Knackpunkt Denkmalschutz
08.05.2026 WintersingenDas «Rössli» soll durch einen Neubau mit Wohnungen und Beiz ersetzt werden
Eine Genossenschaft will das vor Jahren eingeschlummerte «Gasthaus zum Rössli» abreissen und durch einen Neubau ersetzen. Vorgesehen sind 15 altersgerechte Wohnungen sowie eine ...
Das «Rössli» soll durch einen Neubau mit Wohnungen und Beiz ersetzt werden
Eine Genossenschaft will das vor Jahren eingeschlummerte «Gasthaus zum Rössli» abreissen und durch einen Neubau ersetzen. Vorgesehen sind 15 altersgerechte Wohnungen sowie eine Dorfwirtschaft.
Christian Horisberger
Stapelweise Teller auf einer Bank, auf dem Fensterbrett ein gutes Dutzend Boccalini und darunter Krimskrams wie eine matte Trompete, ausgelatschte Militärschuhe, gerahmte Fotos, eine Heizdecke oder eine Registrierkasse der vorvorvorletzten Generation: In der ehemaligen Gaststube des Restaurants «Rössli» in Wintersingen stehen die Zeichen längst auf Abschied. Das zur Schau gestellte Rest-Inventar der einstigen Dorfbeiz stammt noch von einem Flohmarkt, der hier vor einem Jahr stattgefunden hat.
Die guten Tage des Gasthauses, das bei den Vereinen im Dorf beliebt und für seine Metzgete über Wintersingen hinaus bekannt war, liegen weit zurück, die Bierzapfanlage – auch die wollte am Flohmarkt niemand haben – ist seit etwa einem Jahrzehnt ausser Betrieb. Damals hat die «Rössli»-Eigentümerin und Wirtin Anita Speiser, mehr als 70-jährig, endgültig aufgestuhlt, nachdem sie die Öffnungszeiten nach und nach reduziert hatte.
Schon da stand die Idee im Raum, eine Nachfolgelösung zu suchen, damit Wintersingen den neben dem Bistro im Gemeindehaus einzigen Gastronomiebetrieb nicht verliert. Doch die Eigentümer waren an einem Verkauf nicht interessiert. Dies hat sich inzwischen geändert. Die Speisers sind schon vor einer Weile nach Gelterkinden in eine Alterswohnung gezügelt und ihre Liegenschaft steht zum Verkauf. Eine Gruppe von Wintersingern, denen das «Rössli» ans Herz gewachsen ist, hat die Idee, den Restaurationsbetrieb zu erhalten, wieder aufgegriffen und sich zu diesem Zweck in einer Genossenschaft organisiert.
15 Wohnungen und eine Beiz
In der «Rössli»-Gaststube weihen die Vorstandsmitglieder Heini Bachmann (Präsident), Ernst Roth, Daniel Engel und Daniel Anderegg die «Volksstimme» ein, wie das Vorhaben wirtschaftlich tragbar umgesetzt werden könnte: mit einem Neubau, der neben dem Restaurant 15 altersgerecht ausgebaute 2,5- und 3,5-Zimmer-Wohnungen enthält.
Vom Bedarf an Mietwohnungen sind die Genossenschafter überzeugt: In Wintersingen gebe es zurzeit nur zwei Mehrfamilienhäuser mit einer bescheidenen Anzahl Mietwohnungen, sagt Vorstandsmitglied Daniel Engel, gleichzeitig Wintersinger Gemeinderat. Wem sein Einfamilienhaus zu gross werde, sei heute praktisch gezwungen, das Dorf zu verlassen. Die Wohnungen würden zwar altersgerecht – mit Lift – gebaut, aber nicht nur an Seniorinnen und Senioren vermietet.
Auch an das Potenzial eines Restaurants glauben die Genossenschafter, obwohl Wintersingen bereits über einen kleinen Gastro-Betrieb verfügt und die Branche derzeit nicht gerade floriert. Ein Lokal mit regelmässigen Öffnungszeiten – auch am Wochenende –, einer attraktiven Karte, einem Treffpunkt, wo die Schützen, Chorsängerinnen, Blechmusiker oder Turnerinnen ihren Vereinsabend ausklingen lassen können und wo sich auch Wanderer, Velo- und Töfffahrer willkommen fühlen, habe mit dem richtigen Pächter gute Chancen. Dies auch deshalb, weil die Pacht nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet werde.
Das laut den Genossenschaftern baufällige ehemalige Gasthaus mit Restaurant, Metzgerei und Ökonomieteil befindet sich unterhalb der denkmalgeschützten Kirche. Dazu gehören die Parzellen 74 und 82 mit insgesamt 1061 Quadratmetern Fläche. Zwischen den beiden Grundstücken verläuft die Zufahrt zu zwei Wohnhäusern.
Nicht unter Schutz, aber …
Bei Bauvorhaben im Wintersinger Dorfkern ist zu berücksichtigen, dass es sich um ein national geschütztes Ortsbild (Isos) handelt. Zudem steht das «Rössli» als Einzelobjekt zwar nicht unter Denkmalschutz, doch wird es im Bauinventar des Kantons Baselland (BIB) wie folgt gewürdigt: «Das nach einem Brand 1912 wiederaufgebaute Gasthaus mit Festsaal verkörpert ein Stück Dorfkultur der Jahrhundertwende. Da das breitgelagerte Gasthaus in einer leichten Kurve steht, ist der lokalhistorisch wichtige Treffpunkt zusammen mit der erhöhten Kirche von weit her sichtbar.» Die dreiteilige Gliederung in Gasthaus, ehemalige Metzgerei und Ökonomie sei gut ablesbar, heisst es weiter. Als bemerkenswert wird die renovierte Hauptfassade mit den originalen Wirtshaus- und Ladentüren sowie einem Schaufenster mit einem profilierten Rahmen beurteilt. Hingegen seien diverse Anbauten an Ost- und Südseite «wenig vorteilhaft». Genossenschaftspräsident Heini Bachmann ergänzt, dass der schlichte Jugendstil, in dem das «Rössli» erbaut wurde, zeit-, aber nicht ortstypisch gewesen sei.
Um beim Abriss dem Ortsbild und dem historischen Erscheinungsbild des Gasthauses Rechnung zu tragen, soll der Neubau aus der Feder eines ortsansässigen Architekten äusserlich und im Volumen dem bestehenden Gebäude nachempfunden werden. Mit der Ausnahme, dass drei Vollgeschosse erstellt werden sollen anstatt nur deren zwei wie beim heutigen Haus. Dies sei im bestehenden Gebäudevolumen möglich, «weil die Raumhöhe des früheren Tanz- und Theatersaals im ersten Stockwerk ausserordentlich grosszügig bemessen ist», sagt Präsident Heini Bachmann.
Eine Variante mit dem Erhalt der historischen Mauern und nur zwei Vollgeschossen sei als erstes geprüft – und verworfen – worden, erklärt Bachmann. Diese wäre inklusive Hauskauf bis zu 5 Millionen Franken teuer geworden und es hätten höchstens 10 Wohnungen erstellt werden können, die erst noch kleiner geworden wären: «Diese Variante hätte sich nicht gerechnet.»
Kosten bei rund 4 Millionen
Die Umsetzung des aktuellen Entwurfs würde ohne das Festhalten an der Original-Fassade wesentlich vereinfacht, womit sich laut der Genossenschaft bei grösserem Nutzen tiefere Kosten ergäben. Die Schätzung liegt bei 4 Millionen Franken. Für die Finanzierung des Bauvorhabens ist die Genossenschaft auf die Zeichnung von weiteren Anteilscheinen, auf günstige Darlehen von Stiftungen und Privaten sowie auf Bankkredite angewiesen.
Bevor der Vorstand die Kapitalsuche aber richtig lanciert, muss das Projekt eine entscheidende Hürde nehmen: den Denkmalschutz. Am kommenden Dienstag wird der Vorstand der Leiterin der kantonalen Denkmalpflege, Sabine Sommerer, das Projekt erörtern. Dies in der Hoffnung, für den Neubau und speziell für die zugunsten eines zusätzlichen Stockwerks abgeänderte Fassade grünes Licht zu bekommen. Neben den Projektplänen wird das Dossier auch Fotos von Häusern in nächster Umgebung enthalten, um zu belegen, dass zwei volle Obergeschosse nicht ortsfremd sind. Eines davon zeigt das unter Denkmalschutz stehende Pfarrhaus vis-à-vis des «Rössli», ein anderes das Schulhaus.
Es stehe viel auf dem Spiel, sagen die Vorstandsmitglieder der Genossenschaft. Der Präsident spricht von einem «Schlüssel-Entscheid»: «Die Zukunft der Genossenschaft, die ausschliesslich für ein neues ‹Rössli› gegründet worden ist, steht und fällt mit dem Einverständnis der Denkmalpflege.»
Die Alternative wäre nach der Einschätzung der Genossenschafter «der Zerfall der Liegenschaft an prominenter Lage unterhalb der historisch wertvollen Kirche und gegenüber dem kantonal geschützten Pfarrhaus». Dies dürfe in niemandes Interesse liegen.
Genossenschaft Rössli Wintersingen
ch. Die Genossenschaft Wohn- und Begegnungszentrum Rössli Wintersingen wurde im September 2025 gegründet. Sie wird von einem vierköpfigen Vorstand unter dem Präsidium von Heini Bachmann geführt. Aktuell zählt die Genossenschaft 25 Mitglieder, die Anteilscheine für rund 50 000 Franken gezeichnet haben. Insgesamt habe die Genossenschaft etwa 60 Sympathisanten, sagt Finanzchef Daniel Engel, das seien rund 10 Prozent der Wintersinger Bevölkerung. Die Idee habe somit grossen Rückhalt im Dorf.






