Klingendes Geschenk für die Ewigkeit
11.06.2026 RickenbachEinwohner spendet eine neue Friedhofsglocke
Mehr als hundert Jahre nach der Eröffnung des Gottesackers erhält Rickenbach erstmals eine eigene Friedhofsglocke – ermöglicht durch die Spende eines Einwohners. Morgen Abend wird sie eingeweiht.
Christian ...
Einwohner spendet eine neue Friedhofsglocke
Mehr als hundert Jahre nach der Eröffnung des Gottesackers erhält Rickenbach erstmals eine eigene Friedhofsglocke – ermöglicht durch die Spende eines Einwohners. Morgen Abend wird sie eingeweiht.
Christian Horisberger
Menschen, die sich mit namhaften Geldspenden für Sport, Kultur, Natur, Bedürftige oder Gesellschaft engagieren, bleiben gerne im Hintergrund. So auch der Rentner, dem die Gemeinde Rickenbach die erste Friedhofsglocke zu verdanken hat, die morgen Freitag eingeweiht wird. Der Senior erzählt der «Volksstimme» seine Geschichte nur unter der Bedingung, dass sein Name in der Zeitung nicht erscheint. Er wäre ja auch im Dorf lieber anonym geblieben, aber er habe nicht verhindern können, dass es «die Runde macht», wer hinter der Spende für die Glocke steht. Die Rickenbacher wüssten nun Bescheid, das könne er nicht mehr ändern, aber Auswärtige bräuchten da nicht auch noch eingeweiht zu sein.
Der 83-Jährige, nennen wir ihn Rudolf Berger*, wuchs in Rickenbach auf einem Bauernhof auf, wo er bis heute lebt. Als er nach einem Todesfall eines nahen Verwandten vor einiger Zeit ein neues Testament aufsetzte, beschloss er, von seinem Erbe bereits zu Lebzeiten etwas zu verteilen. Dass er seinem Dorf, dem er während 20 Jahren als Bürgerrat gedient hatte, etwas geben würde, war für ihn von vornherein klar. Es habe sich nur die Frage gestellt, wofür.
Eine Idee mit historischem Bezug
Bei seinen Überlegungen erinnerte sich der Landwirt an ein historisches Dokument, das ihm während seines Engagements für die Bürgergemeinde in die Hände gekommen war: Um das Jahr 1900 legte Rickenbach einen neuen Gottesacker an. Theophil Handschin-Bürgin, Bandfabrikant in Säckingen, wollte sich an der Friedhofsanlage mit 2500 Franken beteiligen, unter der Bedingung, dass gleichzeitig eine Kapelle errichtet werde, die für ein kirchliches Aussehen ein Türmchen erhalte solle. Ausserdem sollten er und seine Frau einst in Rickenbach beerdigt werden dürfen. Das Geld haben die Bauherren genommen und auch eine Kapelle errichtet. Ein Türmchen jedoch hat der Abdankungsraum bis heute keines – und die Eheleute wurden in Gelterkinden beerdigt. Warum nicht in Rickenbach, lässt der Bericht zur Geschichte der Rickenbacher Kapelle von Staatsarchivar und Rickenbacher Gemeindepräsident Dr. Hans Sutter (1921 – 1988) offen.
Die Idee, sich ebenfalls für den Friedhof finanziell zu engagieren, auf dem seine Lieben begraben liegen, gefiel Berger. Und da bei Beerdigungen in Rickenbach seit Jahr und Tag die Schulhausglocke geläutet werden muss – «Früher stieg der Totengräber beim Friedhof auf einen Hügel und winkte dem Glöckner bei der Schule zu, damit dieser zu läuten begann» – sollte es eine Friedhofsglocke sein.
Als der Spender dem Gemeinderat seine Absicht kundtat, äusserte dieser den Wunsch, dass die Kosten für Betrieb und Unterhalt möglichst gering sein mögen. Auch mit der Friedhofskommission trat er in Kontakt, die vor allem beim Standort der Glocke ein Wörtlein mitzureden hatte. Schliesslich erteilte er der Muff Kirchturmtechnik AG im luzernischen Triengen den Auftrag, die in Rickenbach bereits für den Unterhalt der Schulhausglocke verantwortlich ist. Deren Chef persönlich, Thomas Muff, hat sich des Projekts angenommen und für den Klienten aus dem Baselbiet einen frei stehenden Glockenstuhl entworfen.
Kunstwerk mit Symbolik
Die Kombination von Glocke und Glockenstuhl beschreibt der Schöpfer als künstlerischen Ausdruck von Offenheit, Bewegung und Erinnerung. Die beiden Stützen oder Schilder wirkten wie Segel im Wind und symbolisierten das Tragen und Begleiten der Verstorbenen auf ihrer letzten Reise. Somit erhalte der Glockenstuhl eine spirituelle Dimension, die über seine technische Funktion hinausreiche, so Muff.
In den hinteren Schild des Glockenstuhls integriert sind der automatische Antrieb und die über eine App bediente Steuerung. Die Glocke aus Bronze ist rund 80 Zentimeter hoch, wiegt 170 Kilogramm und ihre Tonlage ist d2. Gegossen wurde die Glocke von einem Spezialisten in Ostfriesland (D). Sie trägt das Gemeindewappen von Rickenbach, das Jahr der Spende – und den Namen des Spenders: «Nicht weil ich das verlangte, sondern weil Thomas Muff sagte, dies sei so üblich!» Alleine die Herstellung der Glocke kostete mehr als 10 000 Franken; insgesamt legte der Spender für das Projekt ein Vielfaches davon aus. Wie viel genau, bleibt sein Geheimnis.
Das fixfertig auf eine Betonplatte montierte Ensemble mit einem Gesamtgewicht von 1,7 Tonnen wurde Ende Mai im Beisein des Spenders angeliefert und auf das vorbereitete Betonfundament gesetzt. Als ein Muff-Monteur die Glocke von der schützenden Plastikfolie befreit hatte, betrachtete Berger sie aus der Nähe, packte den Klöppel und schlug sie an, um ihr einen Ton zu entlocken. Er hörte zu und schwieg. Ob ihm gefiel, was er sah und hörte, war ihm nicht anzusehen. «Es ist in Ordnung», sagte er dann nur zur «Volksstimme».
Mehr als nur eine Glocke
Gemeinderätin Monika Hilber, die der Installation der Glocke ebenfalls beiwohnte, stand die Freude über das gelungene Geschenk ins Gesicht geschrieben. Ihr gefalle an der Glocke insbesondere die unbehandelte Oberfläche. Der Firma Muff wand sie ein Kränzlein dafür, wie sie auf die Wünsche der Friedhofskommission einging und dass sie den Klang der Friedhofsglocke auf den der Glocke im Schulhaus abgestimmt habe.
Die neue Glocke ist eine Ergänzung zur Umgestaltung des Friedhofs, die nach drei Jahren demnächst abgeschlossen wird. Hilber wünscht sich, dass der Friedhof beziehungsweise die «wunderschöne Kapelle» in Zukunft neben den Abdankungen vermehrt für kulturelle, gesellschaftliche und schulische Anlässe genutzt wird. In diesem Punkt seien sich nicht alle Rickenbacherinnen und Rickenbacher einig, so Hilber. Aber: «Der Herrgott will, dass sich die Menschen treffen und es schön miteinander haben.»
*Name geändert


