen. Wichtig ist es, dass man neben der Ernsthaftigkeit der Tätigkeit für das gute Miteinander auch gemeinsam Lachen kann.
Was werden Sie vermissen?
Die Zusammenarbeit, das Networking und die vielen Kontakte zu unterschiedlichen Menschen. Zudem die spannenden Diskussionen und den Austausch über viele spannende Themen.
Welchen Rat haben Sie Ihrem Nachfolger Dieter Wüthrich mit auf den Weg gegeben?
Dieter Wüthrich hat mir als Vizepräsident stets Unterstützung geboten und mich zum Teil geerdet. Ich wünsche ihm viel Erfolg in der Ausübung des Amtes. Ich bin überzeugt, dass er Diepflingen zusammen mit dem Gesamtgemeinderat gut durch alle Herausforderungen bringen wird.
STEFANIE ORLANDI
svr. Stefanie Orlandi ist 41 Jahre alt, verheiratet und Mutter von zwei Kindern im Alter von neun und elf Jahren. Sie ist in Zunzgen geboren und aufgewachsen. Im August 2012 ist sie nach Diepflingen gezogen. 2018 wurde sie in den Gemeinderat und 2023 zur Gemeindepräsidentin gewählt. Von Beruf ist sie Teamleiterin HR & Rechnungswesen sowie Payroll-Expertin des Unternehmens ICB AG in Basel. Neben Hobbys wie Schwimmen, Skifahren, Wandern und Reisen näht sie gerne Kleidung.


